Back Down to Earth

[Buchrezension] Das Licht der letzten Tage - Emily St. John Mandel

In der Lobby sammelten sich die Leute an der Bar und stießen an. "Auf Arthur", sagten sie. Sie tranken noch eine Weile, dann gingen sie alle ihrer Wege, hinaus in den Sturm.
Von allen Personen, die in dieser Nacht in der Bar gewesen waren, war der Barkeeper derjenige, der noch am längsten leben sollte. Er starb drei Wochen später auf der Straße, über die er die Stadt verlassen wollte.

Das Licht der letzten TageINHALT
An dem Tag, an dem die Georgische Grippe Kanada erreicht, sind die Leben von Jeevan, Kirsten und Clark auf eine Weise verbunden, von der sie nichts ahnen und die sie nie erkennen. 20 Jahre später ist die Welt keine, wie sie einmal war: 99% der Menschheit ist tot, die Übrigen müssen täglich um ihr Überleben kämpfen. Während Kirsten einer fahrenden Symphonie angehört, lebt Clark auf einem Flughafen und Jeevan in einer neu gegründeten Kommune. Doch sie haben eines gemeinsam: Sie alle wollen nicht aufgeben, im Glauben daran, dass die Welt einmal wieder so schön werden kann wie früher.

MEINE MEINUNG
Emily St. John Mandel hat mit ihrem Roman "Das Licht der letzten Tage" etwas ganz Besonderes geschaffen: Er spielt einerseits in einer Endzeit, in der ein Großteil der Weltbevölkerung tot ist und der Rest ums Überleben kämpft, und andererseits Tage, Wochen, gar Jahrzehnte vor dem Ausbruch der tödlichen Krankheit. Das ist eine Mischung, die man so nicht kennt, die anders ist, manchmal ein wenig langatmig, die so aber auch außergewöhnliche Charakterentwicklungen beschreibt. Alle berichtenden Figuren haben auf die ein oder andere Weise mit dem Schauspieler Arthur zu tun, der der zentrale Angelpunkt ist. Teilweise gibt es aber auch Abschnitte aus einer allwissenden Perspektive, die einige Hintergründe, vor allem bezüglich der Toten, näher beleuchtet.

Kirsten ist wohl die Protagonistin des Buches, denn sie hat als Erzählerin die meisten Kapitel. Während des Ausbruchs noch ein verwöhntes, ignorantes Kind, hat sie sich durch die Schrecken zu einer mutigen, starken jungen Frau entwickelt - die aber noch immer einen Hang zum Egoismus hat. Jeevans Geschichte erlebt man größtenteils in der Zeit während und nach der Krankheit, als er sich in dieser neuen Welt durchschlägt. Er ist anfangs relativ ängstlich, was ihn sehr sympathisch macht, weil man sich gut mit ihm identifizieren kann, aber mit den Jahren wächst auch er an den Erlebnissen. Clark ist dann derjenige, der relativ spät deutlicher beleuchtet wird und dem ein bisschen die Kanten fehlen. Aufgrund seiner gutmütigen Art schließt man ihn aber dennoch ins Herz. In den Erzählungen der Zeit vor dem Zusammenbruch erfährt man viel über Arthur, seine Frauen und sein Leben, in denen danach geht es insbesondere um die fahrende Symphonie und auch den gefährlichen Propheten - der im späteren Verlauf auch eine Backstory erhält, die äußerst spannend ist.

Neben den großartigen Figuren versteht es die Autorin auch meisterhaft, die Panik der ersten Tage und Wochen der Krankheit zu porträtieren, ebenso wie das Abfinden damit und das neue Leben aller übrigen Menschen. Ihre zerstörte Welt ist atmosphärisch und schaurig, in die sie durch tolle Dialoge und die Stücke von Shakespeare aber immer wieder Licht hinein bringt. Hinzu kommt noch der Nebenstrang um einen Comic, der sich wunderbar auf die Endzeit übertragen lässt und ebenfalls eine Geschichte erhält. Das ist sowieso ein Part, der nicht zu wünschen übrig lässt: Fast jede auftauchenden Figur, die irgendwo mit Arthur zu tun hatte, erhält ein Motiv, einen Hintergrund, einen Sinn. Alles wird erklärt, nichts offen gelassen, auch nicht, wie es teilweise zu den Gegenständen kommt, die die Charaktere besitzen. Diese Konsequenz beeindruckt immer wieder sehr stark.

Zugegeben, trotzdem hätte es nicht ganz so viele Kapitel geben müssen, die in der normalen Welt spielen. Nicht jede Station von Arthurs Leben hätte beleuchtet werden müssen, nicht jede seiner Frauen, nicht jede Facette von Clarks Arbeit. Manchmal sind diese Parts zu lang und ermüden, bevor es wieder zum spannenden Teil in der Endzeit kommt. Und auch wer der Prophet ist, habe ich schnell erraten können, hier wären ein paar weniger Hinweise vielleicht besser gewesen. Nichtsdestotrotz ist dies die Geschichte einer Pandemie, wie ich sie noch nicht gelesen habe: Voller Schmerz, Leid und Tod, aber auch mit so viel Hoffnung und Schönheit, dass man manchmal fast vergisst, was für eine Welt das ist. Auch der Lichtschimmer zum Schluss lässt da froh wie auch nachdenklich zurück - da hätte man fast Lust auf einen 2. Band.

FAZIT
Mit "Das Licht der letzten Tage" ist Emily St. John Mandel etwas ganz Besonderes gelungen. Es ist eine Endzeit-Geschichte, die aber auch viel vor dem Ausbruch der verheerenden Krankheit spielt, und damit Zusammenhänge und Figuren großartig beleuchtet - manchmal auch fast zu viel. Das stört aufgrund der Originalität aber kaum. Gute 4 Punkte!



Titel: Das Licht der letzten Tage
Originaltitel: Station Eleven
Autor: Emily St. John Mandel
Übersetzer: Wibke Kuhn
Verlag: Piper
Seitenzahl: 416 Seiten
ISBN-13: 978-3-492-06022-6


   Kommentare:

  1. Ah, cool, letztens habe ich noch gedacht: Ich hätte mal wieder Lust auf ne gute Dystopie/Endzeit-Geschichte :) Das hört sich, trotz kleiner Schwächen, ja sehr lesenswert an. Besonders die Mischung aus Vergangenheit und Zukunft klingt interessant. Wird auf meiner Weihnachts-Wunschliste notiert :)

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    1. Na siehste, dann hast du ja jetzt die richtige Endzeit-Story, gerne geschehen :D Ich hoffe sehr, dass dir das Buch so gut gefällt wie mir - es ist sehr anders und spielt wie gesagt teilweise auch in der normalen Zeit, grade das macht das aber auch so interessant. Solltest du es auf irgendeine Weise zu Weihnachten erhalten, wünsche ich dir viel Freude damit ;)

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