Back Down to Earth


[Buchrezension] Die Knochenuhren - David Mitchell

Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass Elijah d'Arnoq tatsächlich überlaufen will, auf fünf Prozent ein, aber Esther Little hat es gesehen, und wenn ich sie richtig verstanden habe, soll ich d'Arnoq als Verbündeten betrachten oder wenigstens so tun, als glaubte ich ihm. "Ich bin ganz Ohr."
"Nein. Wir müssen uns unter vier Augen unterhalten, Marinus."
Runter auf ein Prozent. Er will mich zu irgendeinem Treffpunkt locken, und dort schnappt die Falle zu. "Was schlagen Sie vor?"
Der Waschbär zeigt mir sein Gesicht mit der schwarzen Zorro-Maske.
"Kommen Sie mir nicht auf die Tiefenstrom-Tour. Ich sitze in Ihrem Wagen in der Auffahrt. Mir frieren gleich die Eier ab. Machen Sie schon mal ein Feuer im Kamin."

INHALT
Holly Sykes ist erst 16 Jahre alt, als sie unwissentlich in einen bereits Jahrhunderte andauernden Kampf zwischen Gut und Böse hinein gezogen wird. Eine lange Zeit, Jahrzehnte gar, bemerkt sie davon selbst nur wenig - abgesehen von einigen Vorahnungen und Visionen, die sie manchmal überfallen und die sie gern abstellen würde, und abgesehen von seltsamen Begegnungen, die sie sich lange nicht erklären kann. Doch im Hintergrund lauert nach wie vor die Gefahr. Und Holly, Spielball dieser grundverschiedenen Mächte, wird die Geheimwaffe sein, um den Sieg der Gegner zu verhindern...

MEINE MEINUNG
David Mitchell ist wohl am Bekanntesten für seinen "Wolkenatlas" aus dem Jahre 2004, der prominent besetzt verfilmt wurde. Weder habe ich das Buch gelesen noch den Film gesehen, der Autor und seine epischen Ideen sind also Neuland für mich. Erst einmal klingt sein neuester Roman, "Die Knochenuhren", auch ähnlich wie sein Bestseller von vor 10 Jahren: In beiden wird aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Jahrzehnten, teilweise Jahrhunderten, eine letztendlich zusammen hängende Geschichte erzählt. Da endet jedoch die Gemeinsamkeit. Auf diese Art des Erzählens, bei der die eigentliche Protagonistin selbst nur 300 der 800 Seiten zu Wort kommt, muss man sich erst einmal einlassen - aber es lohnt sich. Nicht nur für den wunderbar bildlichen und besonders in den Dialogen starken Stil, sondern auch für das große Ganze, das am Ende steht. 

Eigentlich bin ich kein großer Fan vieler verschiedener Perspektiven und auch hier hatte ich teilweise das Gefühl, dass sich der Autor etwas übernommen hat. Denn neben der starken, dickköpfigen Holly gibt es noch den arroganten, diebischen Studenten Hugo Lamb, den Kriegsjournalist Ed Brubeck, den ehemaligen Bestseller-Autor Crispin Hershey und zuletzt ein Mitglied der sogenannten Horologen, der Guten in dem allumfassenden Krieg. Das wirkt erst einmal ziemlich viel und bei den vielen unterschiedlichen behandelten Themen - Hersheys Teil etwa ist ein so wunderbar bitterböser Blick auf die Literaturszene, dass ich mir ein eigenes Buch darüber gewünscht hätte - geht zwischendurch ein bisschen der rote Faden verloren.

Mir hätte das Gesamtwerk wahrscheinlich noch besser gefallen, hätte Mitchell sich auf eines oder zwei seiner Themen konzentriert, und mehrere Bücher aus den übrigen gemacht. Zwar geht das Ganze so in die Tiefe, aber es will auch einfach so vieles: die Gesellschaft und ihre Gier kritisieren, auf unser Konsumverhalten und die Umweltverschmutzung aufmerksam machen, den altbekannten Kampf um Herrschaft thematisieren und dabei noch eine phantastische Geschichte erzählen. Die Fantasy-Aspekte werden gekonnt immer wieder eingebaut und letztendlich trägt jeder Teil etwas Entscheidendes bei, aber trotzdem ist das Buch für den Inhalt doch ziemlich ausführlich geraten. Davon abgesehen aber fasziniert diese geschaffene Welt ungemein, die wir bis zum Jahr 2043 begleiten und deren Veränderungen wir so hautnah miterleben können. Das Ende ist großartig und lässt zufrieden, aber auch ein wenig wehmütig zurück. Ein Gefühl der Verbundenheit bleibt nach so vielen Jahren, über die man die Figuren begleitet hat, wohl einfach nicht aus.

FAZIT
"Die Knochenuhren" ist ein sehr besonderer Roman, der sicherlich nicht jedem gefallen wird. Dass so viele unterschiedliche Charaktere zu Wort kommen und diese trotzdem alle perfekt ausgearbeitet sind, ist faszinierend - gleichzeitig hatte ich persönlich das Gefühl, dass auf diese Weise die eigentliche Geschichte zwischendurch zu kurz kommt. Der Ideenreichtum macht dies aber zum Glück in vielen Fällen wieder wett. 4 Punkte!

 

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