Back Down to Earth

[Buchrezension] Die Moortochter - Karen Dionne

Mir bleibt das Herz stehen. Ich kann nichts mehr sehen, bekomme keine Luft, höre nur noch das Rauschen des Bluts in meine Ohren. Ich nehme den Fuß vom Gas und lasse den Wagen vorsichtig auf dem Randstreifen ausrollen. Meine Hand zittert, als ich sie ausstrecke, um das Radio auszuschalten.
Jacob Holbrook ist aus dem Gefängnis ausgebrochen. Der Moorkönig. Mein Vater.
Und ich war es, die ihn damals hinter Gitter gebracht hat. 

https://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/Dionne_KDie_Moortochter_178362.jpgINHALT
Fünfzehn Jahre ist es her, dass Helena Pelletier gemeinsam mit ihrer Mutter dem Mann entkam, der diese als Jugendliche entführt hatte und der Helenas Vater ist. Seitdem sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis und Helena hat begonnen, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Bis sie eines Tages auf der Fahrt nach Hause im Auto Radio hört und erfahren muss, dass es ihrem Vater gelungen ist, zu fliehen. Ihr ist sofort klar, dass sie die einzige ist, die ihn im Moor finden kann. Und dass sie ihre Töchter und ihren Mann vor ihm beschützen muss...

MEINE MEINUNG
Fälle wie die der Natascha Kampusch oder Sabine Dardenne sorgen immer mal wieder für Aufsehen: Junge Mädchen, die entführt und gefangen gehalten werden, teilweise über Jahre, Jahrzehnte. Ihre schrecklichen Erlebnisse sind kaum vorstellbar. "Die Moortochter" dreht sich um genau so eine Geschichte, nur erzählt aus der Sicht der Tochter der Entführten. Karen Dionne hat einen sehr bildlichen Schreibstil, der das abgeschiedene Moor fast schon erschreckend realistisch werden lässt - man merkt deutlich, dass sie sich selbst in dieser Gegend auskennt. Erzählt wird die Geschichte zumeist abwechselnd aus der Vergangenheit in Gefangenschaft des Vaters und aus der Gegenwart, in der Helena diesen sucht, sodass beide Situationen ausführlich beleuchtet werden.

Protagonistin Helena lernt man daher auch auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen kennen: Einmal als leicht unterkühlte erwachsene Frau, die sich aber liebevoll um ihre beiden Töchter kümmert und alles für diese tun würde. Und einmal als junges Mädchen, das nichts über das Verbrechen ihres Vaters weiß und diesen abgöttisch liebt, sogar teilweise seine grausamen Wesenszüge annimmt und ihre Mutter verachtet. Der Unterschied zwischen diesen beiden Versionen ist spannend, aber für die junge Helena Sympathie zu entwickeln ist schwierig, weil sie oft so gefühlskalt ist. Ansonsten lernt man nur ihren Vater und ihre Mutter wirklich kennen, weil sich eigentlich alles um die beiden dreht. Ihr Vater ist ein Narzisst wie er im Buche steht, bei dem alles nach seinen Vorstellungen laufen muss - ansonsten kommen schnell seine sadistischen Züge zutage. Die Mutter dagegen hat sich in die Opferrolle geflüchtet, wie es so viele Entführte tun, und weckt vor allem Mitgefühl beim Leser. Leider erfährt man über die Zeit nach ihrer Flucht nur Einzelheiten und wenig Genaues.

Ob ich das Buch wirklich als Psychothriller beschrieben hätte? Wahrscheinlich nicht. Zwar stellt Helenas Vater sie auf die Probe, und beide müssen sich ineinander hinein versetzen, um ihr Ziel zu erreichen. Ansonsten aber dreht sich ein sehr großer Teil um das Leben in der Hütte, das so fern aller Zivilisation schwer vorstellbar und ganz anders ist - mit der Zeit für den Leser aber auch eintönig wird. Viel zu viel geht es um die Wildjagd, viel zu selten bekommt man zu spüren, dass sich Helena und ihre Mutter nach einem Leben außerhalb des Moors sehnen. In der Gegenwart jedoch, während Helenas Suche nach ihrem Vater, wird es sehr brutal und immer wieder auch richtig spannend. Nur gleicht das nicht immer die Langeweile aus, die mich oft in den anderen Kapiteln überkam, weil es einfach kaum Überraschungen gibt. Dafür lässt die Autorin bis zum Ende ihre Hauptthematik nicht aus den Augen: Dass Helena ihren Vater nämlich eigentlich liebt, aber auch ihre Familie beschützen will. Dieser Konflikt wird gut und in einem großartigen Showdown gelöst. Nur der Schluss wurde mir im Gegensatz zur sonst so ausführlichen Erzählweise viel zu kurz abgehandelt, ohne auf die Konflikte mit dem Ehemann wirklich einzugehen. Da hätte es durchaus ein bisschen mehr sein dürfen. 

FAZIT 
Karen Dionnes "Moortochter" dreht sich um die Entführung eines jungen Mädchens und die Auswirkungen auf deren junge Tochter im Laufe der folgenden zwölf Jahre. Die Erlebnisse der beiden Frauen sind erschreckend, der Schreibstil intensiv und bildlich. Leider haben sich für mich zu viele Längen eingeschlichen, um mich kontinuierlich zu fesseln. So bleibt es bei guten 3 Punkten.

 

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