Back Down to Earth

[Buchrezension] Regenbogentänzer - Nicole Walter

Sie übergab Frau Lipowsky zweieinhalb Monatsmieten, weil sie noch ein wenig Geld fürs Essen und die Bank brauchte, und sagte ihrem Spiegelbild beim Zähneputzen, dass sie es liebte. Ihr Spiegelbild fand es zunächst peinlich, dann war es nur noch irgendwie verlegen, und irgendwann lachte es sie einfach aus. Ein schönes Gefühl, den Tag mit einem Lächeln zu beginnen. Und vielleicht würde ihr Spiegelbild die Liebeserklärung eines Tages sogar annehmen, und irgendwann würde es möglicherweise sogar anfangen, ihr zu glauben.

INHALT
Milena ist eigentlich Tänzerin - und musste ihren Traum nun aufgrund körperlicher Beschwerden aufgeben. Sie fällt in ein tiefes Loch, denn sie wird nie wieder auf einer Bühne auftreten, nie wieder ein Engagement erhalten. Auf der Suche nach einem neuen Job, bei der ihr das Arbeitsamt nicht weiterhilft, begegnet sie auf einer Brücke Alphonse, einem verwirrt scheinenden, aber freundlichen älteren Herrn. Er lebt im Regenbogenhaus für Menschen mit psychischer Störung, und als Milena ihn dorthin zurück bringt, erhält sie die Chance auf einen Teilzeitjob als Tanzlehrerin. Doch die Arbeit mit den Patienten ist gar nicht mal so einfach, und auch ihre Vergangenheit macht ihr schwer zu schaffen...

MEINE MEINUNG
Nicole Walters "Regenbogentänzer" besticht von außen vor allem durch die kunterbunte Aufmachung, die sehr gut zu den vielen seltsamen wie auch liebenswerten Persönlichkeiten passt, die das Buch zu bieten hat - und ebenso zu den vielen unterschiedlichen, schönen wie traurigen, Ereignissen. Der Stil ist sehr beschreibend, teilweise auch blumig, dabei aber meistens noch im angenehmen Rahmen des Detailreichtums. An die teilweise spektakulär wirren bzw. bizarren Dialoge und auch an einige besondere Gedankengänge der Protagonistin muss man sich allerdings erst gewöhnen, weswegen der Einstieg ein wenig schwer fällt. Im Laufe der Handlung lernt man beides aber irgendwie zu mögen, weil es in genau dieser Form sehr zur Art der Geschichte passt.

Milena ist anfangs eine relativ schwierige Protagonistin: Verbittert durch das Ende ihrer Tanz-Karriere und voreingenommen gegenüber vielen Menschen ist sie einem anfangs wenig sympathisch. Durch den Kontakt mit den Bewohnern des Regenbogenhauses beginnt sie sich jedoch zu öffnen - und auch durch ihren traurigen Hintergrund beginnt man bald, sie ins Herz zu schließen. Das ist jedoch nicht nur bei ihr der Fall: Alle Figuren haben ihre Höhen und Tiefen, viele Ecken und viele Kanten. Da ist der Psychiater Phil Friedmann, der ihr oft eine Schulter zum Anlehnen bietet und sie dann wieder unwirsch abfertigt, oder der gut aussehende Patient Christopher, der in seinen lichten Momenten großartig sein kann und dann wieder hasserfüllt und gemein, oder auch die Nachbarin Anna, die immer nur über sich selbst spricht und doch für Milena da ist. Die Persönlichkeiten sind fast alle sehr skurril, wirken im Kontext nach einer Aufwärmphase aber klasse.

Zu großen Teilen ist Milenas Geschichte wie aus dem Leben gegriffen: Sie muss sich mit dem Arbeitsamt herumschlagen und dem aus ihrer Arbeitssituation resultierenden Geldmangel, ebenso wie mit ihrer anstrengenden Nachbarin Anna. Viele Erlebnisse meint man so oder so ähnlich schon öfter erlebt zu haben, was das Buch realistisch macht. Gleichzeitig wird dem Ganzen durch das Regenbogenhaus auch eine etwas absurdere Note verliehen - aber nur durch die Dialoge und einige Situationen, nicht nur die Bewohner, deren Leiden einfühlsam und glaubwürdig dargestellt werden. Die Autorin verbindet diese teilweise argen, traurigen Störungen jedoch immer wieder mit einigem Humor und Wortwitz, sodass es nie zu erdrückend wird.

Ein paar Kritikpunkte gibt es jedoch auch: Manchmal ist das Hin und Her in Milenas Gedankengängen doch etwas schwierig nachzuvollziehen, und die nach 150 Seiten aufkommende Liebesgeschichte ist zwar gänzlich anders als erwartet, ergibt sich jedoch auch zu schnell. Außerdem konnte ich wenig damit angefangen, dass nach einem Gespräch oft Seiten später Sätze zu den Dialogen hinzu gedichtet werden, die man als Leser gar nicht miterlebt hat, was die Erzählung so teilweise etwas sprunghaft wirken lässt. Dafür bleibt es bis zum Ende fast durchgehend spannend, und entgegen aller Erwartungen ist der Schluss dann keine perfekte Auflösung für alle, was gut zum restlichen Buch passt - und einem die Möglichkeit bietet, die Geschichte selbst weiter zu spinnen.

FAZIT
Nicole Walters Roman ist sehr besonders, sowohl vom Inhalt als auch von den Charakteren her - und braucht daher etwas Anlaufzeit. Je weiter die Seiten voranschreiten, desto lieber gewinnt man beides aber. "Regenbogentänzer" ist immer wieder ein wenig traurig, immer wieder ein bisschen erschreckend, aber oft auch schön und fröhlich. Lesenswert! 4 Punkte.



Titel: Regenbogentänzer
Originaltitel: -
Autor: Nicole Walter
Übersetzer: -
Verlag: Droemer Knaur
Seitenzahl: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-51550-1


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