Back Down to Earth

[Buchrezension] Demi Monde - Welt außer Kontrolle: Die Mission - Rod Rees

"Da drüben!", hörte sie Vanka rufen. Ella brauchte eine Weile, bis sie darauf kam, was er meinte. Etwa hundert Meter vor ihnen endete der Schacht, und man sah einen Lichtstreifen. Sie fassten neuen Mut und torkelten so schnell sie konnten auf das Ende des Tunnels zu.
Und dann, ehe sie wusste, wie ihr geschah, senkte sich der Boden des Schachtes, und Ella wurde von der Strömung wie auf einer Wasserrutschbahn auf den Fluss zugetrieben.
Während sie fiel, war ihr einziger Gedanke: Warum hat PINC mich nicht davor gewarnt?

INHALT
Um Soldaten auf unvorhersehbare Ereignisse in Kriegssituationen vorzubereiten, wurde die Demi-Monde entwickelt: Ein hochtechnologisiertes Computerspiel, das vor Rassismus und Gewalt nur so strotzt. Dieses hat jedoch ein Eigenleben entwickelt - und die Tochter des Präsidenten entführt. Nun wurde ausgerechnet Ella Thomas ausgewählt, eine afroamerikanische Jazz-Sängerin, um das Mädchen zu retten. Doch in der Demi-Monde schlagen ihr Hass und Verachtung entgegen. Nur Vanka Maykow, staatlich anerkanntes Medium, möchte ihr helfen und gemeinsam bringen die beiden sich in allerlei Gefahren...

MEINE MEINUNG
Einen Science-Fiction-Roman wie es "Demi-Monde" einer ist, findet man nicht oft mit einem weiblichen Hauptcharakter und schon gar nicht mit eben diesem in einem Alter von erst 18 Jahren. Interessant ist auch, dass Autor Rod Rees die meiste Zeit über aus der Sicht von Frauen schreibt und dabei so gut wie immer glaubwürdig bleibt. Sein Schreibstil ist angenehm zu lesen, die Beschreibungen sind genau richtig detailreich - nur die Reden, die seine Figuren manchmal halten, sind etwas zu lang und ausführlich geraten.

Protagonistin Ella ist eine schöne junge Frau, die einem mit ihrem Mut und ihrer Dickköpfigkeit - ausgelöst durch eine Belohnung von 5 Millionen Dollar für die Rettung der Präsidententochter - durchaus sympathisch wird. Allerdings ist sie gleichzeitig eine unglaubliche Mary Sue: Sie ist wahnsinnig attraktiv, hat für alles eine Lösung parat und wirkt auf jeden Mann, sogar die rassistischsten, anziehend. Durch ihre perfekte Art fällt es einem leider schwer, sich mit ihr zu identifizieren. Ihr Gefährte Vanka Maykow, den sie kurz nach ihrer Ankunft kennen lernt, gefiel mir da schon besser. Er ist witzig und ein echter Charmeur, gleichzeitig ist er aber auch ein sorgenvoller und vor allem extrem gut aussehender Mann, sodass man gar nicht anders kann, als ihn ins Herz zu schließen.

Auch aus der Sicht von Trixie Dashwood, einem reichen Mädchen aus gutem Hause, wird des Öfteren erzählt. Diese ist anfangs sehr rassistisch und anderen Gruppierungen gegenüber abwertend eingestellt, entwickelt sich dann jedoch weiter - dies allerdings nicht immer in eine gute Richtung. Ihre Wandlung wird sehr glaubwürdig dargestellt, wenn man über ihre Handlungsweise auch nur den Kopf schütteln kann. Andere Figuren wie der aus der Nazi-Zeit übernommene Reinhard Heydrich, seine Handlanger oder die arrogante und nervige Norma Williams, die Tochter des Präsidenten, sind sehr gut ausgearbeitet und wirken durchweg authentisch.

Rod Rees liebt die Welt, die er hier erschaffen hat, ganz eindeutig und zeigt das auch anhand der Beschreibungen. Die Demi-Monde ist eine Welt, die man sich nicht in den kühnsten Alpträumen auszumalen mag: Denn 5 völlig verschiedene Gruppen hassen und bekämpfen einander, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne etwaige Moral. Dieses Szenario ist überaus erschreckend, dabei aber wirklich gut ausgearbeitet. Leider allerdings werden viele unbekannte Begriffe - wie HerEtikalismus oder nuJus - nur hinten im Glossar erklärt und immer dorthin blättern zu müssen, ist äußerst anstrengend. Erst ab circa Seite 100 scheint sich der Autor darauf zu besinnen, dass auch die Leser etwas verstehen sollten. Bis dahin jedoch ist das Ganze erst einmal ein Kampf.

Hat man so lang durchgehalten, erwartet einen aber eine sehr ausgefeilte und ansprechende Geschichte, die viele verschiedene Aspekte miteinander vereint: Rassismus und Fanatismus, aber auch Freundschaft und Zusammenhalt. Bösewicht Heydrich hat einen Plan ausgeheckt, der auch die reale Welt bedroht, und diesen gilt es nun zu vereiteln. Dabei kommt es zu vielen Kämpfen, Schussgefechten und Fluchten, die sehr spannend zu lesen sind. Dennoch ist das Problem leider, dass Protagonistin Ella für alles, aber auch wirklich alles, irgendeine Lösung hat - und das konnte ich persönlich irgendwann nicht mehr glauben. So lebt der Roman zwar von einer atemberaubenden Geschichte und sehr realen Bösewichten, auf die Charakterisierung der Hauptfigur sollte aber in den folgenden Bänden auf jeden Fall mehr Gewicht gelegt werden.

FAZIT
Rod Rees hat mit "Demi Monde - Welt außer Kontrolle: Die Mission" eine Welt erschaffen, die man so noch nicht gesehen hat, voller Rassismus und Gewalt. Diese Aspekte sind allerdings wirklich gut umgesetzt worden. Nur leider erinnert die Protagonistin definitiv zu sehr an eine Mary Sue und die vielen unerklärten Begriffe langweilen zwischenzeitlich, weil man als Leser nicht ganz hinterher kommt. Eine Steigerung in Band 2 ist jedoch durchaus möglich! Ich vergebe gute 3,5 Punkte.



Titel: Die Mission
Originaltitel: The Demi-Monde: Winter
Autor: Rod Rees
Übersetzer: Jean-Paul Ziller
Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 608 Seiten
ISBN-13: 978-3442475674


   Kommentare:

  1. Ich glaube das Buch ist eher nichts für mich...mag Science Fiction nicht so und ich finde auch schon das Cover echt langweilig...

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  2. Hallo Sonne.
    Nach einer dezenten Zwangspause - feines Fieber - wieder ein paar Worte aus dem Süden.
    Der Autor mixt hier gelungen Elemente aus 'Colossus', 'Die Klapperschlange' und 'Shaft'. Wobei ihm wohl ein besseres Werk gelungen ist, als die jeweils durchschnittlichen "Vorlagen". In der Tat wirkt die Demi World eher wie eine Anti-Welt, was die Bedrohlichkeit angeht.

    Yep - gute Autoren können ihre Stories auch aus einer weiblichen Perspektive heraus schreiben.

    Schade nur, wenn einem die vollkomene Lösungsfixierung der Protagonostin auf den Senkel geht. Eigentlich müßte sie dann Ella MacGiver heißen. :-)

    bonté

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  3. @Juna:
    Schade, dass du Sci-Fi nicht magst, da stößt man durchaus des Öfteren auf echte Schmuckstücke - und Rod Rees' Welt hier ist auf jeden Fall was Besonderes und besitzt echtes Potenzial. Aber wenn du das Genre nicht gut leiden kannst, ist es wohl eher nichts für dich ;)

    @RoM:
    Die genannten Romane kenne ich nicht, in der Tat wirkt die Demi-Monde aber wirklich wie das Gegenstück zu unserer Welt, bzw. wie die Welt um 1940 herum, nur halt verschlimmert. Das setzt Rees sehr gut um! Nur, wie du schon sagst, ist es eben nervig, wenn eine Figur immer alles weiß. Das ist einfach nicht glaubwürdig. Hoffentlich schraubt der Autor das im nächsten Band ein wenig zurück ;)
    Ich wünsche dir ansonsten erst einmal weiterhin gute Besserung!

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