Back Down to Earth

[Buchrezension] Windfire - Lynn Raven

Ein Zwang. Hierherzukommen. Und noch weiter. Er hatte Jesse nichts davon gesagt. Auch wenn sie ihm zumindest die Kopfschmerzen anmerkte. Aber der Rest... "Komm." Es fühlte sich an wie ein Fehler. Und er konnte nichts dagegen tun. 
Abrupt richtete er sich ein wenig mehr auf. Jesse sah zu ihm auf. Überrascht. "Hoffen wir einfach, dass wir auch als Touristen durchgehen und zwischen denen da unten nicht weiter auffallen." Solange sie sich auf Petra zubewegten, hielt sich die Qual in seinem Kopf in Grenzen. Zumindest war es bisher so gewesen. Er streckte ihr die Hand hin. Hitze und Kälte zugleich schoss in sein Blut, als sie sie ergriff, Haut Haut berührte. "Komm." Es fühlte sich an wie ein Fehler.

INHALT
Die junge Jesse hat drei Jobs, um sich und ihren krebskranken Bruder Danny durch zu bringen. Aber das Geld reicht einfach nicht und so hat sie vor einigen Tagen schweren Herzens ein altes Amulett ihrer Mutter versetzt. Bald denkt sie vor lauter Stress nicht mehr daran - bis plötzlich der gut aussehende, hitzige Shane vor ihr steht und genau dieses Amulett von ihr verlangt. Sie stimmt zu, ihm auf der Suche danach zu helfen, und gemeinsam kommen sie dem Geheimnis des Erbstücks auf die Spur. Doch das bringt sie auch in Gefahr...

MEINE MEINUNG
Lynn Raven ist eine der deutschen Fantasy-Autorinnen, die mit ihren außergewöhnlichen Romanen immer wieder zu begeistern weiß. Eigentlich. Denn "Windfire" fehlt trotz der zauberhaften Aufmachung die Magie - obwohl die Geschichte von Djinn und Windhexen handelt, kommt weder richtiges Feuer, noch ein wirklich originelles Lüftchen auf. Und nicht mal der Stil weiß dieses Mal richtig zu überzeugen: Noch mehr als sonst übertreibt sie es mit ihren Parenthesen und Auslassungspunkten, und abgesehen von den wie immer wunderschönen Beschreibungen wirkt alles zu jugendlich und größtenteils zu abgehackt. Erzählt wird das Ganze abwechselnd aus der Sicht von Jesse (Ich-Perspektive) und Shane (Er-Perspektive), was einen Einblick in beide Figuren ermöglicht. Ab und zu gibt es auch Kapitel aus der Sicht einiger Bösewichte, bis zum Ende wird deren Sinn und Zweck aber nicht wirklich klar. 

Jesse müsste einem aufgrund ihrer Bereitschaft, alles für ihren Bruder zu tun, eigentlich sympathisch sein - doch die meiste Zeit über ist das ihre einzige gute Eigenschaft. Ansonsten ist sie fast immer zickig, launisch und eingebildet, kein Wunder also, dass Shane sie "Ms Zimtzicke" nennt. Er ist dagegen etwas sympathischer, zeigt vor allem seine Hilfsbereitschaft, bleibt aber bis auf seine Dickköpfigkeit ansonsten eher blass. Die Nebenfiguren kommen ansonsten einfach zu wenig vor, um eine wirklich gute Ausarbeitung zu erfahren und bleiben so eher blass - das enttäuscht besonders, wenn man an die sonst großartigen Charaktere in Ravens Büchern denkt. 

Kurz nach der Einführung beider Figuren inklusive ihrer Motive und Vorgeschichten erwartet den Leser ihr erstes feuriges Zusammentreffen, das viel für den Rest des Romans verspricht - und dieses Versprechen dann nicht halten kann. Bis auf eine sehr spannende Verfolgungsjagd im Auto plätschern die ersten 200 Seiten vor sich hin, es passiert wenig bis auf die stereotype geheimnisvolle Anziehung zwischen den Protagonisten und ein in dem Moment völlig unpassendes Fotoshooting. Erst als sich Shane und Jesse gemeinsam auf die Suche nach Antworten machen und sich damit endlich auf die lang ersehnte Reise begeben, wird es endlich wieder interessanter. 

Die Liebesgeschichte konnte mich persönlich gar nicht mitreißen, weil einfach keine wirklichen Gründe dafür genannt werden, außer dass sich die gegensätzlichen Elemente anziehen und beide gut aussehen - eine wirkliche Chemie fehlt. Immerhin bleibt das Rätselraten um die Bedeutung des Amuletts und die Drahtzieher hinter den Angriffen auf die beiden, sodass die Romanze zum Glück sowieso größtenteils im Hintergrund bleibt. Doch nach all den verschiedenen Strängen und verwirrenden Einblicken in die Gedanken der Gegner wirkt das Ende, als hätte die Autorin weder Zeit noch Lust gehabt, das alles sinnvoll zu einem Ende zu bringen. Viel zu wenig wird geklärt, vor allem im Bezug auf die Motive der Gegner und wer die überhaupt sind. Als wäre hier noch ein weiterer Band geplant, von dem aber nirgends die Rede ist. Da bleibt nach dem packenden Showdown zum Schluss ein fader Geschmack.

FAZIT
Lynn Ravens neuer Roman ist irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. "Windfire" beginnt interessant, lässt dann stark nach und fesselt erst ab der Hälfte wieder - nur um dann viele Fragen ungeklärt zu lassen. Es fehlt einfach der Zauber, den man sonst von den Büchern der Autorin gewohnt ist. Hier kann ich nicht mehr als knappe 3 Punkte vergeben.


Titel: Windfire
Originaltitel: -
Reihe: Nein(?)
Autor: Lynn Raven
Übersetzer: -
Verlag: cbt
Seitenzahl: 464 Seiten
ISBN-13: 978-3-570-16102-9

   Kommentare:

  1. Oh verdammt, wie schade! :/ Hätte man von Raven ja gar nicht erwartet und ich frage mich: Warum? Musste sie unbedingt mal wieder etwas Neues bringen oder was?

    OoT: War gestern übrigens im Kino zu "Die 5. Welle" - muss man jetzt auch nicht unbedingt gucken D:
    Liebste Grüße und schönes Wochenende <3

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    1. Ich weiß auch nicht, was da mit Raven los war. Im Gegensatz zu vielen anderen mochte ich ja "Seelenkuss" recht gern und bin jetzt richtig enttäuscht - wenn es nicht die Autorin gewesen wäre, wäre meine Wertung wahrscheinlich sogar noch schlechter ausgefallen. Ich würd's an deiner Stelle lieber lassen!

      Und über die 5. Welle haben wir ja schon gesprochen, den hab ich mir in weiser Voraussicht ja eh gespart :D

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  2. So ging es mir beim Lesen auch! Ich fand "Windfire" zwar um einigs besser als "Seelenkuss" (das war wirklich graaauenvoll!), aber an "Der Kuss des Kjer" oder "Blutbraut" kam es trotzdem nicht ran!

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    1. Ich mochte "Seelenkuss" ehrlich gesagt sogar ganz gerne - als eine der wenigen. Fand die Welt für High Fantasy schon ziemlich gut aufgebaut. Aber du hast Recht, an "Blutbraut" kommen beide definitiv nicht ran. Und "Der Kuss des Kjer muss ich immer noch lesen"... *schäm*

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