Back Down to Earth

[Buchrezension] Love Letters to the Dead - Ava Dellaira

Ich spürte seine Lippen an meinem Hals und fühlte mich zum allerersten Mal in meinem Leben so, als wäre ich in meinem Körper angekommen. Mich ihm entgegenlehnend, gab ich mich diesem neuen Gefühl ganz hin und fühlte mich so rein und sauber wie frisch gefallener Schnee. Ich dachte daran, wie es gewesen war, über die Baumwipfel hinwegzufliegen und lauschte auf das Rauschen der Blätter, das gut klang und herbstlich und so, als wären sie bereit, zu fallen. "Hör doch", sagte ich.

INHALT
Seit einem halben Jahr ist Laurels Schwester May nun schon tot, und seitdem fühlt sie sich einsam und leer. Das ändert sich zuerst auch nicht, als sie an die High School wechselt. Als ihre Englisch-Lehrerin der Klasse jedoch die Aufgabe stellt, einen Brief an eine tote Persönlichkeit zu schreiben, ändert sich etwas für sie. Aus ihrem einen Brief werden immer mehr, in denen sie sich langsam öffnet. Eine weitere Stütze sind ihr außerdem ihre neuen Freunde - und der gut aussehende wie geheimnisvolle Sky...

MEINE MEINUNG
"Love Letters to the Dead" versteht sich als die Geschichte eines jungen Mädchens, das, gehemmt durch die Trauer über den Tod ihrer Schwester und das Zerbrechen ihrer Familie, dennoch versucht, seinen Weg zu finden. Halt findet die Protagonistin dabei vor allem in den toten berühmten Persönlichkeiten, zu denen sie aufblickt und denen sie Briefe schreibt. Tatsächlich ist der gesamte Roman in dieser Art gehalten und gleicht insofern ein wenig einem Tagebuch. Und gerade das ist es, was mich an der Art der Erzählung so störte: Die gleichförmigen und langweiligen Tagesabläufe, die hier immer und immer wieder herunter gebetet werden, genauso belanglos wie man es aus seinen eigenen früheren Aufzeichnungen kennt.

Laurel ist zudem als Hauptfigur denkbar ungeeignet, denn sie ist passiv, naiv und rückgratlos. Sie verherrlicht sowohl die Taten ihrer Freunde als auch ihrer Schwester, versucht sich in allen Belangen anzupassen, entwickelt sich dabei nicht weiter, und eigene Entscheidungen trifft sie so gut wie nie. Ihr Love-Interest Sky bleibt jedoch, man glaubt es kaum, noch viel blasser. Er spricht sehr wenig und lässt so gut wie keine Charaktereigenschaften erkennen, einzig seine Familiengeschichte macht ihn ein wenig interessanter. Laurels Familie bleibt überwiegend blass, nur ihre Schwester May wird stärker porträtiert - allerdings in einer Form, dass es schon nicht mehr glaubwürdig ist. Sie wird in den Beschreibungen ebenfalls als perfekt und fehlerlos dargestellt, auch wenn schnell deutlich wird, dass das nicht der Fall ist. Dennoch hält Laurel an diesem bedingungslosen Glauben fest, der irgendwann arg nervig wird.

Und das ist nicht das Einzige, was schnell angefangen hat, mich massiv zu stören. Eigentlich ist es eine tragische Geschichte, die hier erzählt wird, die Geschichte einer schrecklichen Begebenheit und der Trauer einer Familie, und es könnte auch eine hoffnungsvolle sein, wenn die betroffenen Personen wieder zu sich selbst finden. Doch stattdessen geht es hauptsächlich um Laurels total unglaubwürdige Liebesgeschichte mit Sky, in der kein Funke überspringt, keine Chemie erkennbar ist, kein Herzklopfen aufkommt. Die beiden treffen sich, unterhalten sich drei Mal [!], beim vierten Gespräch sind sie zusammen. Da ist keine Liebe, dafür geht das Ganze viel zu schnell und ist für den Leser, der die Faszination nicht nachvollziehen kann, absolut unverständlich.

Abgesehen davon ist da dann noch die Idee, Laurels Erlebnisse mehr oder weniger ihren Idolen zu widmen, die ich prinzipiell sehr schön fand. Doch leider haben die einzelnen Persönlichkeiten wenig mit den Ereignissen zu tun und werden maximal für pathetische Zusammenhänge genutzt, ansonsten aber nur missbraucht, um der Geschichte einen außergewöhnlicheren Effekt zu geben. Denn dieser ist ansonsten nicht vorhanden. Da mag das Ende eigentlich noch so traurig sein aufgrund der Dinge, die Laurel erleben musste - das Ganze wird wenig emotional, wird vor allem mit den Angehörigen extrem kurz abgehandelt und kann einfach nicht berühren, wirkt regelrecht forciert. Genau wie der Rest eben.

FAZIT
Ich bin weder ein wenig emotionaler Mensch, noch jemand, der über die schweren Schicksale von Buchfiguren oder echten Leute abwertend spricht. Doch Autorin Ava Dellaira gelingt es in "Love Letters to the Dead" einfach nicht, jegliche Gefühle zu transportieren, außerdem ist die Liebesgeschichte platt und geht viel zu schnell, alle Figuren bleiben blass und die Handlung liest sich wie ein langweiliges Tagebuch. Wer auf der Suche nach einem berührenden und ausdrucksstarken Roman ist, sollte sich nach etwas anderem umschauen. 1,5 Punkte.


   
Titel: Love Letters to the Dead
Originaltitel: Love Letters to the Dead
Autor: Ava Dellaira
Übersetzer: Katarina Ganslandt
Verlag: cbt
Seitenzahl: 416 Seiten
ISBN-13: 978-3570163146


   Kommentare:

  1. Du bist nicht die erste, die das Buch wirklich nicht gut findet. Wobei ich sagen muss, dass Titel und Cover wirklich super sind. Aber das hilft leider auch nichts, wenn der Inhalt nicht gut ist. Danke für das gute Fazit!

    Liebe Grüße,
    Nazurka

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    1. Naja, mit 3,85 Durchschnitt wird das Buch auf Goodreads gar nicht mal so schlecht bewertet - was mir völlig unverständlich ist :D Ich finde das Cover auch wunderschön, aber inhaltlich ist es leider einfach Banane.
      Ich hoffe sehr, dass ich dich vor dieser Lektüre bewahren konnte :D

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  2. Lieben Dank für deine ehrliche Meinung! Ich bin ganz froh, dass ich nicht so der Contemporary Leser bin, sonst wäre ich wohl nicht um das Buch herumgekommen. Ich habs im Gefühl, dass es mir ähnlich gehen könnte.

    Liebe Grüße,
    Tina

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    1. Manchmal denke ich mir auch so, dass ich vielleicht weniger Young Adult etc lesen sollte, dann würde ich nicht immer so enttäuscht werden. Und gleichzeitig findet man ja auch zwischenzeitlich durchaus ein paar Perlen...
      Und ich vermute auch, dass dir insbesondere die Liebesgeschichte gar nicht gefallen hätte. Zum Glück weißt du ja meistens genau, was du willst und was du nicht willst, weswegen dir das hier im Gegensatz zu mir erspart bleibt :D

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  3. Ja, du bist wirklich eine der ersten, denen das Buch nicht gefällt. Ich dachte schon, ich wäre mal wieder die Außenstehende, die bei dem Buch, von dem alle sooo begeistert sind, einfach kein gutes Gefühl hat - also nein, ich werde das Buch nicht lesen, unter anderem auch wegen deiner Beurteilung. Ich komme sehr wenig zum Lesen und wenn, dann bin ich anscheinend wirklich kritisch, anders kann ichs mir nicht erklären ... ich denke, mir würde es auch wie Tina ähnlich gehen!

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    1. Ich bin vielleicht nicht die erste, die nicht so begeistert ist - kann man zumindest bei den ersten paar Rezensionen auf Goodreads nachlesen -, aber wahrscheinlich die erste, die so einen Hass dabei empfunden hat :D Ich hab echt ewig dran rumgelesen und mich permanent aufgeregt -.-
      Wenn man sowieso einigermaßen wenig Zeit zum Lesen hat, sollte man sich gerade diese für richtig gute Bücher aufsparen, das denke ich auch! Es freut mich also, dass ich dir wohl ein eher unerfreuliches Erlebnis ersparen konnte ;)

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  4. Grüß Dich, Sonne.
    Klingt jetzt in der Tendenz nach pink diary mit einer Valium neben der Tastatur. Wiewohl ich mir vorstellen könnte, daß eine Familie in den Staaten und mit einem frühen Todesfall durch die Bank unter Psychopharmaka stehen könnte.
    Möglicherweise ist auch Sky ein aufgewekter Geist, dem die besorgten Eltern ("Er stellt immer so viele Fragen...") einen Tranquilizer in den Saft kippen.
    So besehen haben beide (Laurel & Sky) als Individuen im Schwebezustand, in sich einen Lagerplatz zum Andocken gefunden.

    Hier hätten eigentlich die angeschriebenen Idole aktiv ins Geschehen treten können, um zumindest Laurel ins kalte Wasser zu schupsen. Jeweils aus ihrer Zeit & Sicht mit Einsichten um sich jonglierend - damit die Heldin endlich aufwacht.
    Wäre dann aber wohl ein völlig anderes Buch... :-)

    Wie ich sehe, liest Du aktuell im anderen Extrem der geschriebenen Gefühle!

    Ansonsten...
    Tim O'Rourkes, ICH SEHE WAS, WAS NIEMAND SIEHT, wäre aktuell mein Lesetip.

    bonté

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    1. "Pink Diary mit einer Valium neben der Tastatur" trifft es ziemlich genau, besser hätte ich es nun wirklich nicht ausdrücken können :D
      Deine Idee für ein anderes Buch gefällt mir jedenfalls sehr viel besser als das, was hierbei letztlich raus gekommen ist. Die sinnlose Einbindung der berühmten Persönlichkeiten hat mir wirklich den Recht gegeben.

      Danke wieder einmal für den Lesetipp! Von dem Buch habe ich selbstverständlich schon gehört, von Chicken House wird ja fleißig Werbung gemacht. Aber ich habe das als Jugendthriller verstanden, und die sind mir meistens eher zu lasch, also mal sehen...

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    2. ...lasch würde ich dazu nicht sagen. :-)

      Du hast mit Deinen jungen Jahren sicher schon 'Play It Again, Sam' gesehen!?
      Hier gibt Sam Spade dem nerdigen Woody Allen Lebenshilfen - mehr bis minder brauchbar!

      bonté

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