Back Down to Earth


[Buchrezension] Wie Eulen in der Nacht - Maggie Stiefvater

"Ach Mama, Judith, ihr macht ein Drama daraus", begann Beatriz.
"Du bist genau wie dein Vater", fauchte Antonia.
Weder Fransisco noch Beatriz gingen auf diese Bemerkung ein; das taten sie nie.
"Was soll denn so gefährlich daran sein, es über diesen Jungen laufen zu lassen", beharrte Joaquin. "Für die Pilger, die hier leben, tun wir auch nicht weniger."
"Wir können nicht nichts tun", fügte Beatriz hinzu.
"Hört gut zu, ihr alle. Die Dunkelheit eines Soria breitet sich so rasant aus wie keine, die ihr je gesehen habt." Antonias Stimme klang eisern. "Ich verbiete euch allen, nach Daniel zu suchen. Nur über meine Leiche!"

INHALT
Im kleinen Städtchen Bicho Raro ist der Name Programm: Es ist bevölkert von mehr oder weniger "verrückten Käuzen". Denn dort leben tatsächliche Heilige, die Wunder wirken können, weshalb der versteckte Ort immer wieder von Pilgern aufgesucht wird. Diese wollen die in ihnen schlummernde Dunkelheit und damit auch ihre Probleme besiegen. Doch sie müssen, um ein zweites Wunder zu erhalten und so geheilt zu werden, auch selbst etwas dafür tun - und das erscheint den meisten fast unmöglich. Die Sorias, eine Familie von aktuellen und ehemaligen Heiligen, würden gern helfen, da die Stadt von Wundersuchenden bald überquillt, doch sie haben sich selbst ein Verbot auferlegt - denn ihre Dunkelheit ist die schlimmste von allen und endet oftmals tödlich. Dann allerdings bricht Daniel, der momentane Heilige, eben jenes Verbot, zum Entsetzen seiner gesamten Familie. Und damit nimmt das Unheil seinen Lauf...

MEINE MEINUNG
Maggie Stiefvater ist eine dieser Autorinnen, deren Ideen ich immer wieder faszinierend finde, bei der ich mir jedoch nie sicher sein kann, ob mich auch die Umsetzung überzeugt. So war es auch von Beginn an mit "Wie Eulen in der Nacht", einer Geschichte um Heilige, die Wunder wirken, dem Genre des "Magic Realism" zugeordnet. Magic Realism? Hier spielen die Ereignisse in der realen Welt, die magischen Elemente sollen in dieser jedoch bestimmte Punkte hervorheben. Bicho Raro ist also eine eigentlich normale Stadt mit normalen Menschen - in der allerdings, gänzlich unerklärt, Wunder geschehen. Die Autorin lebt dafür einmal mehr ihren detailreichen, zauberhaften Stil aus, schwelgt dieses Mal sogar regelrecht darin. Sie schreibt auf eine ganz eigene Art, legt sich nicht auf einen Erzähler fest, gibt manchmal einen Ausblick auf die Zukuft und manchmal einen Rückblick auf die Vergangenheit. So weiß man nie, was man als nächstes erwarten muss, allerdings scheint darüber auch ein wenig der Inhalt verloren zu gehen.

Wie immer sind die Figuren das Kernstück der Geschichte, die alle ihre Eigenarten haben: Beatriz, das "Mädchen ohne Gefühle", das sehr wohl welche besitzt, es nur nicht weiß. Joaquin, Moderator eines Piraten-Radiosenders, jung und sprunghaft. Daniel, der als Heiliger alles für eine Pilgerin riskiert. Eben jene Pilgerin, Marisita, auf die es seit ihrem Wunder ununterbrochen regnet. Sie und viele weitere sind sehr besonders, allerdings werden sie mehr beschrieben, als dass sie ihre Eigenschaften wirklich unter Beweis stellen können. Insbesondere überrascht, wie sehr die Autorin dieses Mal auf Liebe auf den ersten Blick setzt - statt wie sonst die Gefühle schwelen zu lassen, sind sie dieses Mal quasi direkt da. Das sorgt zwar insbesondere zwischen Beatriz und dem Besucher Pete für tolle, teils auch witzige Momente, aber nicht dafür, dass man die Vertrautheit groß nachvollziehen könnte.

Vielleicht liegt es daran, dass man den Charakteren nur bedingt nahe kommt, dass auch die Geschichte einen nur schwer zu greifen weiß. Insbesondere auf den ersten 150 - 200 Seiten geschieht relativ wenig, außer dass die Umstände des Städtchens und dessen Bewohner erläutert werden. Lange Zeit ist nicht einmal ganz klar, worum genau es eigentlich geht: Eine Familie, deren Mitglieder wieder zueinander finden müssen? Zwei Liebesgeschichten? Wunder, die aus einem selbst kommen müssen? Selbst als Daniel die sogenannte Dunkelheit über sich bringt, dauert es sehr lange, bis die anderen Figuren überhaupt einmal wirklich reagieren, was unweigerlich Langeweile mit sich bringt. Zum Glück gibt es aber die letzten 100 Seiten, auf denen es endlich zu teils überraschenden, teils traurigen und teils glatt aberwitzigen Wendungen kommt. Wenn nur die zwei Drittel zuvor genau so gewesen wären - es hätte eine wirklich fesselnde Geschichte sein können.

FAZIT 
"Wie Eulen in der Nacht" wartet, wie alle Bücher von Maggie Stiefvater, mit einer faszinierenden Idee auf - aber, wie es mir ebenfalls schon öfter passiert ist, konnte es mich dennoch nicht komplett begeistern. Trotz der nur 300 Seiten fällt der Inhalt etwas schmal aus, stattdessen wird sich sehr stark auf den Schreibstil und die Zusammenhänge konzentriert. Das letzte Drittel ist allerdings mitreißend genug, dass es noch für gute 3 Punkte reicht. Muss man ausprobieren!

https://www.droemer-knaur.de/buch/9595588/wie-eulen-in-der-nacht#

   Kommentare:

  1. Dydh da, Sonne.
    Vermutlich funktionieren für uns auch altbackene Ideen, wenn die Figuren uns nahe kommen wollen. So schön ein Gedanke, der zu einer Story führt, auch sein mag; so prachtvoll die Bühne aufgebaut wird - im Zentrum stehen & fallen die Charaktere. Schade denkt man/frau sich dann.

    Wohl in der 19 gelandet? Wie ich sehe warst Du im Kino... ;-)

    bonté

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    1. Vielleicht liegt es aber tatsächlich auch an mir - vielen gefallen ja alle (oder fast alle) Bücher der Autorin und ich habe oft meine Schwierigkeiten damit. Die Figuren sind auch durchaus interessant, nur fehlten mir die echten Taten. Wahrscheinlich bin ich einfach nicht für langsame Bücher gemacht :D

      Und ja - zumindest teilweise. Wie man sieht, bin ich immer noch nicht ansatzweise auf der Höhe. Es läuft schleppend an. Aber die Filmrezension habe ich zumindest schon einmal zum Teil fertig!

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  2. Hallo :)

    Nachdem wir uns ja an anderer Stelle bereits kurz über das Buch bzw. die Autorin unterhalten hatten, war ich natürlich gespannt auf dein endgültiges Fazit. Und leider bestätigt sich dadurch mein Eindruck, denn ich bisher von der Autorin hatte. Ich habe ja noch hin und her überlegt, ob ich "Wie Eulen in der Nacht" trotzdem lesen soll, aber da ich aufgrund ähnlicher Kritikpunkte bereits von ihrem anderen Buch enttäuscht war, wird das hier wohl nicht anders sein. Danke aber für die ehrliche und sehr schön geschriebene Rezension. Da bleibt mir hoffentlich eine Enttäuschung erspart.

    LG

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    1. Ich freue mich, dass du bei mir vorbei geschaut hast, um das "letztendliche Ergebnis" zu sehen, sozusagen. Ich finde es auch sehr schade, dass mir das Buch nicht besser gefallen hat, obwohl ich den Schreibstil der Autorin so faszinierend finde. Damaris zum Beispiel ist viel begeisterter als ich - allerdings mochte sie glaube ich auch durchweg alle Bücher von Maggie.

      Ich freue mich, dass ich dir weiterhelfen konnte. Und danke dir für das Kompliment!

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  3. Vielen Dank für die Rezension. Die durchaus spannende Idee wurde anscheinend nur mittelmäßig umgesetzt. Ich habe ja schon paar Bücher von Stiefvater gelesen und die kämpften meiner Meinung nach alle damit, dass es sehr langsam vorwärts ging. Sprachlich sind die Geschichten toll, aber zumindest mir reicht das nicht.

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Die Bloggerin

Kittyzer, 22 Jahre alt, früher als Sonne bekannt. Gebürtige Niedersachsin, die für die Arbeit nach Rheinland-Pfalz gezogen ist. Schreibt über Bücher, Filme, Serien und Mainz. Um mehr zu erfahren, → klicke hier

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