Back Down to Earth

[Kurzrezension] Prager Fragmente - Roman Achmatow

Ein dunkel gekleideter, mit Kappe und Kapuze bedeckter Mann tritt an das Mikrofon und wiederholt zum Warmmachen einige Male den Ausruf "Mic check". Und gerade als ich schon denke, das bliebe seine einzige Zeile am heutigen Tage, unterlegt er die aus den Boxen schallende Melodie mit einem lockeren, dreiminütigen Freestyle. Die tanzende Menge applaudiert euphorisch.
Alter, Reichtum, Herkunft, Religion, Sex oder Aussehen scheinen in diesem Moment keine Kategorien von nennenswerter Bedeutung zu sein. Die Menschen sind anscheinend im Reinen mit sich. Und damit auch im Reinen mit der Welt.
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INHALT
Ein Auslandsjahr in einer fremden Stadt, fernab der Heimat, umgeben von fremden Menschen, Gerüchen und Sitten. In 12 Essays berichtet Roman Achmatow von seinem Aufbruch nach Prag, seinem Leben dort und den guten wie schlechten Momenten. 

"Mit Abstand das beste Buch, das Roman Achmatow je geschrieben hat." - Roman Achmatow (hat bisher noch nie ein Buch geschrieben)

MEINE MEINUNG
Ab und zu kommt es vor, da findet man eine kleine Perle, wo man sie nicht erwartet hätte. Eigentlich lese ich keine Kurzgeschichten und schon gar keine Essays - aber irgendetwas an Prag als Kulisse hat mich angezogen, zusätzlich zu dem schönen Cover, das ein Motiv der Postkartenreihe des Autors Roman Achmatow, bekannt von Essays Pics, zeigt. "Prager Fragmente" beginnt mit einem humorvollen, selbstironischen Vorwort und genau diese Spur Witz, gepaart mit lebendigen Beschreibungen, lässt einen Prag aus einem ganz besonderen Blickwinkel erleben.

Essays über das U-Bahn-System, das einem Labyrinth gleichkommt, oder auch den allmorgendlichen Kampf um einen Platz in einer dieser U-Bahnen, lassen sich hier ebenso finden wie eines über das unverhoffte Miterleben einer Demo des tschechischen Pegida-Ablegers - das dann gekonnt von einer Geschichte über die farbenfrohen und diversen Seiten  Prags abgelöst wird. Wie bei jeder Reise gibt es lichte und dunkle Momente, und diese einzufangen, gelingt dem Autor beeindruckend gut. Teilweise stören ein paar zu wenige Absätze den Lesefluss und insgesamt hätten es meiner Meinung nach ein paar mehr Anekdoten zum normalen Alltag der Prager Bevölkerung geben können, schließlich lebt es sich dort sicherlich anders als in Deutschland. Trotzdem wird die Stadt vor dem inneren Auge lebendig und immer wieder packt einen während des Lesens die Lust, sie selbst einmal zu besuchen - eventuell verspürt man sogar mit Roman Achmatow gemeinsam eine Spur des Fernwehs, und das ist wohl das größtmögliche Kompliment.

FAZIT
Obwohl ich kein großer Fan von Essays bin, hat mich "Prager Fragmente" mit der schönen Sprache und den Spitzen gegen konservatives Denken in ein Prag mitnehmen können, das sowohl gute als auch schlechte Seiten hat. Da das Buch ein Selfpublisher-Werk ist, ist es nur hier zu kaufen - es lohnt sich auf jeden Fall.

   Kommentare:

  1. Vielen Dank für deine schönen Eindrücke - ich freue mich sehr darüber, dass mein Buch dir etwas Freude bereiten konnte, obwohl es nicht dein liebstes Genre war. :)

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    1. Ich habe mich auch gefreut, dass ich mal aus meinen üblichen Genres herausgekommen bin, um etwas Neues auszuprobieren ;)

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  2. Als ich gerade Romans Buch bei dir entdeckt habe, musste ich doch sofort die Rezension lesen. Auch mir war der Autor durch den Schreibstil schon gleich sympathisch. Sehr schön fand ich auch die Bilder von Prag. Allerdings ist das Genre nicht so ganz meins, daher habe ich bislang noch nicht zum Buch gegriffen. Es freut mich, dass es dir so zugesagt hat :o)

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Mein Genre ist es eigentlich auch gar nicht, aber wie du auch sagst: Sowohl Autor als auch Schreibstil sind sehr sympathisch und ziehen ein damit ganz wunderbar in diese, mir unbekannte, Stadt hinein. Vielleicht magst du es ja doch ausprobieren, es lohnt sich :)

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  3. Es freut mich zu lesen, dass dir das Buch gefallen hat. Bei mir liegt es nämlich auch noch und wartet darauf gelesen zu werden und so wird die Vorfreude gleich noch größer :).
    Essays sind eigentlich auch nicht mein Genre und Geschichten, die so eng mit persönlichen Erlebnissen verbunden sind, finde ich schwer zu bewerten. Aber der Autor war mir, sowohl was seinen Blog als auch was seine Mails betraf, so sympathisiert, dass ich einfach zusagen musste, das Buch zu rezensieren.
    Ich bin mal gespannt :).

    Liebe Grüße!

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    1. Mir ging es genauso wie dir - der Autor war mir einfach so sympathisch, dass ich überhaupt nicht nein sagen konnte. Und es ist ja auch immer gut, mal etwas Neues auszuprobieren und vielleicht damit eine Überraschung zu entdecken. So ist es mir hier jedenfalls ergangen und ich hoffe, dass bei dir ähnliches passiert!

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