Back Down to Earth


[Buchrezension] Im Turm - Josiah Bancroft

"Wo ist Ihre Frau denn?", fragte Adam und reckte suchend den Hals.
Senlins Zunge war so trocken und steif wie ein Ledergürtel. Er glaubte, würgen zu müssen, wenn er zu schlucken versuchte. Er würde ein Vermögen für etwas zu trinken geben, doch schlimmer als sein Durst war das Eingeständnis, das in seiner geschwollenen Kehle drängte. Er fühlte sich wie an seinem ersten Tag vor einer Klasse; wie ein Betrüger. Was für ein Ehemann verliert seine Frau?
Er schob sich das Wäschebündel unter den Arm, bedachte Adam mit einem traurigen Lächeln und sagte: "Seltsam, dass Sie meine Frau erwähnen. Ich scheine sie verloren zu haben."

INHALT
Er ist das größte Bauwerk der Geschichte: Der Turm von Babel, mit unzählbar vielen Stockwerken, dessen Spitze man nicht einmal sehen kann, weil sie in den Wolken verschwindet. Schuldirektor Senlin war schon immer fasziniert von der Geschichte des Turms und den Erzählungen darüber - daher ist es das Ziel seiner Hochzeitsreise. Doch schon kurz nach der Ankunft verliert er in dem Gewühl seine Frau - die spaßeshalber vorher zu ihm sagte, sie würden sich im Falle des Falles einfach an der Spitze wiedertreffen. Senlin weiß: Um seine Frau zu finden, muss er in den Turm. Doch sich hindurch zu bewegen ist gar nicht mal so einfach...und auch nicht ungefährlich.

MEINE MEINUNG
Die Geschichte von Josiah Bancrofts Debüt ist die eines Indie-Werkes, das von Bloggern entdeckt und so geliebt wurde, dass es zum Bestseller wurde - ähnlich wie Weirs "Marsianer" 2014 vielleicht. "Im Turm" ist aber eine Mischung aus Science-Fiction, Fantasy und auch gefühlt ein wenig Steampunk - es ist eine offensichtlich technologisch nicht so ausgebaute Welt wie wir sie erleben, aber deutlich fortschrittlicher und einfallsreicher als man es erwarten würde, inklusive Elektrizität. Man begleitet ausschließlich den Protagonisten auf seiner Reise durch den Turm, wobei jedes Kapitel von einem Buchauszug begleitet wird, der einen Bezug zum Inhalt hat. Der Schreibstil ist etwas unnahbar, was aber auch mit dem Hauptcharakter zu tun hat.

Senlin ist nämlich kein sonderlich warmherziger Mensch - es fällt ihm schwer, Gefühle zu zeigen oder auch nur darüber zu reden. Trotzdem, das wird im Laufe der Handlung klar, liegt ihm sehr viel an seiner Frau, und grundsätzlich versucht er, das Richtige zu tun. Obwohl ihm immer wieder mitgeteilt wird, dass sich im Turm keine Freunde finden lassen, gelingt es ihm dennoch, mit seinen guten Absichten und seiner Fähigkeit zu vergeben, ein ums andere Mal Anhänger zu finden. Es dauert seine Zeit, aber man lernt ihn schätzen. Auch die Nebenfiuren muss man erst einmal kennen lernen: Seine Frau Marya, deren fröhliche und gutmütige Art man in Rückblicken mitbekommt; der junge Adam, der alles für seine Schwester tun würde; die verschiedenen Gegenspieler, die nur auf ihr persönliches Fortkommen aus sind. Es ist nicht immer einfach, die Personen und ihre Absichten einzuschätzen, aber genau das macht sie auch so interessant.

Es hat seine Zeit gedauert, bis ich mich auch in die Geschichte eingefunden habe. Da Senlin als Protagonist die erste Hälfte über so unnahbar ist, ist es auch schwierig, wirklich mit ihm mitzufiebern - obwohl es so einige überraschende Entdeckungen im Turm gibt. Je weiter er nach oben gelangt und je mehr Hinweise er zum Aufenthaltsort seiner Frau erhält, desto spannender wird die Erzählung aber auch. Es gibt nicht wenige Menschen im Turm, die ihm auf die ein oder andere Weise schaden wollen, sodass er quasi fast durchgehend in Alarmbereitschaft sein muss. Vor allem zum Ende hin wird es dann aber richtig nervenaufreibend: Nicht nur muss Senlin zum wiederholten Male einen absurden Plan aushecken, auch kommt es zu so einigen finalen Auseinandersetzungen. Da dies der erste Teil einer Reihe ist, endet das Ganze natürlich relativ offen - und macht damit unweigerlich Lust darauf, zu erfahren, was der Turm in den nächsten Stockwerken für die Charaktere bereit hält.

FAZIT
Die von Josiah Bancroft geschaffene Welt ist ganz anders, als man sie aus sonstigen Fantasy-Romanen kennt - vor allem, weil sie sich auf nur einen einzigen Ort beschränkt - und daher erst einmal schwer zu durchschauen und zu verstehen. Hat man sich aber insbesondere an den Protagonisten gewöhnt, entwickelt "Im Turm" seinen ganz eigenen Sog. 4 Punkte!

https://www.randomhouse.de/Paperback/Im-Turm/Josiah-Bancroft/Heyne/e537222.rhd

[ETC.] Lebt sie denn eigentlich noch?

Ja nun, da vorgestern eine Rezension erschienen ist, hat sich die Titelfrage eigentlich schon geklärt. Trotzdem ist es momentan auffallend ruhig auf meinem Blog - so viele Wochen ohne Posts hatte ich wahrscheinlich noch nie. Und auch auf Instagram bin ich quasi verschollen. Daher wollte ich wenigstens ein kurzes Lebenszeichen von mir geben und zeigen, dass ich euch nicht vergessen habe.

Momentan stecke ich mitten in den Vorbereitungen für die Abschlussprüfung meiner Ausbildung zur Kauffrau für audiovisuelle Medien. Bisher habe ich noch nicht so viel getan und geschafft, wie ich das gern hätte, weshalb ich aber schon so gestresst bin, dass ich weiterhin zu nichts komme. Es ist im Grunde ein Teufelskreis: Ich tue nichts, bin gestresst, wodurch ich nichts tue, wodurch der Stress zunimmt. Ich lese so gut wie gar nicht, starre teilweise nur unstet in die Ferne und kompensiere meine ungünstigen Essgewohnheiten mit Sport - da bleibt keine Zeit mehr.

Am 28. November ist der Spuk aber endlich vorbei und es kehrt hoffentlich Normalität ein. Wahrscheinlich werde ich im Dezember dann eine Blogpause zur Erholung einlegen, um dann im neuen Jahr in alter Frische wieder durchstarten zu können. In der Zwischenzeit werde ich mir wohl nichts Originelles mehr aus den Fingern saugen, aber es sicherlich noch ein paar Rezensionen geben und - da ich mir am Wochenende "Bohemian Rhapsody" anschaue - eventuell sogar eine Filmreview. 

Und wer weiß - vielleicht tauche ich auch schon früher aus der Versenkung wieder auf.

Macht's euch warm! 

[Buchrezension] Night Vale: Der lächelnde Gott - Joseph Fink & Jeffrey Cranor

Die Passanten, die die Katastrophe bei Big Rico's mit angesehen hatten, erzählten anderen davon. Das kumulative Entsetzen über die Geschehnisse belastete Night Vales Einwohner inzwischen erheblich. Erst Larry Leroy, jetzt Big Rico. Beide verschwunden, zusammen mit ganzen Gebäuden. Jeder Einwohner von Night Vale konnte der Nächste sein. Die Geheimpolizei befragte Augenzeugen, stellte ihnen Fragen wie "Sie haben nichts gesehen, nicht wahr?" und "Nicht wahr?" und "Könnten Sie jetzt bitte den Mund halten und nach Hause gehen?"

INHALT
Dass Night Vale keine Kleinstadt wie jede andere ist, ist der Wissenschaftlerin Nilanjana, Zugezogene, durchaus bewusst. Als aus der Wüste seltsame Geräusche ertönen und sich an verschiedenen Orten der Stadt der Boden auftut und Gebäude wie auch Menschen verschluckt, sind sogar die anderen Einwohner leicht irritiert. Nilanjana beschließt, herauszufinden, was vor sich geht - und stößt auf eine Sekte, die den sogenannten "Lächelnden Gott" anbetet, der sie alle verschlingen soll. Eine Metapher oder böse Wahrheit? Schnell wird klar, dass das Rätsel bald gelöst werden muss, ansonsten könnte es zur Katastrophe kommen...

MEINE MEINUNG
Auch wenn ich die Podcasts nie gehört habe und den ersten Band der "Nicht Vale"-Buchreihe nicht perfekt fand - die Kleinstadt mit ihren absurden Geschehnissen und interessanten Einwohnern ist mir auf jeden Fall im Gedächtnis geblieben. Ebenso aber auch, dass die Geschichte selbst einige Zeit brauchte, um in Fahrt zu kommen. Zum Glück ist das bei "Der Lächelnde Gott" nicht der Fall, wo sich ziemlich schnell die Erde auftut. Erneut haben sich die Schöpfer Joseph Fink und Jeffrey Cranor eine Frau zur Protagonistin auserkoren, dafür aber dieses Mal die Einschübe rund um Cecils Radiosendung weggelassen, was einerseits die Erzählung verschlankt, andererseits aber auch ein wenig enttäuscht.

Nilanjana ist Wissenschaftlerin mit Leib und Seele, was sie sehr von der Pfandleihhaus-Besitzerin Jackie aus dem ersten Teil unterscheidet. Davon abgesehen ist sie aber auch eine Zugezogene - und das, obwohl Night Vale doch so schwer zu finden und noch schwerer zu verlassen ist. Dementsprechend fühlt sie sich auch nach Jahren noch fremd in der Kleinstadt und hat nur wenige Bekannte. Im Laufe der Handlung lernt sie aber, sich selbst zu vertrauen und wächst über sich hinaus. Begeistern können die beiden Autoren vor allem wieder mit ihren skurrilen Nebencharakteren, die man mit all ihren Absonderlichkeiten bald ins Herz schließt. Ihre Wissenschaftler-Kollegen Luisa und Mark etwa: Die eine ist enttäuscht von Kartoffeln, der andere baut eine sinnlose Maschine. Oder eben Darryl, Anhänger der ominösen Kirche, der grundsätzlich sarkastisch wirkt und es nur langsam schafft, sich von den Lehren seines Glaubens zu lösen.

Wer die Bücher über Night Vale liest, oder sich die Podcasts anhört, dem muss klar sein: Nur weniges, was passiert, ergibt auch Sinn. Genau das macht aber eben auch den Charme aus - dass in dieser Stadt Schreibmaterialien verboten sind; dass permanent Hubschrauber über allem kreisen; dass eine nebulöse und nichtsdestotrotz bedrohliche Behörde versucht, alles zu verschleiern. Diese absurden Gegebenheiten sorgen für viel Witz und irgendwann ertappt man sich dabei, wie man einfach bei allem wissend nickt, so unlogisch es auch wieder sein mag. Manchmal geht in all diesen Skurrilitäten die Story unter, insgesamt ist diese aber größer angelegt als im ersten Teil und geht auch deutlich mehr in die Tiefe. Religiöser Eifer und der Streit um die Wahrheit spielen eine große Rolle. Leider fehlt zum Schluss ein wenig der große Knall, aber immerhin wird das Ganze sehr unkitschig aufgelöst  - und man kann sich sicher sein, dass diese besondere Kleinstadt noch einige Geschichten auf Lager hat.  

FAZIT 
Lust auf einen absurden Roman voller Ereignisse, die eigentlich keinen Sinn ergeben dürften und es doch irgendwie tun? Dann seid ihr bei "Der lächelnde Gott" absolut richtig. Den ersten Teil muss man dafür nicht gelesen haben, auch wenn es ein paar Gastauftritte der Figuren gibt. Es werden durchaus einige wichtige Themen angesprochen, auch wenn mir das große Ganze am Ende doch ein wenig fehlte. Insgesamt aber mehr als unterhaltsam. Knappe 4 Punkte!

https://www.klett-cotta.de/buch/Weitere_Autoren/Der_laechelnde_Gott/96693

[Statistik] Monatsrückblick September

Schon ist er wieder vorbei, der September, und es geht mit großen Schritten auf die Kälte und Dunkelheit zu. Ehrlich gesagt: Ich bin jetzt schon ein bisschen deprimiert. Meine Sommerbräune verabschiedet sich, ich kann nicht mehr gemütlich draußen sitzen, weil ich einfach zu spät nach Hause komme, und ständig ist es dunkel. Ein Herbst- und Wintertyp bin ich definitiv nicht. Also muss ich mich ablenken mit Büchern, und das zumindest lief im September erstaunlich gut. Im Oktober hatten wir zwar bisher Glück - aber das wird auch nicht mehr ewig hold bleiben...

#Gelesen im September: 6 Bücher


1. White Maze von June Perry [3*]
2. Zerrissene Erde von N.K. Jemisin [4*]
3. Hazel Wood von Melissa Albrecht [knappe 3,5*]
4. Beale Street Blues von James Baldwin [4*]
5. Das Gold der Krähen von Samantha Hayes [5*] - Hörbuch
6. Moxie von Jennifer Mathieu [3,5*]

Gelesene Seiten: 2312
Durchschnittliche Seitenzahl pro Buch: ca. 385
 Gelesene Seiten pro Tag: etwa 77
Durchschnittsbewertung: 3,83*

Na, geht doch! Mit mehr Büchern steigt auch direkt die Durchschnittsbewertung, welch ein Glück. Kann ich auch nicht immer sagen. Highlight war (natürlich) definitiv "Das Gold der Krähen", ein großartiger zweiter Teil, nach dem ich richtig Lust habe, mich auch auf Bardugos Erstlings-Trilogie zu stürzen. Auch "Zerrissene Erde" und "Beale Street Blues" haben mir gut gefallen, wenn auch beide keine wirklich einfachen Bücher waren.


# Gesuchtet im September: 4 Serien


1. Jack Ryan: Staffel 1, Folgen 1 & 2 [3,5*] 
2. The Bold Type: Staffel 2, Folge 1 [4*] 
3. Die Nanny: Staffel 2 & 3 [4*]  
4. Brooklyn Nine-Nine: Staffel 4, Folgen 1-4 [4,5*]  

Wie man sieht: Vieles war dabei, aber bei keiner Serie bin ich sonderlich weit gekommen. Im Oktober sieht das bisher auch nicht großartig besser aus. Nachdem ich die Hälfte von "Die Nanny" durch habe, habe ich aktuell etwas die Lust verloren, und da mir das Drama in "The Bold Type" etwas zu viel war (obwohl ich die Mädels liebe!), bin ich lieber wieder auf "Brooklyn Nine-Nine" umgestiegen und werde dort wohl auch wieder ziemlich schnell mit durch sein...

# Neuzugänge im September: 3 Bücher

Heute habe ich leider kein Foto für dich! (Es tut mir leid, ich war zu faul.)

Endlich: Ich habe meine Disziplin wiedergefunden und für den September fast komplett den Neuzugängen abgeschworen. Jetzt muss das nur noch so weitergehen!
 
# Kino im September

Jetzt bin ich ungeplant erneut so spät dran, dass es sich bereits nicht mehr lohnt, eine komplette Aufstellung zu machen. Daher bleibe ich einfach mal bei zwei Favoriten, die ich noch schaffen könnte und definitiv gern sehen würde.

Bad Times at the El RoyaleBohemian Rhapsody

"Bad Times at the El Royale" kann nicht nur ein großartiges Cast vorweisen, sondern klingt auch noch gut  - und hat durchaus gute Kritiken erhalten. "Bohemian Rhapsody" sieht außerdem total genial aus, Rami Malek scheint einfach Freddie Mercury zu sein.

Seid ihr gut in den Herbst gekommen?

[Buchrezension] Moxie - Jennifer Mathieu

Nachdem meine Mutter die Tür geschlossen hat, rutsche ich tiefer unter die Decke und spüre, dass es mich beim Gedanken an die Kopien in meinem Rucksack vor Vorfreude am ganzen Körper kribbelt. Außer mir weiß niemand auf der Welt davon. Naja, bis auf Frank von U COPY IT. Aber der kennt ja den nächsten Schritt in meinem Plan nicht.
Nach ein paar Minuten spüre ich endlich, wie ich allmählich eindöse. In dieser Nacht träume ich, dass ich mit Frank durch den Copyshop marschiere. Wir tragen beide die gleichen Runaways-T-Shirts und deponieren auf jedem Kopirer ein Exemplar meiner Schöpfung.

INHALT
Die 16-jährige Vivian besucht eine Highschool in einer Kleinstadt und ist es gewohnt, dass die Mädchen dort gegen die Jungen einzustecken haben. Bis sie eines Tages auf dem Schrank ihrer Mutter alte Magazine entdeckt, die vor 20 Jahren von weiblichen Rebellinnen verfasst wurden. Und plötzlich fragt sie sich: Warum lassen sie und die anderen sich diese Ungerechtigkeiten eigentlich gefallen? Also beschließt sie, eine eigene Zeitschrift zu gestalten: Moxie. Nach kurzer Zeit nimmt ihre Aktion bereits ordentlich an Fahrt auf. Doch ihr Kampf zieht auch Konsequenzen nach sich...

MEINE MEINUNG
So traurig es auch ist: Wir schreiben das Jahr 2018, und doch scheint das Thema Feminismus so aktuell, vielleicht so wichtig wie lange nicht. Daher sind auch Bücher wie jenes von Jennifer Mathieu ein Muss - Bücher, in denen das Thema Gleichberechtigung auch für ein jüngeres Publikum aufbereitet wird. Dafür nutzt sie nicht nur eine Protagonistin im Teenager-Alter, sondern auch eine jugendliche Sprache und eine Romanze als Spannungselement. Letztere hätte für mich nicht unbedingt sein müssen, da die Geschichte auch so genug hergibt.

Vivian ist erst 16 und das merkt man ihr teilweise auch an - sie ist manchmal etwas naiv, klammert sich an ein bestimmtes Bild ihrer Mutter, ohne Rücksicht auf deren Gefühle, und denkt oft nicht über Konsequenzen nach. Andererseits wird sie von einem starken Gerechtigkeitsgefühl getrieben, das ihr hilft, Veränderungen zu bewirken, indem sie über sich hinauswächst. Ihre Freundinnen sind wunderbar unterschiedlich - die eine kämpferisch und wütend, eine andere eher zurückhaltend, viele Ethnien sind vertreten -, am meisten begeistert jedoch, dass sich keine Mädchen gegenseitig fertig machen, egal wie verschieden sie auch alle sein mögen - das gibt es in der Literatur leider viel zu selten.

Teilweise erschienen mir Vivians Aktionen etwas kindisch, und ihre Magazine enthalten für den Erfolg, den sie einfährt, relativ wenige Informationen - die Botschaft wird schon sehr offensichtlich präsentiert. Davon abgesehen gelingt es dem Buch aber trotzdem, einem die Missstände aufzuzeigen, einen wütend zu machen über Ungerechtigkeiten, über Belästigungen, über Vertuschungen. Besonders zum Ende hin nimmt die Geschichte in der Hinsicht stark an Fahrt auf und löst zum Glück auch wieder die Liebesgeschichte ab, die sich zwischenzeitlich zu stark in den Vordergrund drängt. Schade nur, dass am Schluss ein ziemlich wichtiger Abschnitt einfach übersprungen und nur nacherzählt wird, an dieser Stelle hatte ich mir noch mehr Schlagkraft gewünscht - die schließlich immer wieder durchschimmerte.

FAZIT
"Moxie" ist für ein etwas jüngeres Publikum geschrieben, dem ich nicht mehr angehöre - dementsprechend ist die Botschaft eher einfach und wird sehr offensichtlich transportiert. Die Geschichte schafft es aber trotzdem immer wieder, wütend zu machen und zum Nachdenken anzuregen, nicht zuletzt durch unterschiedliche, oft realistische und sich entwickelnde Charaktere. Nicht perfekt, aber zum Einstieg ins Thema durchaus geeignet. 3,5 Punkte.

https://www.w1-media.de/produkte/moxie-1246

[Buchrezension] Das Gold der Krähen - Leigh Bardugo

Wylan erhob sich, plötzlich begierig darauf, in die Stadt zurückzukehren, um Kaz dabei zu helfen, den Plan durchzuführen. Er war nur widerwillig zum Eistribunal gegangen, hatte Kaz nur widerwillig geholfen. Währenddessen hatte er immer geglaubt, dass er seines Vaters Verachtung verdiente, und jetzt endlich konnte er zugeben, dass er irgendwo, an einem verborgenen Ort in seinem Inneren, immer noch darauf gehofft hatte, die Gunst seines Vaters zurückzuerlangen. Nun, was ihn betraf, sollte sein Vater seine Gunst behalten und sehen, was die ihm nützte, wenn Kaz Brekker mit ihm fertig war. 
"Na los", sagte er. "Wir werden meinem Vater sein gesamtes Geld stehlen."

INHALT
Kaz und seine Krähen hatten den Coup aller Coups geplant - und dann sie sind übel hintergangen worden. Dabei wurde Inej, eines der Mitglieder, entführt, und die gesamte Situation erscheint aussichtslos. Aber Kaz Brekker wäre nicht Kaz Brekker, wenn er nicht bereits neue Pläne schmieden würde: Nicht nur will er das Geld, das ihm versprochen wurde, vor allem will er Inej um jeden Preis zurück. Aber dieses Mal müssen die übrigen Fünf auf's Ganze gehen. Denn abgesehen von dem Leben, das auf dem Spiel steht, haben sie sich noch einige weitere mächtige Feinde gemacht, die ihr Blut sehen wollen...

MEINE MEINUNG
Da ist sie, die Übersetzung des Abschlusses von Leigh Bardugos viel gelobter Dilogie um eine diebische Bande, "Das Gold der Krähen" im Deutschen. Ohne die originale Trilogie aus dem "Grischaverse" gelesen zu haben, hatte ich mich 2017 in dieses Abenteuer gestürzt - und war nicht enttäuscht worden. Die Autorin hat hier eine Welt geschaffen, in der gefährliche und gefürchtete Magie so perfekt in die ansonsten von Banden und Verbrechern bevölkerten Straßen eingebettet ist, dass es wahre Wonne bereitet, mit den Charakteren durch eben diese zu streifen. Nach dem Vorgänger ist man mit den Gegebenheiten schon vertraut und hat Ketterdam als dreckigen, ruchlosen Ort kennen - und lieben - gelernt. Und trotzdem wird das Erlebnis hier noch gesteigert.

Alle Protagonisten aus dem ersten Teil sind wieder dabei und dieses Mal wird der Leser zu meiner großen Freude auch mit der Perspektive von Wylan belohnt, diesem sanften Jungen aus gutem Hause, der sich überwinden muss, etwas gegen seinen Vater zu unternehmen. Jesper mit seiner großen Klappe und Nina und Matthias, die, obwohl sie sich gefunden haben, ihre Diskussionen nicht sein lassen können, sorgen für einiges an Spaß. Und trotzdem hat jede Figur weiterhin ihr Päckchen zu tragen: Kaz, traumatisiert seit dem Tod einer geliebten Person; Inej, die sich verkaufen musste; Matthias, der sich von seiner Gemeinschaft losgesagt hat. Diese Personen sind meistens alles andere als das, was man "gut" nennen würde, und trotzdem stehen sie füreinander ein, haben ihre eigenen Moralvorstellungen - und sorgen so für große Figurenliebe.

Aber das ist eben nicht alles, was der Autorin so gut gelingt. Dieses Buch hat in der deutschen Übersetzung beinahe 600 Seiten - und nicht auf einer einzigen kommt Langeweile auf. Immer wieder werden ihnen Steine in den Weg gelegt, immer wieder müssen sie neue Pläne schmieden oder einfach improvisieren. Es wird gelogen, betrogen...aber auch geliebt. Sechs Charaktere, drei komplett unterschiedliche Liebesgeschichten, und das funktioniert auch noch. Es wird intensiv, es wird zärtlich, aber niemals drängen sich die romantischen Gefühle in den Vordergrund, immer geht es noch um so viel mehr. Bis zum Ende bleibt die Erzählung auf einem durchgehend hohen Niveau, lässt den Leser die Geschehnisse hautnah miterleben - um ihm dann am Schluss das Herz herauszureißen. Gegen diese Achterbahn der Gefühle war der erste Band quasi eine ruhige Seefahrt. Es ist nicht möglich, sich gegen die Emotionen zu wehren, die ausgelöst werden - und man will es auch gar nicht. Nicht umsonst ist der Leitsatz der Krähen: Keine Klageweiber, keine Beerdigungen. 

FAZIT
Den ersten Band der "Glory or Grave"-Dilogie mochte ich. Aber "Das Gold der Krähen" habe ich geliebt. Schon vertraut mit den unterschiedlichen Charakteren und ihren Eigenarten, fällt es leichter, sich direkt auf diese Welt, ihre Magie und ihre Banden einzulassen. Leigh Bardugo versteht es meisterhaft, ihre Figuren zum Leben zu erwecken, und ebenso, den Leser immer wieder zu schockieren und zu überraschen. 5 Punkte!

https://www.droemer-knaur.de/buch/9558678/das-gold-der-kraehen

[Buchrezension] Beale Street Blues - James Baldwin

Sharon hatte die ganze Zeit über nichts gesagt. Ernestine hatte mich ihr übergeben, aber Sharon hatte mich gar nicht angefasst. Sie hatte was viel Verrückteres gemacht, nämlich mich gehalten und beruhigt - ohne mich zu berühren.
"Na denn", sagte sie, "die Männer sind wohl eine Weile weg, und Tish braucht Ruhe. Gehen wir schlafen."
Aber ich wusste, dass sie mich ins Bett schickten, damit sie noch ein bisschen aufbleiben konnten, ohne mich, ohne die Männer, ohne irgendwen, um damit fertigzuwerden, dass Fonnys Familie sich einen Dreck um ihn scherte und keinen Finger rühren würde, um ihm zu helfen. Wir waren jetzt seine Familie, die einzige Familie, die er hatte: Jetzt hing alles von uns ab.

INHALT
Seit ihrer Kindheit waren Tish und Fonny bereits befreundet, bevor sie ihre Liebe zueinander entdeckten. Nun ist Tish schwanger. Alles könnte so gut sein, säße Fonny nicht im Gefängnis für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Denn beide sind schwarz - und der Rassismus in Amerika ist so tief verankert, dass allein die Hautfarbe ausreicht, um angeklagt zu werden. Tishs Familie unternimmt alles, um den jungen Mann aus dem Gefängnis zu holen, doch mit unzuverlässigen Zeugen und der Aussage eines Polizisten scheint das Unterfangen beinahe aussichtslos...

MEINE MEINUNG
"Beale Street Blues", das vorletzte Werk des afroamerikanischen Autors James Baldwin, erzählt die Geschichte einer Liebe, die unter keinem guten Stern steht - allein, weil die Liebenden nicht weiß sind. Es erzählt die Geschichte eines Justizsystems, das so von Vorurteilen und Rassismus durchdrungen ist, dass Gerechtigkeit unmöglich scheint. Und vor allem stammt es aus dem Jahre 1974, spielt also auch vor über 40 Jahren - und trotzdem habe ich das während des Lesens immer wieder vergessen. Das verdeutlicht nicht nur die Zeitlosigkeit der Erzählung, sondern, viel schlimmer, dass sich seitdem zu wenig geändert hat. Und das ist erschreckend.

Tish und Fonny kennen sich seit ihrer Kindheit, sind gemeinsam aufgewachsen und haben nun auch tiefere Gefühle füreinander entdeckt. Doch kaum sind sie miteinander glücklich, werden sie schon wieder auseinander gerissen. Es lohnt sich, nicht den Klappentext zu lesen, weil im Roman selbst erst sehr spät angesprochen wird, weshalb genau Fonny nun eigentlich im Gefängnis sitzt. Denn Erzählerin Tish - beeindruckend glaubwürdig von einem Mann geschrieben - geht viel auf die gemeinsame Geschichte ein, auf die Zusammengehörigkeit, die die schwarzen Bürger miteinander empfinden, auf die Familien und ihre Zukunft. Alle Figuren zeichnet eine große Ambivalenz aus: Einerseits fühlen sie den Rassismus der weißen Mitbürger, andererseits handeln sie umgekehrt mittlerweile auch so; einerseits  sind die meisten Figuren Frauen, andererseits behandeln sie andere ihres Geschlechtes mit wenig Mitgefühl. Tish als Protagonistin ist dagegen eine sehr sanfte Erzählerin, die trotzdem mit ihrem Mut begeistert.

Schwierig ist aber, sich darüber klar zu werden - und vor allem in Worte zu fassen -, was man da beim Lesen eigentlich fühlt und erlebt. Da ist zum einen dieses Leben, das sich nicht nur von dem der jetzigen Zeit unterscheidet, sondern differenzierter auch von dem, das "wir Weißen", zu denen ich nun einmal gehöre, führen. White Privilege ist kein Mythos, sondern Fakt, und das merken die Protagonisten hier ganz deutlich: Ein weißer Polizist ist es, der ihnen das größte Leid zufügt, das sie sich hätten ausmalen können. Das resultiert in gegenseitigem Hass, obwohl ein weißer Anwalt versucht, ihnen zu helfen. Zum anderen ist es schwierig, herauszulesen, welche Ansichten der Autor selbst hier eigentlich vertritt: Die Frauen werden geschlagen, sie ziehen sich gegenseitig in den Schmutz, das Opfer der Vergewaltigung wird ohne Nachsicht behandelt - sind Frauen also weniger wert? Oder bietet das Ganze nur eine Sicht darauf, wie sehr Menschen verrohen, wenn sie immer nur schlecht behandelt werden? In diesem Zusammenhang ist das Nachwort von Daniel Schreiber sehr wichtig, das tiefere Einblicke bietet und hilft, die Geschehnisse einzuordnen. Und über diese nachzudenken, was nach der Lektüre unvermeidlich ist.

FAZIT 
"Beale Street Blues" ist kein einfacher Roman: Schwer einzuordnen, mit komplexen Charakteren, die abgesehen von der Hautfarbe nicht in Schwarz und Weiß unterteilt werden können. Er ist auch keine Liebesgeschichte, wie man vielleicht durch den Trailer zur neuesten Verfilmung glauben könnte. Aber er ist wichtig. Er zeigt auf, wie essentiell es ist, sich gegen Rassismus zu stellen, gegen die schlechte Behandlung von Frauen, gegen Vorurteile. Es hat sich bisher zu wenig geändert, das wird während des Lesens immer wieder klar. Dringend lesenswert! 4 Punkte.


[Buchrezension] The Broken Earth: Zerrissene Erde - N. K. Jemisin

"Ich möchte diese Leute treffen", sagst du. Es besteht die kleine Chance, dass Jija oder Nassun vorgeben, jemand anders zu sein. Oder dass jemand anders sie gesehen hat, auf der Straße. Oder dass...nun ja. Es ist wahrlich nur eine kleine Chance. Du ergreifst sie trotzdem. Sie ist deine Tochter. Du wirst alles tun, um sie zu finden.
"Gut." Ykka dreht sich um und winkt. "Kommt, ich zeige euch ein oder drei Wunder." Als hätte sie das nicht bereits getan.
Du folgst ihr, denn weder Mythen noch Mysterien können einem noch so winzigen Hoffnungsfunken das Wasser reichen.

INHALT
Es ist eine Welt, wie sie schrecklicher kaum sein könnte: Alle paar Jahrhunderte kommt eine schreckliche Zeit des Leidens und Verderbens, die auf dem ein oder anderen Wege viele Menschenleben fordert. Schon lange legt die Bevölkerung deshalb Vorräte an, um zu überleben. Doch als sich ein Riss mitten im Land Sansia auftut, der nicht nur Asche in den Himmel spuckt, sondern auch jegliche Lebewesen verrückt werden lässt, scheinen alle Schutzmaßnahmen hinfällig: Diese sogenannte Fünfzeit könnte länger dauern als alle zuvor. Essun, eine Mutter aus einem kleinen Dorf mit Fähigkeiten, von denen niemand wissen darf, macht sich trotz dieser Gefahren auf eine Reise. Denn ihr Ehemann hat ihren kleinen Sohn getötet und ihre Tochter mitgenommen. Um jeden Preis will sie die beiden finden. Doch das Grauen hat noch gar nicht richtig angefangen. 

MEINE MEINUNG
"Zerrissene Erde" hat 2016 den HUGO Award erhalten, den Preis schlechthin für Sciene Fiction-Romane. Science Fiction? Das ist eigentlich nicht das Genre, das einem bei dem Inhalt als Erstes in den Sinn kommt. Wahrscheinlich nicht einmal als Letztes. N. K. Jemisin erschafft in ihrer Trilogie um die "Broken Earth" eine Welt, die man als Leser nur langsam durchschaut, und dieser erste Teil ist gewissermaßen eine Einführung in Charaktere und Aufbau. Es gibt nur wenige Antworten - ganz einfach, weil auch die Protagonisten die meiste Zeit im Dunkeln tappen und erst herausfinden müssen, was es mit all dem auf sich hat. Wir begleiten drei Frauen, deren einzelne Handlungsstränge lange vollkommen autark verlaufen, um dann zum Ende hin teilweise überraschend, vor allem aber sehr überzeugend zusammenzulaufen.

Gewöhnungsbedürftig ist die Art der Erzählung: Während die junge Damaya und die begabte Syenit aus der personalen Sicht erzählen, wird Essun mit "Du" angesprochen - warum, wird schließlich sogar erklärt. So ist es trotzdem erst einmal schwierig, zu Essun, dieser Mutter, die so verzweifelt ihr Kind sucht, eine Bindung aufzubauen, aber das bessert sich nach einer Gewöhnungsphase. Beeindruckend ist allerdings vor allem die Diversität, die die Autorin in ihrer Geschichte unterbringt, ohne dass es erzwungen wirkt - selten habe ich erlebt, wie auf so vollkommen natürliche Art Menschen jeder ethnischen Zugehörigkeit oder auch Transgender miteinbezogen werden. Außerdem begeistern die starken Frauenfiguren, die nicht nur mit ihren Fähigkeiten, der sogenannten Orogenie, beeindrucken, sondern auch mit ihrem eisernen Willen. Schon allein dafür lohnt sich das Lesen!

Dennoch sorgt die erste Hälfte vor allem für eines: Verwirrung. Während Damaya sich in einer Ausbildung befindet, um ihre Kräfte kontrollieren zu können, sind Essun und Syenit auf zwei sehr unterschiedlichen Reisen mit vollkommen unterschiedlichen Zielen. Die Welt, die wir erleben ist eine düstere, brutale, deren wenige lichte Momente immer wieder zerstört werden. Kein Wunder also, dass Essun ohne Rücksicht auf Verluste handelt; dass Syenit jeden hasst; dass Damaya bald alles Vertrauen verliert. Die gesamte Geschichte ist keine leichte Kost, so viel ist sicher. Aber sie ist gleichzeitig auch absolut spannend: Nicht nur gibt es unzählige Gefahren, auch viele offene Fragen müssen geklärt werden - Fragen, auf die nicht einmal die Protagonisten eine Antwort wissen und die man als Leser also mit diesen gemeinsam suchen muss. Der erste Band schließt dann mit einer Enthüllung, die wohl erst im Nachfolger ihre volle Wirkung entfalten wird. Gespannt sein darf man auf jeden Fall.

FAZIT 
"Zerrissene Erde" ist kein einfaches Buch, und es ist auch keine typische Science Fiction. Für die erste Hälfte muss man Geduld mitbringen, um sich in dieser seltsamen, düsteren Welt zurechtzufinden und nicht verloren zu gehen. Toll ausgearbeitete Charaktere, viel Diversität und unglaubliche Ideen helfen dabei. 4 Punkte!

Die Bloggerin

About Me
Kittyzer, 22 Jahre alt, früher als Sonne bekannt. Gebürtige Niedersachsin, die für die Arbeit nach Rheinland-Pfalz gezogen ist. Schreibt über Bücher, Filme, Serien und Mainz. Um mehr zu erfahren, klicke hier →

2018 Reading Challenge

2018 Reading Challenge
Kittyzer has read 1 book toward her goal of 65 books.
hide

Aktuelle Lektüre

Aktuelle Lektüre
"Mädchen aus dem Moor" von S.K. Tremayne [46/400]

Nächster Kinobesuch

Nächster Kinobesuch
"Bohemian Rhapsody" am 09.11.
-->