Back Down to Earth

[Buchrezension] Broken - Tabitha Suzuma

Er presst sein Gesicht gegen ihre Schulter, versucht, dem Ansturm der Gefühle Herr zu werden, sich der Flut entgegen zu stemmen, aber es ist, als ob sein Körper seinen eigenen Willen hätte und ihn dazu zwänge, sich Lola zu öffnen, ihr zu zeigen, wie schlecht es ihm geht, obwohl es das Letzte ist, was er jetzt gerade tun möchte...
Und allmählich, nach mehreren Minuten qualvoller, stummer Tränen, spürt er, wie der Druck in seiner Brust nachlässt und auch der Schmerz in seinem Kopf. 

INHALT
Mathéo führt das perfekte Leben: Er ist erfolgreicher Turmspringer mit Aussicht auf eine Medaille bei den Olympischen Spielen, er hat genug Geld, um sich jeden Wunsch erfüllen zu können und er ist mit der wunderschönen Lola liiert. Doch nach einem Wochenende in Brighton, wo ein Wettkampf stattfand, wacht er in seinem völlig zerstörten Zimmer auf und weiß, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Doch er kann und will sich nicht erinnern, weil er ahnt, dass diese Sache sein gesamtes Leben kaputt machen könnte...

MEINE MEINUNG
Tabitha Suzuma hat sich 2011 mit ihrem Tabus brechenden Roman "Forbidden" in viele Herzen geschrieben - so auch in meines. Mit "Broken" ist nun endlich ein neues Werk von ihr erschienen, das sich erneut mit den Gefühlen und Problemen Jugendlicher auseinandersetzt und wieder ein wichtiges und trauriges Thema anspricht. Doch anders als im Debüt wird die Geschichte hier aus der personalen Sicht erzählt, was bei einer so intensiven Thematik nur wenig Nähe zulässt. Der Schreibstil ist oftmals stark ausschweifend, sodass ganze Seiten nur aus einem Absatz voller Beschreibungen bestehen, was schnell ermüdet - und so gelingt es dem Buch auch weit weniger als erhofft, einen zu fesseln.

Mathéo ist dieses reiche, perfekte und alleskönnende Kind, das man in der Schule nicht leiden kann. Er hat alles und weiß auch darum, weswegen man anfangs relativ wenig Sympathie zu ihm hegt. Das ändert sich, als ihm das schreckliche Ereignis widerfährt und er sich gegen seine Privilegien zu sträuben beginnt. Außer, dass er eher viel weint, als um seine Zukunft zu kämpfen und endlich mal zu reden, kommt er einem aber leider trotzdem nicht großartig nahe. Da gelingt die Identifikation mit der lebenslustigen Lola, die immer für ihn da ist und ihm liebevoll zur Seite steht, besser. Und auch Mathéos kleiner Bruder Loïc ist ein kleiner Schatz, von dem ich persönlich gern noch mehr gelesen hätte. Die Nebenfiguren sind allesamt recht gut ausgearbeitet, können aber auch nicht mit besonderen Eigenschaften punkten.

Man hat größtenteils einfach das Gefühl, dass das Buch zu lang ist, dass die ganze Geschichte auch auf 200 Seiten hätte erzählt werden können, und zwar besser. Denn so wirken viele sich wiederholende Dialoge wie Lückenfüller und die Details und Beschreibungen nehmen zu viel Platz ein. Vor allem aber die ersten 100 Seiten, in denen lang und breit Mathéos Leben vor dem Ereignis beschrieben wird, sind eintönig und haben relativ Mehrwert, außer um auf seine nicht funktionierende Familie hinzuweisen. Es passiert einfach zu wenig, um einen bei der Sache zu halten. Am Störendsten ist aber, dass Mathéo etwa ab der Hälfte weiß, was ihm zugestoßen ist, es jedoch nicht erzählt - natürlich schämt er sich und trauert um sein früheres Leben, aber seine Reaktion ist so einfach nicht nachvollziehbar. 

Die gesamte Auflösung, auch desjenigen, der letztendlich etwas damit zu tun hatte, wird so lange hinausgezögert, dass man sich schon selbst alles zusammengereimt hat, als es endlich herauskommt. Und gerade diese Auflösung ist dann zwar spektakulär, aber wenig logisch - es erscheint mir schon fast unmöglich, dass das niemand bemerkt hat. Auch das Ende scheint vor allem auf die Tränendrüse drücken zu wollen, ohne wirklich glaubhaft zu sein, denn die getroffene Entscheidung einer der Figuren macht so einfach keinen Sinn. So bleibt man zum Schluss mit dem schalen Gefühl zurück, dass hier weit mehr hätte draus gemacht werden können - besonders im Hinblick auf den Debütroman der Autorin. 

FAZIT
"Broken" sollte man meiner Meinung nach nicht mit Tabitha Suzumas Erstlingswerk vergleichen, denn an dieses kommt der neue Roman nicht heran. Durch die personale Erzählweise entsteht eine zu starke Distanz, um wirklich mitfühlen zu können, und die vielen detailreichen Beschreibungen lassen das Ganze recht langatmig werden. Gerade bei dem intensiven und bedrückenden Thema ist das sehr schade. 2,5 Punkte.



Titel: Broken
Originaltitel: Hurt
Autor: Tabitha Suzuma
Übersetzer: Bernadette Ott
Verlag: Oetinger
Seitenzahl: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3-7891-4754-8



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