Back Down to Earth

[Buchrezension] Rehruf - Julia Mayer

Jeder Zentimeter meiner Haut scheint zu brennen und meine Gedanken verlieren sich in dem einerseits unangenehmen und andererseits aufregenden Gefühl. Und bevor ich noch einen Atemzug wagen kann, spüre ich, wie sich meine Glieder verzerren. Mein Brustkorb wird gesprengt und Fell wellt sich über meiner ledrigen Haut. Ich sehe die Welt nur noch in Schattierungen und ein Schauder läuft durch meinen Körper. 
Ich bin ein Reh.
Und die Welt ist ein Tal, das voller Hoffnung vor mir liegt.

INHALT
Nach langer und schwerer Krankheit wird die noch sehr junge Inga schließlich vom Tod geholt. Doch statt dass ihr Leben vorbei ist, scheint es plötzlich erst richtig los zu gehen - denn sie erwacht als Rehdoppel. Durch den magischen Fluss, der durch ihre Stadt fließt, ins Leben zurück geholt, verwandelt sie sich nun tagsüber in ein Reh und ist nachts ein Mensch. Sie ist erfreut über die zweite Chance, doch gleichzeitig leidet sie darunter, dass sie ihre Familie nicht wiedersehen darf. Und als wäre das nicht genug, schwebt auch noch eine dunkle Bedrohung über ihr und den anderen Rehdoppeln. Irgendwer scheint ihnen Böses zu wollen...

MEINE MEINUNG
Julia Mayers Independent-Roman "Rehruf" ist ein Fantasy-Roman der besonderen Art: Ohne Liebesgeschichte und dementsprechend ohne Kitsch wird hier eine Geschichte über ein Mädchen erzählt, das jahrelang dem Tod ins Auge gesehen hat, um eben jenem dann letztendlich doch ein Schnippchen zu schlagen - mehr oder weniger. Gleichzeitig gibt es auch Krimi-Elemente und viel über Familie und Freundschaft. Erzählt wird die Geschichte überwiegend aus der Ich-Perspektive der Protagonistin, ab dem ersten Drittel kommen jedoch auch zwei andere Personen zu Wort. Das ist insofern sinnvoll, als dass man so weitere Einblicke erhält, die personale Erzählweise reißt jedoch durch die plötzlichen Wechsel ein wenig aus dem Fluss.

Inga ist dafür eine Hauptfigur, mit der man sich sehr gut identifizieren kann. Anfangs ist sie schwach von ihrer Krankheit und besitzt einen bissigen Humor, ihre Leidensgeschichte wie auch ihr Mut berühren stark. Als sie durch ihr neues Leben ihre Gesundheit wieder erlangt wird sie etwas dickköpfiger und teilweise auch ein bisschen waghalsiger - dass sie aber nun endlich einmal etwas tun will, nachdem sie es solange nicht konnte, ist verständlich. Schade ist, dass viele der Nebenfiguren, insbesondere die Mitglieder der Rehdoppel-Herde, eher blass bleiben. Nur der umsichtige und liebevoll-strenge Anführer Aurelio wie auch Ingas Freunde, die freundliche Bell und der in sich gekehrte Mats kommen dem Leser nahe, beim Rest wusste zumindest ich oft den Namen nichts zuzuordnen. Über Ingas in ihrem Schatten stehende Schwester Frederike hätte ich ebenso gern noch mehr erfahren, ihre Kapitel geben aber durchaus einen Einblick in ihre Gedanken.

Insgesamt hat mir, das muss ich zugeben, der erste Teil der Geschichte mit dem eindeutigen Titel "In dem der Tod mich holt" am besten gefallen - ich hätte auch durchaus kein Problem damit gehabt, wenn es nur im Ingas Kräfte zehrende Krankheit gegangen wäre. Denn Julia Mayer hat einen schönen, detailreichen und flüssigen Stil, der einen schnell ins Geschehen hinein zieht, und die Krankheit wird traurig und realistisch beschrieben. Doch auch wenn mich das erste Drittel am meisten mitreißen konnte, überzeugt das Buch doch auch mit der phantastischen Idee, die dann übernimmt. Inga wird in die Welt der Rehdoppel hineingezogen und erfährt ein ebenso neues und abenteuerliches wie auch ermüdendes Leben inmitten einer Herde. Alles könnte schön sein - wenn sie nicht durch das Vermissen ihrer Familie geplagt werden würde. Dass ihr gerade das zum Verhängnis werden könnte, hätte sie wohl auch nicht gedacht.

Denn genau an dieser Stelle, als sich die Gedanken der Protagonistin ein wenig im Kreis zu drehen beginnen, setzt die Krimi-Handlung an und ist zwar nicht besonders überraschungs-, dafür aber wendungsreich mit einer Gegenspielerin, die es in sich hat. Daher wird es zum Ende hin auch tatsächlich ein bisschen brutaler als erwartet und die Autorin setzt sogar eine sehr drastische  wie auch überraschende Entscheidung gekonnt und glaubwürdig um. Der Schluss ist so deutlich anders, als ich das vermutet hätte, ist aber auch mutig und durchaus passend. Ich könnte mir hier glatt einen weiteren Band aus der Reihe vorstellen - allerdings wohl mit Figuren einer anderen Doppel-Herde. Noch einmal in die geschaffene Welt eintauchen würde ich jedenfalls gerne, mal sehen also, ob die Autorin mir diesen Wunsche erfüllt.

FAZIT
Eigentlich ist "Rehruf" die Geschichte einer schweren Krankheit - und dann wieder ist es eine Geschichte über ein neues Leben, gespickt mit Fantasy- und Krimi-Elementen. Das Ganze kommt ohne Liebesgeschichte aus, dafür werden Zusammenhalt und Vertrauen groß geschrieben. Kleine Makel gibt es, aber schon wegen der originellen Idee kann ich das Lesen definitiv empfehlen. Knappe 4 Punkte!



Titel: Rehruf
Originaltitel: -
Autor: Julia Mayer
Übersetzer: -
Verlag: Create Space
Seitenzahl: 322 Seiten
ISBN-13: 978-1505744828



   Kommentare:

  1. Ich bin gerade dabei es zu lesen. Die Hälfte vorhin erreicht. Mal sehen was mich noch so erwartet :)
    Finde die Idee der Geschichte irgendwie besonders und das hat mich richtig angezogen.

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    1. Ich antworte ja nun sehr spät, also wirst du es mittlerweile mit Sicherheit durchgelesen haben - ich hoffe, dass dir auch die zweite Hälfte noch gut gefallen hat!
      Und ja, diese originelle, schöne Idee fand ich auch total klasse!

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  2. Bore da, Sonne.
    Ich war schnell den Tag rot im Kalender markieren: Kein Beziehungsknatsch, respektive Sußholzraspeleien! :-)

    Thematisch sehr vielversprechend, insofern religionsfreie Wiedergeburt spannende Fragen aufzuwerfen vermag. Egal ob Magie oder Technik dafür verantwortlich zeichnen.

    Anmerkenswerterweise kann ich heute zum zweiten Mal Peter Dickinsons Roman "Eva" empfehlen. :-)

    Für mich ein Tropfen Wermut, daß besagter Verlag eine a-Zone-Tochter ist. "Independent" relativiert sich da doch ein wenig.;-)

    bonté

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    1. Ja, wer hätte gedacht, dass es solche Bücher noch gibt? Ich war auch positiv überrascht! Insgesamt eine wirklich lesenswerte Lektüre.

      Ja, natürlich, dass es von Amazon stammt, ist ansonsten natürlich schade - auch ich weiß selbstverständlich, was bei denen abläuft. Kann der Autorin aber dennoch nicht zur Last gelegt werden, denke ich. Irgendwo muss man ja anfangen ;)

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  3. Schöne Rezension! Ich finde ja das COver allein schon echt traumhaft und das Buch steht schon ganz oben auf der Wunschliste, da freue ich mich richtig drauf :)

    Liebste Grüße, Krissy
    www.tausendbuecher.blogspot.de

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    1. Mir geht es genauso - ich habe mich auch auf den ersten Blick in das Cover verliebt!
      Ich freue mich, wenn du die Autorin mit einem Kauf unterstützt - wert ist es ihr Buch allemal!

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  4. Huhu, ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich deine Rezi auf meinem Blog verlinkt habe und zwar genau hier:

    http://nellysleseecke.blogspot.com/2015/07/rehruf-von-julia-mayer.html

    Viele liebe Grüße, Nelly

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    1. Habe ich natürlich nicht - wenn ich es zeitlich schaffe, werde ich dir beizeiten sicherlich auch mal einen Kommentar dazu hinterlassen ;)

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