Back Down to Earth

[Buchrezension] Die Ungehörigkeit des Glücks - Jenny Downham

"Ist Mary schon mal hier gewesen, Mum?"
"Katie, ich lass mich jetzt nicht von dir in Diskussionen verwickeln. Schaff sie einfach da weg. Bestich sie - egal, mit was -, und ihr geht los. Ich ruf dich an, wenn ich in der Nähe bin, und dann werden wir ja sehen, wo ihr seid."
"Sie ist so aufgeregt, wie ich sie noch nie erlebt hab. Sie hat gesagt, dass sie das Haus erkennt."
"Sie sagt viel, wenn der Tag lang ist. Bitte, Katie, hör einfach auf mich, und ich bin so rasch wie möglich da. Ich leg jetzt auf."
Schuldgefühle. Schuldgefühle. Katie hörte es ihrer Stimme an. Mum hatte eindeutig etwas zu verbergen.

INHALT
Seit ihr Vater die Familie verlassen hat, lebt Katie allein mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. Andere Verwandte hat sie nie kennen gelernt - bis ihre ihr völlig unbekannte Großmutter Mary ihren Lebensgefährten verliert und aufgrund ihrer Demenz bei ihnen unterkommen muss. Katies Mutter ist gar nicht begeistert, denn seit ihrer Kindheit hegt sie eine große Abneigung gegen Mary. Katie hingegen fühlt sich sofort mit der alten Frau verbunden und ist fasziniert von den Erinnerungen, die sie manchmal überkommen. Sie weiß, dass es einen Grund gibt für die Fehde zwischen den beiden ungleichen Frauen. Und sie hofft, dass sie sich vertragen, wenn sie nur herausfinden kann, welchen.

MEINE MEINUNG
Jenny Downham spaltet seit Jahren die Meinungen der Leserschaften - entweder man mag ihre Romane oder nicht. Ich habe ihre Bücher von Anfang an gern gelesen, da bildet auch "Die Ungehörigkeit des Glücks" keine Ausnahme. Die Geschichte wird überwiegend aus der personalen Sicht von Katie erzählt, wechselt in manchen Kapiteln aber auch zu der von Mary. Der Stil ist flüssig und teilweise ein wenig umgangssprachlich, aber keinesfalls so rotzig wie bei "Bevor ich sterbe" und dementsprechend sehr gut zu lesen.

Katie ist eine sehr sympathische Protagonistin, mit der man sich sofort identifizieren kann. Weil ihr Vater weg ist und sie daher die Zweitälteste im Haushalt, tut sie alles, um ihrer Mutter unter die Arme zu greifen: Sie kocht, sie kümmert sich um ihren Bruder und sie lernt pausenlos für die Schule. Dass sie dabei sich selbst vergisst und ihr wahres Ich verheimlicht, merkt sie erst spät - dann macht sie aber eine gut nachzuvollziehende Wandlung durch. Mary ist ebenfalls eine großartige Frau, die man mit ihrer liebevollen, teilweise verwirrten Art sehr schnell ins Herz schließt. Dagegen kann man Katies Mutter Caroline oft wenig abgewinnen, so kühl, beherrscht und streng wie sie auftritt. Auch sie macht eine Veränderung durch, diese geht am Ende dann aber etwas zu hastig vonstatten. Die Nebenfiguren wie Katies launischer Bruder Chris oder ihr Schwarm Simona können überzeugen, müssen aber hinter der eigentlichen Geschichte etwas zurückstehen.

Bei drei Frauen mit vollkommen unterschiedlichen Leben und Erinnerungen braucht diese nämlich durchaus einiges an Platz. Da ist Mary, die in den 50ern unverheiratet und noch nicht volljährig ein Kind geboren und dieses dann ihrer Schwester überlassen hat, um ihm eine Zukunft zu ermöglichen. Da ist Caroline, die Mary das nie verziehen hat. Und da ist Katie, unsicher in ihren Gefühlen, aber mit dem unbändigen Drang, die Wahrheit zu erfahren. Ihre Beziehung zu ihrer Großmutter ist wunderbar mitzuerleben und berührt einen, während die Kapitel, die in der Vergangenheit spielen, immer wieder Aufschluss darüber geben, was wirklich passiert ist. Es ist insgesamt aber eine eher ruhige Geschichte um die Suche nach der Geschichte einer Familie, das muss man mögen.

Letztendlich wird sich manches auch zu einfach gemacht: Dass Katie, die Gefühle für Mädchen hegt, ausgerechnet in der einzigen Lesbe der Schule plötzlich eine Gefährtin findet, ist schon etwas weit hergeholt. Der Konflikt mit dem Vater, der die Familie verlassen hat, wird so gut wie nie angesprochen. Und zum Schluss hin fügt sich alles doch sehr gut und das wenig überraschende Ende wirkt fast ein wenig überstürzt, weil es in nur einem Gespräch herbeigeführt wird. Das Ganze ist nichtsdestotrotz schön und geht einem ans Herz, aber nach den vielen Streitereien und Problemen hätte die Lösung dann doch etwas größer sein können.

FAZIT
Jenny Downhams neuestes Werk, "Die Ungehörigkeit des Glücks", beschäftigt sich wie schon ihre vorhergegangenen Romane überwiegend mit der Gefühlswelt einer Jugendlichen, webt hier aber auch die Geschichten ihrer Mutter und Großmutter mit ein. Das Familiengeheimnis ist interessant zu lüften, aber auch relativ vorhersehbar, und das Ende wirkt ein wenig zu schnell. Abgesehen davon ein schöner, lesenswerter Roman. 3,5 Punkte!



Titel: Die Ungehörigkeit des Glücks
Originaltitel: Unbecoming
Autor: Jenny Downham
Übersetzer: Astrid Arz
Verlag: C. Bertelsmann
Seitenzahl: 480 Seiten
ISBN-13: 978-3-570-10292-3




   Kommentare:

  1. hey :)
    ich hatte das Buch schon so oft in der Hand! Und ich weiß noch, dass ich "Ich gegen dich" im Vergleich zu "Bevor ich sterbe" lange nicht so gut gefunden habe. Daher sollte ich diesem Buch vielleicht eine Chance geben :D Wie fandest du die Geschichte im Vergleich zu anderen Werken?

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    1. Ich glaube, "Ich gegen dich" mochte ich ehrlich gesagt noch lieber als "Bevor ich sterbe" - was daran liegt, dass die Protagonistin da nicht so rotzig und gemein wie Tessa ist. Im Vergleich zu beiden Werken schwächelt "Die Ungehörigkeit des Glücks" aber ein bisschen in Sachen Spannung. Ich mochte es trotzdem - Downham hat halt ihren eigenen, klaren, schönen Stil ;)

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    2. Ich glaube, "Ich gegen dich" mochte ich ehrlich gesagt noch lieber als "Bevor ich sterbe" - was daran liegt, dass die Protagonistin da nicht so rotzig und gemein wie Tessa ist. Im Vergleich zu beiden Werken schwächelt "Die Ungehörigkeit des Glücks" aber ein bisschen in Sachen Spannung. Ich mochte es trotzdem - Downham hat halt ihren eigenen, klaren, schönen Stil ;)

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