Back Down to Earth

[Buchrezension] Das Mädchen ohne Maske - Frances Hardinge

"Ich meine...selbst hier noch ist es wunderschön. Stell dir nur vor, dass links eine Art Pink ist und alles, was man tun muss, ist, am Gold vorbeizusegeln und...Au! Erstwhile! Au! Lass meine Ohren los!"
Aber Erstwhile hatte nicht die Absicht, von Neverfells Ohren abzulassen, jedenfalls nicht, bis er sie ein gutes Stück von dem gefährlichen Vorsprung weggezerrt hatte. Danach beäugte er Neverfell ausgiebig, ob irgendwelche Anzeichen eines kartografischen Wahnsinns zu bemerken waren. Die Tatsache, dass sie ein ums andere Mal zu glauben schien, sie könne durch Felswände gehen, kam ihm sehr verdächtig vor. 

Das Mädchen ohne MaskeINHALT
Vor 7 Jahren tauchte Neverfell einfach in den Tunneln des Käsemeisters Grandible auf und wird von ihm seitdem unter seinen Schutz genommen, obwohl weiß, welche Gefahr ihr Gesicht bedeuten kann. Denn in Caverna, wo sie sich befinden, werden die Menschen ohne Gesichtsausdrücke geboren und müssen diese erst erlernen. Doch Neverfell sieht man jedes Gefühl an und ihre Andersartigkeit könnte ihr zum Verhängnis werden. Eines Tages entkommt sie tatsächlich durch einen Zufall aus der Burg ihres Ziehvaters in die Weiten der Stadt - und lernt dort die Geheimnisse der Parfumeure und Winzer kennen; ebenso wie die ihrer Vergangenheit. Denn an die ersten Jahre ihres Lebens kann sie sich nicht erinnern, und das nagt an ihr. Auf der Suche nach der Wahrheit macht sie sich allerdings mächtige Feinde...

MEINE MEINUNG
"Das Mädchen ohne Maske" ist ein Fantasyroman der besonderen Art. Frances Hardinge hat mit Caverna eine Stadt erschaffen, die so komplexe Eigenschaften besitzt und sich so vollkommen von allem bisher gelesenen abhebt, dass man sie auch als ganze Welt bezeichnen und das Buch dadurch glatt als High Fantasy einstufen könnte. Der Schreibstil ist überwiegend ruhig und detailreich, aufgrund der vielen fantasievollen Elemente, die ausnahmslos zu begeistern wissen, wird es aber dennoch nicht langweilig, weil die Geschichte gerade dadurch eine solch lebendige Gestalt annehmen kann.

Neverfell ist eine junge Protagonistin von 14 Jahren und dadurch, dass seit ihrem 7. Lebensjahr behütet und abgeschottet von der Außenwelt bei Meister Grandible aufgewachsen ist, auch von kindlicher, sorgenfreier und naiver Natur. Ihre Gutgläubigkeit wird so zwar manchmal etwas zu viel, gleichzeitig hat man jedoch auch Verständnis, und außerdem versprüht sie durch ihre Fröhlichkeit einen erfrischenden Charme. Doch auch in den Nebenfiguren zeigt sich das Können der Autorin, denn sie alle wirken glaubwürdig und sehr real, ob man sie nun durchschaut oder nicht. Wie die reiche Zouelle, die sich von einem verzogenen Mädchen zu einer guten Freundin entwickelt; oder deren Onkel Maxim, der Neverfell unter seine Fittiche nimmt, aber doch seine eigenen Spielchen zu spielen scheint; oder auch Madame Appeline, zu der Neverfell eine seltsame Verbundenheit spürt, die sie sich nicht erklären kann. Alle Figuren wirken so authentisch ausgearbeitet, dass es eine wahre Freude ist, sie über 600 Seiten zu begleiten.

Und ebenso wunderbar ist es auch, immer und immer wieder die Stadt Caverna zu erkunden, in der es bei jedem Ausflug Neverfells neue Dinge zu entdecken gibt. Eigentlich ist sie anfangs nur auf der Jagd nach einem Kaninchen, und darüber gelangt sie zu einer Mienenschmiedin [einer derjenigen, die die Gesichtsausdrücke für das Volk herstellen, das immer mit unbewegter Miene geboren wird und Gefühle daher nicht ausdrücken kann], zu den Winzern [die Weine herstellen können, die Erinnerungen löschen oder auch hervorholen], in den Palast [wo der König seit 500 Jahren herrscht] und muss sich vor Parfumeuren in Acht nehmen [die mit ihren Düften den Geist verwirren und Menschen gefügig machen können]. Immer wenn man denkt, man weiß, wo die Reise hingehen und was als Nächstes geschehen wird, wird alles umgeworfen und das Rätselraten um Neverfells Bestimmung geht von vorn los.

Spannend ist es daher die ganze Zeit; auch, weil ihre Vergangenheit für lange Zeit im Dunkeln bleibt und nur immer wieder kleine Hinweise aufkommen - die am Ende jedoch alle Sinn ergeben -, und weil man bei ihren Mitmenschen nie genau weiß, wer Feind ist und wer Verbündeter. Neverfell geht jedoch mit einer solch naiven Intuition und so bewundernswertem wie auch törichtem Mut durch die Welt, dass sie durch Zufall oder tatsächliche echte Pläne doch immer entdeckt, was eigentlich gespielt wird - und mag dies dann auch noch so überraschend für den Leser sein. Nach einem langsamen Beginn steigert sich der Roman mit den dahinfliegenden Seiten immer mehr und lässt einen im letzten Abschnitt dann tatsächlich kaum noch Luft holen, wenn endlich alles Sinn macht. Weil alle Stränge zusammengeführt werden und keine Fragen offen bleiben, ergibt sich zuletzt ein rundes Bild, das aber trotzdem nichts von der zuvor erlebten Magie vermissen lässt.

FAZIT
Frances Hardinge hat mit "Das Mädchen ohne Maske" ein Werk voller Zauber, Überraschungen und Originalität erschaffen, das nach den ersten etwas zähen 100 Seiten dann abrupt mitzureißen weiß - auch wegen der wunderbar ausgearbeiteten Figuren. Ich spreche hiermit eine absolute Empfehlung aus für Leser, die auf der Suche sind nach einer phantastischen Welt, die so neu und anders ist, dass sie nur begeistern kann. Gute 4,5 Punkte!



Titel: Das Mädchen ohne Maske
Originaltitel: A Face Like Glass
Autor: Frances Hardinge
Übersetzer: Alexandra Ernst
Verlag: Freies Geistesleben
Seitenzahl: 623 Seiten
ISBN-13: 978-3772527722



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