Back Down to Earth

[Buchrezension] Willkommen in Night Vale - Joseph Fink & Jeffrey Crandor

Er nahm das Papier und untersuchte es eingehend. Als er es loßließ, war es sofort wieder in ihrer Hand. Die Wissenschaftler glotzten mit offenem Mund. Sie hatten die Klemmbretter sinken lassen. Einer von ihnen schien überlastet und schaltete ab. 
Carlos rannte im Labor herum, stellte Bunsenbrenner an und aus und drückte wie wild allerlei Schalter. Die anderen Wissenschaftler halfen dem einen Wissenschaftler beim Neustart. 
"Wir fangen sofort an", schrie Carlos.
"Ja, gut", schrie sie zurück. "Warum schreien wir?"

Bildergebnis für willkommen in night valeINHALT
Night Vale ist in mancher Hinsicht eine Stadt wie jede andere: Es leben Menschen in ihr, es gibt Radio und Fernsehen, Geschäfte und ein Rathaus. Night Vale ist in vielerlei Hinsicht aber auch keine Stadt wie jede andere: Der Glaube an Berge ist verboten, einen Besuch in der Bibliothek oder beim Gebrauchtwarenhändler überlebt man selten und jeder wird immer und überall beobachtet. In dieser normalen und nicht so normalen Stadt leben Diane und Jackie. Die Frauen haben eigentlich nichts miteinander zu tun, aber als eines Tages ein Fremder im braunen Jackett beginnt, alles auf den Kopf zu stellen, müssen die beiden sich zwangsläufig zusammentun, um die Wahrheit über ihn herauszufinden...

MEINE MEINUNG
"Night Vale" basiert auf einem - so hört man - sehr beliebten, erfolgreichen und guten Podcast der Autoren Joseph Fink und Jeffrey Crandor. Wer sich einen Eindruck darüber verschaffen will, womit er es bei diesem Buch zu tun hat, sollte in diesen vielleicht einmal hineinhören, um ein Gefühl für die Verrücktheiten und irren Geschehnisse zu bekommen. Ich habe den Roman ohne den Podcast gelesen und war dementsprechend wahrscheinlich etwas mehr verwirrt, aber letztendlich war das gar nicht so schlimm. Denn wenn man sich erst einmal wirklich und wahrhaftig auf diese vollkommen irre Geschichte einlässt, wird man mit so viel Originalität und Witz belohnt, wie man sie nur selten geboten bekommt.

Jackie ist zu Anfang eine sehr passive und eher ignorante Person: Sie interessiert sich für nichts außer ihrer Arbeit im Pfandhaus, sie kümmert sich nicht um ihre Mutter und wundert sich auch nicht wirklich darüber, dass sie seit Jahrzehnten 19 Jahre alt ist. Erst nachdem sie den Fremden im braunen Jackett getroffen hat und den von ihm überreichten Zettel nicht mehr los wird, beginnt sie nachzuforschen - und zeigt dabei so einiges an Willensstärke. Diese besitzt auch die andere Protagonistin, Diane, die vor allem für ihren Sohn Josh sorgt und für diesen alles tut. Als auch ihre Familie in die Machenschaften des Mannes hineingezogen wird, wandelt sie ihre Wut darüber um in ihre Nachforschungen. Besonders als Gespann sind die beiden Frauen unschlagbar und ein tolles Team. Aber auch die anderen Figuren sind ebenso skurril und liebevoll ausgedacht: Old Woman Josie, die mit Engeln zusammenlebt, die alle Erika heißen (und von der Stadt verboten sind); Dianes Sohn Josh, der jeden Tag eine andere Form annimmt; Glühwolken namens Stacie und lebende Bäume namens Laura - sie bevölkern die Stadt und verleihen ihr alle auf ganz unterschiedliche Arten etwas Besonderes.

Zugegebenermaßen ist der Plot nicht besonders ausgefeilt, er wirkt teilweise schon glatt ein wenig planlos. Die Geschichte dreht sich über die Hälfte darum, wie Jackie und Diane getrennt voneinander die gleichen Orte aufsuchen, um dort sinnlose, aber auch sehr witzige Gespräche zu führen und trotzdem nicht mehr herauszufinden. Aber all diese seltsamen Begegnungen, diese komplett wirren Menschen und die absurden Verbote und Gebote der Stadt machen den Charme von Night Vale aus, und so ist man eigentlich permanent gespannt, was für seltsame Dinge als nächstes geschehen. Die eingestreuten Radiosendungen tragen zur Atmosphäre bei, erklären ein wenig mehr vom Aufbau der Stadt und lassen einen oft auflachen, sind aber dafür teilweise auch zu lang und nicht zielführend genug - insbesondere die sogenannten Verkehrsnachrichten, die von einer für die Handlung völlig unwichtigen Geschichte berichten, langweilen.

Davon abgesehen ist das Ganze aber durchaus fesselnd, denn genau wie Jackie und Diane will man auch selbst herausfinden, was es nun mit dem Fremden auf sich hat und den Zetteln, die alle in den Händen haben. Dazu müssen die beiden gefährliche Orte wie die Bibliothek aufsuchen (in deren Biografie-Abteilung es zum Beispiel nur eine von Helen Hunt gibt, der ein böser Geist entsteigt) oder mit den verbotenen Engeln sprechen. Dafür, dass das alles so lange aufgebaut wurde, ist die Lösung dann letztendlich allerdings etwas unbefriedigend und geradezu lahm - da hatte ich mir doch etwas abstruseres, etwas anderes vorgestellt, das einen nochmal so richtig durchrüttelt. Trotzdem würde ich nach dem Schluss durchaus gern noch einmal nach Night Vale zurückkehren - und sei es nur, um zu erfahren, welche sinnfreien Vorschriften es noch so gibt.

FAZIT
"Willkommen in Night Vale" ist ganz bestimmt nicht für jeden das richtige Buch, denn es lebt größtenteils von den skurrilen Begegnungen zwischen sehr wirren Menschen und lauter absurden Begebenheiten. Die Geschichte nimmt da keinen so großen Stellenwert ein - aber wenn man die Art der Erzählung mag, wird man sicherlich so einiges zu Lachen haben. Von mir gibt es dafür 3,5 Punkte!


Titel: Willkommen in Night Vale
Originaltitel: Welcome to Night Vale
Autor: Joseph Fink, Jeffrey Crandor
Übersetzer: Wieland Freund, Andrea Wandel
Verlag: Klett Cotta
Seitenzahl: 378 Seiten
ISBN-13: 978-3-608-96137-9
Bereitgestellt durch Blogg dein Buch

   Kommentare:

  1. Wow, dahat es dir ja wesentlich besser gefallen als mir. Schön, mal eine etwas andere Meinung zum Buch zu lesen, denn derzeit häufen sich doch die negativen Stimmen in meinem Blogroll.

    Leider hat "Night Vale" in mirso gut wie gar keine Spannung geweckt, sodass ich irgendwann nicht einmal mehr herausfinden wollte, was denn dahinter steckt. Und als ich es dann wusste, war ich doppelt enttäuscht >_< Aber so ist das mit dem Geschmack und der Wahrnehmung. Bin schon fast ein wenig beruhigt, dass es scheinbar doch für jedes Buch den richtigen Leser gibt, auch wenn du nicht 100%ig glücklich damit warst.

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  2. Okay, das hört sich ja wirklich ziemlich verrückt an! Also wohl eher nicht ganz so mein Fall :D

    Liebe Grüße!

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