Back Down to Earth

[Buchrezension] Chucks - Cornelia Travnicek

Ich habe noch keine halbe Seite gelesen, da lacht Jakob plötzlich laut auf. Es ist dieses Lachen, das dem anderen signalisiert: Ich habe etwas Witziges gelesen, frag mich, was es ist.
Ich bleibe stumm.
Jakob wartet ab, ich verkneife mir ein breites Grinsen.
"Tz, so was", murmelt er.
Da ich immer noch nicht reagiere, fängt er einfach an, mir den Artikel vorzulesen.
"Hab ich schon gelesen", sage ich nur und blättere eine Buchseite um.

Inhalt:
Vor einiger Zeit noch war Mae ein Punk und hing mit Dosenbier und einigen anderen ungewaschenen Gestalten auf der Straße herum. Nun verläuft ihr Leben in geordneteren Bahnen: Sie lebt mit dem Architekten Jakob zusammen, hat ein Zuhause. Doch dann lernt sie bei der Aids-Hilfe, bei der sie Sozialstunden leisten muss, den todkranken Paul kennen - und verlässt Jakob für ihn, denn eigentlich, ja, eigentlich hat der eh nichts hinbekommen. Und während Paul immer schwächer wird, kämpft sie gegen das Vergessen an, indem sie alles in Tupperdosen sammelt, was sie von ihm finden kann...

Buchaufmachung:
Die raue Oberfläche des Werkes fühlt sich unter den Finger toll an, sie hat etwas, das perfekt zum Inhalt passt. Auf dem Cover sind die roten Chucks zu sehen, die Mae immer trägt und die dem Werk den Titel geben. Von der Gestaltung her erweckt es durch den Kontrast Interesse, weil es so unkonventionell ist - und genau das ist es wohl, was so gut harmoniert.

Meine Meinung:
Ich weiß nicht, was mich von Anfang an so an dem Klappentext zu "Chucks" so fasziniert hat. Vielleicht diese Ehrlichkeit, die schon dort vorhanden war. Auf jeden Fall wusste ich, dass ich es lesen muss - und ich wurde in keinster Weise enttäuscht.

Von Anfang an ist man total gefesselt von der Poesie der Sprache, von den einfachen Aussagen, die so unbeschreiblich wahr und schön sind, so toll verpackt, so berührend. Cornelia Travnicek versteckt ihren Stil in keinster Weise und schafft es dadurch, auch auf wenigen Seiten zu beeindrucken. Die lyrischen Passagen lassen einem oft den Atem stocken, so wundersam und doch ehrlich sind sie. Beeindruckend!

In 192 Seiten können natürlich keine wahnsinnig umfangreichen Charakterisierungen erwartet werden, aber das braucht dieses Buch auch gar nicht - wer weiß, vielleicht würde sogar der Zauber des echten Lebens verloren gehen. Dennoch ist Mae eine Figur, die man irgendwie meint, zu kennen und doch nicht zu kennen. Sie ist wild auf der einen Seite, verletzlich auf der anderen. Als junges Mädchen musste sie zusehen, wie ihr Bruder an Krebs starb und dabei immer zurückstecken, die Ehe ihrer Eltern ist daran zerbrochen. Sie war mal ein Punk, nun lebt sie wieder normal in einer Wohnung und dennoch ist da noch immer dieses Andere in ihr: Diese Wut, diese Hilflosigkeit, versteckt in ihren frechen Aussagen.

Denn frech ist sie in jedem Fall - sie spricht unverblümt alles aus und schreit auch schon einmal die Aids-Erkrankten an, weil sie schlechte Laune hat. Ohne darüber nachzudenken fragt sie Paul, wie es ist, zu wissen, dass man stirbt und ist dabei so erfrischend wie heftig. So etwas gehört sie nicht und doch würden auch wir vielleicht all diese Dinge gern einmal aussprechen...Paul ist eher der sanftere der beiden, aber auch der Unternehmungslustigere. Viel kann man über ihn nicht sagen, weil man ihn nicht richtig kennen lernt, denn Mae und ihre Vergangenheit stehen mehr im Vordergrund. Aber mehr Beschreibungen würden zu ihr auch gar nicht passen - dafür ist sie viel zu sprunghaft und wild. 

Trotz der Tragik der Geschichte und Maes nicht immer einfachem Leben ist sie witzig und originell, allein schon durch die Wahrheit in all ihren Aussagen, wie man auch an dem oben gewählten Zitat erkennen kann. Sie bringt zum Lachen und gleichzeitig zum Nachdenken. Travnicek schafft es auf außergewöhnliche Weise, einen mit dem Hintergrund des Buches gleichermaßen zu fesseln wie auch zu berühren, ohne dabei allzu ernst oder gar moralisch zu werden. In Rückblenden erzählt sie von Maes Vergangenheit, ihrem Leben mit der Punkerin Tamara, auf die sie, wie sie sagt, sehr stolz ist - denn "selbst Pippi Langstrumpf hat es nur zu einem Affen gebracht." [S. 11]

Zum Ende hin geht das alles einem dann aber trotz - oder gerade wegen - der Offenheit und der amüsanten Einwürfe von Mae sehr nahe, wird beinahe schon unerträglich intensiv, ohne dabei zu emotional zu werden. Die junge Frau beginnt, in 13 Plastikdosen Paul zu sammeln, damit sie mehr von ihm hat als von ihrem Bruder, von dem ihr nur die roten Chucks geblieben sind. Sie begleitet Paul bis zu seinem Tod und bleibt trotzdem sie selbst. Sie weiß, dass es weitergehen muss und deswegen nimmt sie ihr altes Leben wieder in Angriff, lässt den Leser leise und melancholisch, traurig und glücklich zugleich zurück.

Fazit:
"Chucks" ist definitiv etwas Außergewöhnliches, auf das man sich einlassen können muss. Die Sprache ist poetisch und dabei unverblümt, Mae keine konventionelle Protagonistin, sondern wild, frech und von ihren Ansichten überzeugt. Das Thema berührt komplett ohne Kitsch und berichtet von einem Leben, in dem wir das Meer sind, "in das Süßwasser mündet, und das selbst salzig ist, es liegt alles an der Konzentration." [S. 187] 5 Punkte!


Das Buch auf der Verlagswebsite: Hier!

Vielen Dank für das Leseexemplar!

http://randomhouse.de/dva

   Kommentare:

  1. Tolle Rezension :) Das Buch hat mich auch seit langem schon angesprochen, jetzt kommts defintiv auf meine Wunschliste!

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Auch hier wieder super Arbeit geleistet, liebe Sonne! Das Buch klingt echt nicht schlecht. Ist mir schon ein paar Mal durch das Cover aufgefallen, habe aber nie näher hingesehen. Danke für den Tipp.

    Liebe Grüße, Diti

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  4. @Katie:
    Das finde ich gut, denn es ist wirklich, wirklich lesenswert! ;)

    @Diti:
    Danke schön, das freut mich doch :D Und du solltest wirklich definitiv näher hinschauen, das Buch hat's verdient!

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  5. Mir hat das Buch gar nicht gefallen. Verrückt, wie die Meinungen immer auseinander gehen.

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