Back Down to Earth

[Buchrezension] Blut aus Silber - Alex Marshall

"Verfluchte Scheiße!", schaffte es Sir Hjortt hervorzustoßen, bevor der erste Schluchzer seine adlige Brust erbeben ließ. Er kam von den Schmerzen, ja. Und zweifellos von dem Schock, zum Krüppel gemacht worden zu sein. Aber die wahre Quelle seines Leides, das, was ihn beinahe hoffen ließ, dass das Feuer, das sie im Haus entzündete, bevor sie in die Berge floh, die Terrasse verschlingen werde, bevor ihn Schwester Portolés retten konnte, war eine schlichte Tatsache: Er glaubte ihr jedes einzelne Wort.

Blut aus SilberINHALT
Vor 20 Jahren hat Zosia als eine gefährliche und siegreiche Kämpferin den Thron des Königreichs erobern, nur um in einem letzten Duell getötet zu werden - so jedenfalls die Legende. Als sich allerdings ihre ehemaligen Feinde wieder erheben und der Frieden erneut zu brechen droht, wird klar, dass sie nie tot war: Sie hatte nur ein ruhiges Leben mit ihrem Ehemann führen wollen, aber nun, da dieser von einer Armee der regierenden Königin getötet wurde, schwört sie Rache. Und so beginnt sie ihren Feldzug...

MEINE MEINUNG
Alex Marshalls High Fantasy-Epos "Blut aus Silber" hat eigentlich alles, was einen solchen Roman ausmachen sollte: Einen großen und ausführlichen Weltentwurf, eine starke Hauptfigur - in diesem Falle sogar eine Frau, was es noch besser macht - und viele Kämpfe. Diese positiven Aspekte werden jedoch gleich zu Anfang getrübt, als Zosia auf den ersten 50 Seiten erst einmal nicht auftaucht, und auch danach wird es nicht mehr viel besser. Der Stil ist langatmig und durchsetzt von ellenlangen Beschreibungen; es gibt zu viele Figuren, die zwischendurch aber mal für hunderte Seiten nicht in Erscheinung treten und daher keine Entwicklung durchlaufen; und es passiert über weite Strecken viel zu wenig.

Eigentlich ist Zosia wirklich die perfekte Hauptfigur: Früher die "Kobaltblaue Zosia" genannt, war sie skrupellos, mutig und kaum kleinzukriegen, und diese Eigenschaften besitzt sie zum großen Teil aus noch 20 Jahre später als alte Frau. Sie kommt einem aber nicht nahe, bietet keinen Platz zur Identifikation und verschwindet als Protagonistin selbst genau wie Nebenfiguren zwischendurch für etliche Seiten. Die anderen Charaktere sind ebenfalls eigentlich interessant, vor allem, weil sie selten schwarz-weiß wirken, sondern im Gegenteil immer wieder überraschen können - so sind etwa Maroto, den man selbst als durchaus liebenswert empfindet, der aber von anderen als abscheulich beschrieben wird, oder auch der Hornwolf Griesgram, äußerst originelle Charaktere. Aber es sind eben insgesamt zu viele, als dass die Ausarbeitung wirklich gut zum Zuge kommen könnte.

Und das macht auch die Geschichte nicht wett. Im Grunde wechseln sich permanent nur eintönige Dialoge mit sich wiederholenden Kämpfen ab, sodass man sehr schnell sehr gelangweilt ist. Die Geschichte tritt auf der Stelle, und das, obwohl teilweise Monate in wenigen Kapitel abgehandelt werden. An einer anderen Stelle im Imperium ist also inzwischen etwas völlig anderes passiert, es ist dort vorangegangen, man war nur nicht dabei und kann es dann hinterher nachlesen. Die Ereignisse nach dem Verschwinden der Prinzessin Ji-hyeon Bong hätte ich zum Beispiel viel lieber miterlebt, als dass sie für ein Drittel des Buches verschwindet, und man dann vor vollendete Tatsachen gestellt wird.

Es war mir einfach bis zum Ende nicht möglich, mit den Geschehnissen und Figuren warm zu werden, und irgendwann waren mir die Schicksale offen gestanden auch egal. Die grobe Sprache und die sehr außergewöhnlichen Namen trugen außerdem nur dazu bei, dass sich das alles sehr gewollt anfühlte, ohne einen wirklich großen Inhalt zu besitzen. Der Schluss ist dann offen, da wohl noch zwei weitere Bände folgen werden, die bisher aber noch nicht angekündigt sind. Ich werde das Ganze auch nicht weiterverfolgen - nach diesem fast schon desaströsen Einstieg verspreche ich mir keine Steigerung.

FAZIT
Selten habe ich mich mehr gelangweilt als bei Alex Marshalls "Blut aus Silber" - und ich bin sicher, dass es eine gute Entscheidung des Autors war, das Buch unter einem Pseudonym zu veröffentlichen, weil dieses mit Sicherheit schlecht für die Reputation gewesen wäre. Trotz des ausführlichen Weltentwurfs und der interessanten Figuren schafft er es nämlich zu fast keinem Zeitpunkt, Spannung zu erzeugen. Dafür gibt es von mir nicht mehr als 2 Punkte.


Titel: Blut aus Silber
Originaltitel: A Crown for Cold Silver
Reihe: The Crimson Empire
Autor: Alex Marshall
Übersetzer: Andreas Decker
Verlag: Piper
Seitenzahl: 864 Seiten
ISBN-13: 978-3-492-70361-1

   Kommentare:

  1. Hallo

    Wow Danke, für die Rezi, dann spar ich mir das Buch lieber.
    Das englische Original ist seit Monaten auf meiner "Hm - Vielleicht irgendwann - Liste, aber nach der Rezi ... nein Danke. Ich hatte dieses Jahr schon genug miese Fantasy, die anfangs so gut klang!

    lg
    Nadine

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    1. Ich wünschte auch, ich hätte mir diese Langeweile sparen können :D Man findet auf Goodreads ja schon einige negative Meinungen, auf die ich ja durchaus hätte hören können...aber ich wollte es halt doch probieren. Ich weiß natürlich nicht, ob dir die sehr komplexe Geschichte besser gefallen würde als mir. Aber wenn du es auch eher actionreich und ohne viel Geschwafel magst, wäre das wahrscheinlich nicht der Fall :D

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