Back Down to Earth

[Buchrezension] Eine Woche, ein Ende und der Anfang von allem - Nina LaCour

Sie stellt die Tasche ab und geht leise ans Fußende meines Betts. Ich schließe wieder hoffnungsvoll die Augen. Ich höre Deckenrascheln, aber kein Gewicht auf der Matratze, kein Flüstern an meinem Ohr. Ich sehe wieder zu ihr. Sie hat meine Steppdecke zur Couch geholt und legt sie sich über die Beine. Dann zieht sie die Lampe näher, nimmt ein Stück Treibholz in die Hand und ein Schnitzmesser in die andere und arbeitet die ganze Nacht lang.
Das weiß ich, weil ich auch nicht schlafe. 

INHALT
Endlich ist die Highschool-Zeit vorbei und Colby kann endlich seinen größten Traum in die Tat umsetzen: Erst eine Woche mit der Band seiner drei Freundinnen Alexa, Meg und Bev auf Tour und danach geht es nur mit Bev, in die er schon seit Jahren verliebt ist, für ein Jahr nach Europa. Doch noch am ersten Tag des Roadtrips gesteht sie ihm, dass sie nicht mitkommt, sondern studieren geht - und Colby kann nicht fassen, dass sie nach Jahren der Planung plötzlich alles hinschmeißt. Wütend und enttäuscht bleibt er trotzdem bei der Tour dabei, weil er sie nicht im Stich lassen will. Und weil er hofft, dass sie vielleicht doch noch mal ihre Meinung ändert... 

MEINE MEINUNG
"Eine Woche, ein Ende und der Anfang von allem" vereint als Roadtrip-Roman alle wichtigen Elemente, die man von solch einer Geschichte erwarten würde: Freundschaft, Musik, laue Nächte, Reiselust und ein bisschen Romantik. Berichtet wird das Ganze dabei aber aus der Ich-Perspektive eines Jungen, was durchaus ungewöhnlich ist - und teilweise auch nicht ganz deutlich wird, weil die Erzählstimme doch relativ sensibel und weich wirkt. Der Stil ist sehr einfach, die Ortsbeschreibungen aber so schön und glaubwürdig, dass man selbst das Gefühl hat, dort zu sein. 

Colby ist ein eher ruhiger Charakter, nachdenklich, freundlich und liebenswürdig. Er kann sich nur schwer durchsetzen und lässt sich oft bevormunden - entwickelt aber durch die Reise auch endlich ein Gefühl dafür, was er selbst eigentlich will. Bev ist relativ egoistisch und schottet sich gern von anderen ab, in der Angst, verletzt zu werden. Sie beginnt sich zwar ein wenig zu öffnen, möchte aber trotzdem immer lieber ihre eigene Meinung durchsetzen. Tolle Charaktere sind die Schwestern Meg und Alexa, die mit ihrer Vielseitigkeit punkten können, ebenso wie die verschiedenen Personen, die die vier Freunde auf ihrem Weg treffen und die ihnen und dem Leser im Gedächtnis bleiben.

Wie von Roadtrips gewohnt, dreht sich viel um die Suche nach sich selbst - so auch hier, denn nachdem Colbys Pläne mit Bev über den Haufen geworfen wurden, muss er herausfinden, was er dieses eine Jahr nun stattdessen tut. Seine Enttäuschung über Bevs Entscheidung ist sehr gut nachzuvollziehen, ebenso aber auch seine Sehnsucht nach ihrer Freundschaft, wie sie früher war. Weil ich mich jedoch so gar nicht mit seiner großen Liebe Bev identifizieren konnte, kam bei mir auch die Romantik nicht an, obwohl diese einen Großteil von Colbys Gedanken ausmacht. Daran mag es wohl auch liegen, dass ich mich teilweise ein wenig gelangweilt habe, weil alles so dahin plätschert und relativ wenig passiert.

Fesselnder wird es, wenn Colby allein unterwegs ist und dabei verschiedene Menschen kennen lernt, die alle ihre eigenen kleinen Geschichten haben und ihm verschiedene Wege aufzeigen, die er gehen könnte. Und auch die Versuche von ihm und Bev, die Freundschaft zu kitten und vielleicht sogar mehr daraus zu machen, berühren, wenn sich beide einander endlich öffnen. Dabei ist ihr Grund dafür, doch nicht mit ihm auf die Europareise zu gehen, aber gar nicht mal so außergewöhnlich. Wunderbar ist dagegen das Ende, das die Geschichte so sehr gut abschließt und mit einer Entscheidung endet, auf die man gehofft hatte - sodass ein zufriedenes Gefühl zurück bleibt.

FAZIT
Nina LaCours Roadtrip-Roman "Eine Woche, ein Ende und der Anfang von allem" ist sehr ruhig und daher für mich teilweise auch ein wenig langweilig, besonders, weil die Liebesgeschichte mich aufgrund der etwas egoistischen Protagonistin nicht ganz berühren konnte. Die tollen Ortsbeschreibungen und vielen unterschiedlichen Figuren machen einiges davon aber wieder wett. 3,5 Punkte für dieses sehr sanfte Sommerbuch.

  11699055
Titel: 
Eine Woche, ein Ende und der Anfang von allem

Originaltitel: The Disentchantments
Autor: Nina LaCour
Übersetzer: Brigitte Jakobeit
Verlag: Carlsen
Seitenzahl: 272 Seiten
ISBN-13: 978-3-551-58334-5

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