Back Down to Earth

[Filmrezension] Dunkirk

"Gut gemacht, Jungs." - "Wir haben nur überlebt." - "Das reicht vollkommen."

Mein letzter KinobesuchSTORY
Im Frühjahr des Jahres 1940, während des 2. Weltkrieges, sehen sich die britischen und französischen Truppen am Strand von Dünkirchen eingekesselt von deutschen Soldaten. An der Mole warten sie auf ihre Evakuierung, darunter auch der junge Tommy, doch die rettenden Schiffe werden immer wieder von den Deutschen abgeschossen. Der Pilot Farrier versucht, so viele Menschen wie möglich vor eben diesem Schicksal bewahren, indem er mit den Bombern auf Konfrontationskurs geht, in vollem Bewusstsein darüber, dass ein Fehler sein Ende bedeuten könnte. Unterdessen macht sich die Familie Dawson, ebenso wie viele andere Briten, mit ihrem eigenen Schiff auf, um Soldaten vom Strand und in die Heimat zu holen. Dabei kommen sie den Schrecken des Krieges gefährlich nahe und blicken dem Tod, ihrem wie dem der Soldaten, mehrmals ins Auge...

MEINE MEINUNG
Es gibt Regisseure und Drehbuchschreiber, von denen schaue ich unbesehen alles - Christopher Nolan gehört definitiv dazu. Nachdem dieser sich bisher vor allem im Fantasy- und Science Fiction-Genre aufgehalten hat, ist "Dunkirk" nun sein erster Kriegsfilm. Eine Sparte, die mir sonst eigentlich gar nicht zusagt, weil ich kein Fan davon bin, solch dramatische Ereignisse effekthascherisch auszuschlachten. Auch Nolan dreht selbstverständlich Blockbuster und auch dieser fällt dort hinein, ist aber oft so ruhig und vor allem so intensiv in seinem Blick auf die Sehnsüchte der Soldaten, dass es einem nicht auffällt.

Ungewöhnlich für den Regisseur ist die geringe Charakterisierung. In einem Krieg, in dem es nur um das Überleben geht und die Aussichtslosigkeit einen immer wieder zu erdrücken droht, ist aber einfach keine Gelegenheit, um sein wahres Ich zu präsentieren. Der Soldat Tommy, erschreckend realistisch und bedrückend dargestellt von Newcomer Fionn Whitehead, versucht alles, um von diesem Strand wegzukommen, während der Pilot Farrier ebenso wie die Familie Dawson das eigene Leben aufs Spiel setzt, um so viele Menschen wie möglich zu retten. Wie immer ist es beeindruckend zu sehen, wie viele Emotionen, wie viel Zerrissenheit Tom Hardy ausdrücken kann, obwohl man die meiste Zeit über nur seine Augen sieht. Fehl am Platze wirkte auf mich trotzdem oder gerade deswegen One Direction-Sänger Harry Styles. Er ist nicht schlecht - aber eben auch kein Schauspieler.

Erzählt wird die Geschichte von Dünkirchen auf drei Zeitebenen und aus drei Sichten: Während wir Tommy eine ganze Woche dabei begleiten, wie er versucht vom Strand zu fliehen, dauert die Fahrt der Familie Dawson von England nach Deutschland nur einen Tag und Pilot Farrier vollbringt seine Taten in sogar nur einer Stunde. Die erste Zeit verlaufen die Stränge getrennt voneinander, man sieht sogar Dinge aus der Sicht eines anderen Charakters, bevor sie auf der anderen Ebene überhaupt passieren. Zum Ende hin kreuzen sie sich jedoch immer wieder und ergeben so ein perfektes Ganzes. Und obwohl man die einzelnen Figuren so wenig kennenlernt, entsteht aus dem Wechsel zwischen Gefahr und ruhigen, tiefgehenden Momenten eine solche Atmosphäre, dass man sich vor Spannung kaum auf dem Sitz halten kann. Ich jedenfalls habe um sie alle gebangt, auch wenn der Ausgang der Evakuierung Geschichte ist. Die Trauma und die Angst der Soldaten, nicht nur vor dem Krieg sondern auch vor dem Spott der Menschen, wenn sie verfrüht zurückkommen - das alles ist so greifbar, dass man sich mittendrin wähnt. Zurückgelassen wird man in einem Strudel aus Gefühlen, aber der guten Art - da hat es nicht verwundert, dass noch fünf Minuten nach dem Ende niemand im Kino aufgestanden ist. 

FAZIT 
Ich bin ein großer Fan von Christopher Nolans Filmen und daher eventuell ein bisschen voreingenommen. Trotzdem kann ich "Dunkirk" nur als Meisterwerk bezeichnen. Das Ganze ist weniger darauf aus, einem Action und Kampfgetümmel zu bieten, als uns die Furcht, Hoffnung und Sehnsucht der Beteiligten - ob Soldat oder Zivilist - nahe zu bringen. Film des Jahres. 5 Punkte. 

 

 

   Kommentare:

  1. Hi Sonne :),

    jetzt bist du schon die zweite Person, auf deren Urteil ich vertraue, die von diesem Film so begeistert ist. Und jetzt müsste ich ihn eigentlich sehen. Dabei hasse ich doch Kriegsfilme, vor allem über den 2. Weltkrieg. Was für ein Dilemma :D.

    Ich glaub nicht, dass ich ihn mir im Kino ansehen werde, weil ich mit brutalen Szenarien ohnehin schon nicht gut klarkomme und das auf der Leinwand dann nochmal was anderes ist. Aber vielleicht ja mal, wenn er auf DVD oder zum Streamen raus ist.

    Liebe Grüße
    Charlie

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    1. Erst einmal freut es mich, dass du auf mein Urteil vertraust :D

      Lass dir auf jeden Fall gesagt sein (das erwähne ich oben ja auch), dass ich eigentlich ebenfalls kein Fan von Kriegsfilmen bin. "Dunkirk" habe ich jedenfalls nur geschaut, weil er eben von Nolan stammt und dem vertraue ich blind. Dieser Kriegsfilm ist viel weniger Kriegsfilm als man annehmen könnte, weil er sich viel mehr auf die Figuren und ihre schweren Entscheidungen konzentriert als auf das Kampfgeschehen an sich. Brutal ist er damit auch nicht wirklich (wobei, das sage ich als jemand, der brutale Szenen sehr gut abkann, oft sogar gern mag).

      Ich würde mich jedenfalls freuen, solltest du es mit der DVD probieren. Vielleicht wirst du ja überrascht ;)

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  2. Latha math, Sonne.
    Nur etwas eingetropfter Wermut zu Christopher Nolan...
    'Memento' scheint mir einzig des Aha-kapiert!-Effekts wegen a-chronlogisch geschnitten zu sein.
    Und - Teil 1 & 2 seiner Batman-Trilogie wollen nicht wirklich zum cineastischen Monolith passen, der 'The Dark Knight'(*) nun einmal ist.
    Wermut, Ende... ;.)

    Krieg ist der Konflikt auf der Ebene aller Zusammenhänge & auf jeder persönlichen Konfrontation damit. Weswegen die anmerkenswerten Filme über Kriege die bleiben, die den Menschen mit dessen Extreme konfrontieren. Beispielhaft, die Szene im Bombenkrater aus 'Im Westen Nichts Neues'!

    Deine aufgezeigte Charakterisierung (!) des Film-Tenors als Momentaufnahme(n) einer gegebenen Situation offenbart dann auch genau, woran Kritiker ("fehlende Hintergründe der Figuren", erst recht der gestreute Rassismusvorwurf) krachend gescheitert sind; eben Unwillen/Unfähigkeit sich selbst von Erwartungsklischees an einen Film über den Zweiten Weltkrieg zu lösen.
    Cineastisch wie inhaltlich ist 'Dunkirk' das genaue Gegenstück zum gern als Referenz zitierten 'Saving Private Ryan' - nämlich authentisch.

    bonté



    (*)dagegen wirkt, nach wie vor, das bisherige Marvel-Gedöns wie Flatulenz im vollen Aufzug

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    1. "Memento" habe ich bisher als so ungefähr einzigen der Filme noch nicht gesehen, weil ich ihn mir irgendwie noch aufheben will. Aber mich stört es wahrscheinlich auch nicht unbedingt, wenn mit der Schnitttechnik ein Effekt erzielt werden sollte - gerade das ist ja wohl das Interessante, denke ich ;) Und im Gegenzug zu vielen anderen mag ich auch Teil 1 & 3 der Trilogie sehr gern. Im Abschluss insbesondere das Düstere und Gebrochene des dunklen Ritters.

      "Im Westen nichts Neues" habe ich nur gelesen und ich bin auch nicht sicher, ob ich den Film sehen will, weil ich schon die Vorlage so schockierend fand. Gut, aber eben auch wirklich bedrückend.

      Und viel Kritik gab es ja an "Dunkirk" eigentlich gar nicht, insbesondere deutsche Journalisten waren sehr begeistert, soweit ich es gelesen habe. Die Vorwürfe kann ich zumindest aber nicht nachvollziehen - gerade, wo ich aktiv gegen Rassismus kämpfe und daher durchaus geneigt bin, ihn auch zu suchen.

      Einig sind wir uns hier auf jeden Fall ;)

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    2. ...für,die DVD von 'Memento' gab es damals auch die Option, den Film chronologisch zu sehen. Als ich im Kino den Gedanken Nolans, hinter den Zeitsprüngen, dingfest gemacht hatte, kam mir dennoch zuerst die Frage nach dem konkreten "Warum" in den Sinn. Die Story funktioniert chronologisch erfahren ebenso.
      Ich will Dich aber nicht spoilern; auf jeden Fall eine cineastische Erfahrung.

      Solltest Du Dich an eine der Verfilmungen des Remarque-Klassikers wagen wollen, dann empfehle ich dick Lewis Milestones zeitnahe Version von 1930.

      Der vorgeschobene "Rassismus"-Vorwurf bezog sich darauf, dass man/frau nur weiße Soldaten zu Gesicht bekäme.
      So langsam rechnet sich 'Dunkirk' auch finanziell.

      bonté

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