Back Down to Earth

[Buchrezension] On the Island - Tracey Garvis-Graves

"Wir könnten mit dem Rettungsboot losfahren", meinte ich. "Wir beladen es mit Lebensmitteln und sammeln Regenwasser in den Behältern. Und dann fangen wir einfach an zu rudern."
"Und was, wenn uns das Essen ausgeht oder etwas mit dem Boot passiert? Das wäre Selbstmord, T.J. Offenbar befinden wir uns nicht auf der Flugroute zwischen irgendwelchen bewohnten Inseln. Also gibt es keinerlei Garantie, dass wir unterwegs einem Flugzeug begegnen. Die Inseln sind über Tausende von Kilometern verteilt. Ich kann nicht raus aufs Meer. Nicht, nachdem ich Mick gesehen habe. Hier an Land fühlte ich mich sicherer. Und ich weiß, dass sie nicht zurückkommen. Aber das laut auszusprechen, wäre wie aufgeben."

On the Island. Liebe, die ...INHALT
Über die Sommerferien soll die dreißigjährige Anna dem fast siebzehnjährigen T.J. Nachhilfe geben, nachdem er aufgrund einer Krebserkrankung einen Großteil seines Unterrichts verpasst hat. Doch auf dem Weg zum Ferienhaus seiner Eltern erleidet ihr Pilot eine Herzattacke, an der er stirbt, woraufhin das Flugzeug eine Bruchlandung nahe einer kleinen Insel hinlegt. Von nun an sind Anna und T.J. auf sich allein gestellt und müssen versuchen zu überleben - ohne Kenntnisse über wilde Tiere, Feuer und tropische Nahrung, ohne eine Chance auf Rettung. Doch immerhin haben sie einander. Und dies wird bald zu einer Herausforderung, denn langsam wird aus der Kameradschaft mehr. Die Frage ist nur: Wird dieses "mehr" auch außerhalb der Insel bestehen können?

MEINE MEINUNG
Die Geschichte selbst und besonders der Anfang des Buches erinnern ein wenig an "Allein in der Wildnis" von 2000 über einen Jungen, der ebenfalls auf einer einsamen Insel strandet. "On the Island" hat mit zwei Hauptfiguren, die sich mit der Erzählung aus der Ich-Perspektive abwechseln, aber nicht nur einen weitaus interessanteren  Ausgangspunkt, auch besitzt Autorin Tracey Garvis-Graves im Gegensatz zum Autoren des anderen Werks einen sehr mitreißenden und leichten Schreibstil, der sich, obwohl auf der Insel keine große Abwechslung herrscht, nie in den Ausführungen wiederholt. Wer durch den ähnlichen Roman also abgeschreckt wurde, sollte es trotzdem probieren - und alle anderen sowieso.

Anna ist eine Protagonistin, mit der man sich sehr schnell identifizieren kann. Sie weiß, was sie will und auch, wenn sie häufiger weint als ich es gern gesehen hätte, beweist sie doch an vielen Stellen auch deutlich Stärke, insbesondere dann, wenn es darum geht, rationale Überlegungen anzustellen. T.J. ist schon von Beginn an relativ reif für sein Alter und wächst auch auf der Insel an seinen Aufgaben. Schnell weiß er, was nötig ist und verwendet all seine Kräfte darauf, sich und Anna am Leben zu erhalten. Besonders zusammen funktionieren die beiden wunderbar, einzeln wirken sie aber manchmal etwas blass. Und so sieht es überwiegend auch mit den Nebenfiguren aus, die keine großartigen Entwicklungen durchmachen. Möglicherweise ist dies aber auch nicht zu erwarten, wenn sie nur die Hälfte der Zeit auftauchen.

Außerdem hat man aufgrund der fesselnden Geschichte sowieso wenig Zeit, um über irgendetwas nachzudenken, das nichts mit der Beziehung zwischen Anna und T.J. und dem Überleben auf der Insel zu tun hat. Anfangs geht es nämlich größtenteils in der Tat darum, einen Weg zu finden, sich zu ernähren und sich einen Unterschlupf zu schaffen, der wirklichen Schutz bietet. Dabei gibt es Rückschläge und Probleme, die das Szenario erschreckend glaubwürdig machen: Unterernährung aufgrund von einseitiger und wenig abwechslungsreicher Nahrung, Unwetter, Haie. Und da die Geschehnisse sich um das Jahr 2000 abspielen, werden auch des Öfteren reale Ereignisse mit einbezogen, was unter anderem eine sehr intelligente Möglichkeit zur Rettung bietet.

Und dann ist da noch die Liebesgeschichte. Anna und T.J. sind ein Paar, das einen zu entsetztem Luftholen, Luftanhalten und Luftausstoßen verleitet, ebenso wie zu einigen glücklichen wie auch traurigen Seufzern. Dabei entwickelt sich die Romanze aber langsam und authentisch: Während die beiden sich anfangs vor allem als Helfer zur Seite stehen und Trost geben, beginnen sie sich erst mit der Zeit mit anderen Augen zu sehen - und genau wie für sie ist auch für den Leser der Altersunterschied egal, selbst wenn er noch für einige Probleme sorgt. Die Liebe der beiden wird nie kitschig, aber auch nie notwendig aufgrund der Situation dargestellt. Stattdessen gelingt der Autorin bis zum Schluss eine Geschichte, die sowohl mit den Geschehnissen auf der Insel als auch mit den Nachwirkungen des Aufenthalts dort intensiv und glaubhaft umgeht. Dass in einer Folge-Novelle die letzte offene Frage gelöst und ein Wiedersehen mit den Hauptfiguren versprochen wird, lässt da natürlich hoffen, dass auch diese auf Deutsch erscheint.

FAZIT
Tracey Garvis-Graves hat mit "On the Island" einen absolut mitreißenden Roman über die Einsamkeit und das Überleben auf einer Insel geschrieben, gespickt mit einer romantischen wie glaubwürdigen Liebesgeschichte gegen alle Konventionen. Da aber sowohl die abenteuerlichen Aspekte wie auch die gesellschaftlichen und psychischen Probleme nicht zu kurz kommen, ist es letztendlich trotzdem auch ein Buch für diejenigen Leser, die gar nicht so viel von Romantik halten. Von mir gibt es insgesamt sehr gute 4 Punkte.




Titel: On the Island
Originaltitel: On the Island
Autor: Tracey Garvis-Graves
Übersetzer: Karin Dufner
Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3442481750



   Kommentare:

  1. Hach das klingt gut und besonders, dass sich die Beziehung nachvollziehbar entwickelt und auch andere Sachen als die Liebesgeschichte eine Rolle spielen. Da hatte ich ja schon Befürchtungen. Die sind jetzt dank dir aber aus dem Weg geräumt :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich hatte auch erst befürchtet, dass es hier eine kitschige und unglaubwürdige Liebesgeschichte im Vordergrund stehen würde - zum Glück haben mir vor Erscheinen die Bewertungen auf Goodreads etwas anderes verraten, das ich dann auch im Buch wieder gefunden habe ;)
      ich freue mich, wenn ich dich überzeugen konnte und hoffe natürlich, dass du es mit dem Buch auch einmal probierst ;)

      Löschen
  2. Ich finde es ziemlich interessant, dass das Buch überall so gute Wertungen gibt, weil ich zugeben muss, dass ich den Altersunterschied der Protagonisten in der (wahrscheinlich) Liebesgeschichte ziemlich gravierend finde. Natürlich ist jedem das seine... aber irgendwie ist es doch komisch. Aber wenn alle es so gut finden und auch du sagst, dass das Buch toll ist, werde ich es mir jetzt einfach kaufen. Danke für die tolle Meinung!

    Liebste Grüße,
    Nazurka

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin ja niemand, der Vorurteile hat und oft genug funktionieren auch grade Beziehungen mit großem Altersunterschied [wobei das zugegebenermaßen oft andersherum ist vom Geschlecht her]. Ich kann aber verstehen, dass du es seltsam findest - auch wenn ich dich beruhigen kann: Er ist fast 19, als etwas zwischen ihnen geschieht, das finde ich dann nicht mehr ganz so schlimm ;)

      Solltest du dir das Buch tatsächlich zugelegt haben, hoffe ich natürlich sehr, dass es dir ebenso gefällt [bzw. gefallen hat] und freue mich, dass ich und die anderen begeisterten Leser dich begeistern konnten ;)

      Löschen
  3. Im ersten Moment wollte ich schon wieder weg klicken, aber deine Rezension hört sich echt gut an. Was mich aber stört ist das deutsche Cover und der Untertitel... wer denkt sich sowas immer aus? ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja nicht? Bei der Story vermutet man es nicht - aber "on the Island" bietet tatsächlich eine fesselnde und überzeugende Geschichte voller schöner wie auch dramatischer Momente.
      Und ja, über den Untertitel wollen wir jetzt mal nicht reden. Kennt man ja von deutschen Büchern...

      Löschen

Empfohlener Beitrag

[Mein Ärger über] Gefährliche Romantisierungen in Büchern

2017 Reading Challenge

Kittyzer has read 1 book toward her goal of 60 books.
hide

Meine aktuelle Lektüre

Meine aktuelle Lektüre
"Das Erbe der Seher" von James Islington [403/784]

Mein letzter Kinobesuch

Mein letzter Kinobesuch
"Wonder Woman" am 15.06.
Folge mir auf Facebook
Folge mir auf Twitter