Back Down to Earth

[Buchrezension] Nachtblumen - Carina Bartsch

Erneut schielte ich über meine Schulter und beobachtete Collin, der das Zeichnen wieder aufgenommen hatte. Ich erinnerte mich an jenes Gespräch auf der Aussichtsplattform, als er dachte, ich würde ihn aushorchen und die erschlichenen Informationen im Anschluss an Vanessa weitertratschen. Er sprach davon, dass er eine glückliche Kindheit gehabt hätte, in der es ihm an nichts fehlte. Wenn das tatsächlich der Fall war, fragte ich mich, warum hatte er dann so große Ahnung vom Kämpfen?
Stille breitete sich zwischen uns aus, als wäre sie unser treuester Begleiter. Collin und ich waren nie allein, sie war immer dabei. Ich lauschte in die Ferne, hörte den Wind und das Meer und hinter mir das Flüstern von Collins Bleistiftmine auf dem Papier.

INHALT
Jana, die bisher in Heimen und betreutem Wohnen untergebracht war, erhält die Chance ihres Lebens: Sie darf auf Sylt eine Ausbildungsstelle in einem Architekturbüro antreten und dafür im Haus ihres Chefs unterkommen, gemeinsam mit vier weiteren jungen Menschen. Die Eingewöhnung fällt ihr schwer und ihre Ängste bestimmen auch ihr neues Leben. Erst langsam gelingt es ihr, sich zu öffnen und Vertrauen zu fassen. Und dann ist da noch der unnahbare Collin, der ihr Herz flattern lässt - sie aber nur selten an sich heranlässt. Jana muss entscheiden, ob sie alles riskiert, um ihm ihre Zuneigung zu zeigen, oder ob sie lieber auf sicherem Boden bleibt und ihn dadurch eventuell verliert...

MEINE MEINUNG
Carina Bartsch hat mit ihrer Dilogie um Emely und Elyas vor zwei Jahren einen vollen Erfolg gelandet, von der mir insbesondere Band 2 sehr gut gefallen hat. Um "Nachtblumen" kam ich dementsprechend quasi nicht herum. Der einnehmende, gefühlvolle Stil und die Erzählung aus der Ich-Perspektive sind geblieben, ansonsten hat sich jedoch viel geändert: Die Geschichte ist deutlich ruhiger und geht mehr in die Tiefe. Gleichzeitig tritt die Handlung aber auch vor allem im ersten Drittel stark auf der Stelle und hätte teilweise wohl gekürzt werden können.

Jana ist mit ihrer ängstlichen und zurückhaltenden Art zu Beginn eine sehr anstrengende Protagonistin, vor allem, weil sie dazu neigt, Dinge in sich hineinzufressen. Anstatt auf die Leute, die ihr Vertrauen und Sicherheit bieten, zuzugehen, versteckt sie sich in ihrem Schneckenhaus und macht ihre eigenen Fortschritte immer wieder zunichte. Das erklärt sich zwar mit ihrer Geschichte, die in Therapiesitzungen und Gesprächen aufgedeckt wird, und sie macht eine stetige Entwicklung durch - diese geht aber so langsam vonstatten, dass es zwischenzeitlich frustriert. Love-Interest Collin ist nicht unbedingt der Traumprinz, den ich mir für Jana gewünscht hätte, denn mit seiner arg abweisenden und alle für dumm haltenden Art konnte ich wenig anfangen. Über die erste Hälfte spricht er kaum, gibt nichts von sich preis, weswegen es schwierig ist, ihn kennen zu lernen. Auch er hat eine schwerwiegende Vergangenheit und Fehler machen menschlich, aber ich konnte ihn nicht immer verstehen. Schade fand ich insbesondere jedoch, dass die Nebenfiguren so wenig Entwicklung erfahren bzw. diese eher im Hintergrund passiert, wodurch sie teilweise wie Beiwerk wirken.

Trotz der nur langsam voranschreitenden Handlungen und der kleinen Probleme, die ich also mit den Figuren hatte, war ich beinahe durchgehend gefesselt. Carina Bartsch hat so einen bildlichen und mitreißenden Stil, dass es schwierig ist, sich von ihren Worten loszureißen. Die Liebesgeschichte hat mich zwar nicht komplett überzeugen können, vor allem weil Jana Collin viel zu oft und viel zu viel nachläuft, ihre Emotionen habe ich aber dennoch immer nachempfinden können. Vor allem setzt sich die Autorin aber auf glaubwürdige und, ganz wichtig, sensible Weise mit Krankheit, Verlust und psychischen Problemen auseinander. Die Liebesgeschichte kommt ohne Kitsch, aber nicht ohne Schmerz aus, und für alle Charaktere ist es schwer, ihre alten Verhaltensweisen loszuwerden. Damit weiß der Roman bis zur letzten Seite zu fesseln und vor allem immer wieder zu berühren - besonders am Ende, das einen runden und schönen Abschluss bietet.

FAZIT
Carina Bartschs neuer Roman "Nachtblumen" ist ganz anders als ihre erste Dilogie, und doch in Sachen Schreibstil und Spannung genauso wunderbar zu lesen. Zwischenzeitlich gibt es einige Längen und nicht immer kam ich mit den Charakteren klar - dennoch war ich fast durchgehend gefesselt und insbesondere vom realistischen Umgang mit familiären und psychischen Problemen berührt. 4 Punkte!
 

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