Back Down to Earth

[Buchrezension] Die Zelle - Jonas Winner

Es war wie ein Blitz, der mich traf. Mein Blick ging an ihr vorbei in die Nische, die jetzt von dem Vorhang entblößt war, in die Kälte und Nacktheit der Nische, zu dem Werkzeug, dem Stahl, dem Gummi, den Schläuchen und Klammern. Ich weiß noch, dass es war, als ob die Mauer, an die ich mich gepresst hatte, mir eine geballte Faust in die Magengrube rammen würde. Ihr Gesicht, das Gesicht des Mädchens, war jetzt nass von Tränen, es war wie eine Pfütze, es war auseinandergeflossen. Kannst du es sehen?, schien ihr Blick sagen zu wollen, das ist es, das ist die Wahrheit.

INHALT
Der elfjährige Sam zieht während der Sommerferien mit seiner Familie nach Berlin und muss dort in Ermangelung an Freunden die heißen Wochen mehr oder weniger allein verbringen. Er langweilt sich und folgt deshalb eines Tages seinem Vater, als dieser im Luftschutzbunker der Villa verschwindet. Und dort findet er etwas Schreckliches: Ein junges Mädchen, eingesperrt in einer Gummizelle, verängstigt und gequält. Sam weiß nicht, was er tun soll, und schläft eine Nacht über diese Entdeckung - doch als er am nächsten Morgen wiederkommt, ist das Mädchen verschwunden. Und er ist überzeugt davon, dass sein Vater etwas damit zu tun hat...

MEINE MEINUNG
Jonas Winner hat das geschafft, was sich viele selbstverlegende Autoren wünschen: Mit seinem Debüt ist er bekannt geworden und nun bei einem großen Verlag unter Vertrag - und von seinen Werken haben die meisten Thriller-Fans mit Sicherheit bereits gehört. "Die Zelle" ist nun sein neuestes Buch, das sich nicht nur Kindesentführung und -missbrauch annimmt, sondern auch einer verstörten Kinderseele und einer zerbrochenen Familie. Erzählt wird die Geschichte bis auf den letzten Teil und drei eingeschobene Kapitel aus der Ich-Perspektive des jungen Sam selbst, wodurch man sich in seine von Entsetzen und Angst geprägten Gedanken und Gefühle sehr gut hineinversetzen kann.

Sam ist eigentlich ein recht normaler Junge, verspielt und liebebedürftig, unsicher und etwas übersensibel. Nachdem er allerdings die schreckliche Entdeckung im Bunker gemacht hat, wird er fahrig und schreckhaft, kreisen seine Gedanken wild und nicht immer trifft er die besten Entscheidungen - was man in einer solchen Situation aber vollkommen verstehen kann. Dass hinter alldem allerdings noch mehr steckt, erfährt man erst viel später. Durch die Augen des jungen Protagonisten betrachtet man, genau wie er, den Vater sehr misstrauisch und nimmt ihn als zwielichtig und unangenehm wahr. Er ist schwer zu durchschauen und hat durchaus eine brutale Seite. Auch die anderen Figuren, wenn sie auch viel seltener vorkommen, sind interessant gezeichnet - vor allem die überforderte und müde Mutter und der eifersüchtige, besitzergreifende Bruder Linus. Einige Nebenfiguren wie Sams spätere Freundin Marina bleiben etwas blass, dies fällt jedoch nicht stark ins Gewicht.

Anfangs gibt es eine kleine Einführung, aber es dauert nur wenige Seiten, bis Sam bereits seine grausame Entdeckung macht. Von da an lässt sowohl ihn als auch den Leser der Schrecken nicht mehr los und die Fragen rotieren im Kopf: Ist es wirklich der Vater, der diese Untat begangen hat - und vergiftet wirklich die Villa mit der schlimmen Vergangenheit die gesamte Atmosphäre innerhalb der Familie? Die Situation spitzt sich zu, als Sam seinem Vater immer vorsichtiger begegnet und dieser Verdacht schöpft. Und obwohl der Junge regelmäßig versucht, mit den anderen Familienmitgliedern zu reden, hört ihm niemand zu, was ihn letztendlich zu einer verzweifelten Tat treibt. Die Spannung bleibt dabei konstant hoch und das Rätsel lässt einen nicht mehr los.

Je weiter die Geschichte voran schreitet, desto unsicherer wird man auch, ob man bisher mit den eigenen Vermutungen richtig gelegen hat - und so verwirft man immer wieder Theorien und denkt sich neue, sobald sich ein neues Detail offenbart. Die Lösung letztendlich ist dann ganz anders als erwartet, sehr überraschend, aber auch passend - doch die Gestaltung passte für mich nicht wirklich. Denn dass alle Hinweise, die auf die Wahrheit hinführen, zufällig durch eine Aufnahme ans Licht kommen, erschien mir doch ein wenig weit hergeholt. Nach der langen und intensiven Hinführung ließ mich das ein wenig enttäuscht zurück - was dem spannenden Thriller im Großen und Ganzen aber dennoch kaum einen Abbruch tut.

FAZIT
Jonas Winners neuer Thriller "Die Zelle" ist grausam, heftig und mitreißend - mit der schwierigen, an den Nerven zerrenden Thematik muss man aber zurecht kommen. Die ganze Geschichte ist sehr spannend und toll geschrieben, die Weise, auf die die Ausführung präsentiert wird, gefiel mir aber weniger. Insgesamt jedoch trotzdem ein lesenswerter Roman für Fans des Genres. 4 Punkte!


Titel: Die Zelle
Originaltitel: -
Autor: Jonas Winner
Übersetzer: -
Verlag: Droemer Knaur
Seitenzahl: 336 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-51276-0



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