Back Down to Earth

[Buchrezension] Anna im blutroten Kleid - Kendare Blake

Ich atme tief durch. In weniger als einer Stunde wird alles bereit sein, und dann holt Thomas mich ab. Ich werde die kleinen Samtbeutel mit den langen Schnüren und die vier mit Kräuteressenz parfümierten Kerzen mitnehmen, und er bringt die Wahrsageschale und den Beutel mit den Steinen mit. Und dann werden wir versuchen, Anna Korlov zu töten. 

INHALT
Seitdem sein Vater brutal ermordet wurde, hat der junge Cas dessen Job übernommen: Geister töten. Er hat in den kurzen Jahren dieser Arbeit schon mehr Erscheinungen verschwinden lassen als sein Vater in all seiner Zeit. Doch beim neusten Auftrag gerät Cas an seine Grenzen: Im beschaulichen Thunder Bay wurde 1958 das Mädchen Anna auf dem Weg zum Schulball getötet. Seitdem geht sie in ihrem Elternhaus um und tötet grausam und kaltblütig. Doch als er ihr gegenüber  steht, ist sie so ganz anders als die Gespenster, die er kennt: Schrecklicher, stärker - und schöner. Zu allem Überfluss sind da dann auch noch seine Mitschüler Thomas und Carmel, die sich unbedingt in seine Tätigkeiten einmischen wollen und irgendwie alles durcheinander bringen...

MEINE MEINUNG
"Anna im blutroten Kleid" lebt gleichermaßen von gängigen Klischees und unkonventionellen Aspekten: Zum einen ist der Roman geschrieben aus der Ich-Perspektive eines Jungen, was ungewöhnlich ist in diesem Genre, außerdem sind die Geistererscheinungen hier in der Tat um einiges gruseliger als es der Klappentext vermuten lässt und wenig an die gängigen Mädchenfantasien angepasst. Andererseits wiederum wird der schrecklich schaurige Geist, den es zu besiegen gilt, wie schon oft gelesen zu einem wunderschönen, liebenswerten Wesen. Kendare Blakes Schreibstil ist allerdings so flüssig und gut zu lesen, dass Stereotypen nicht die gesamte Zeit über auffallen, die Sätze sind jugendlich kurz gehalten und vermitteln so das Gefühl, die Erlebnisse des 17-jährigen Cas wirklich mitzuerleben.

Dieser ist typisch für einen Jungen in seinem Alter mutig, etwas aufsässig und ein wenig hormongesteuert. Schon sein ganzes Leben lang hat er mit Geistern zu tun, weshalb er in dieser Hinsicht abgehärtet ist - jedenfalls, bis er Anna trifft. Dickköpfig wie er ist, lässt er es jedoch darauf ankommen und hofft weiterhin, der Situation Herr zu werden. Er versucht, stark zu bleiben, hat aber auch Schwächen und kleine Unsicherheiten, die ihn sympathisch machen. Anna selbst hat gleichzeitig eine sehr düstere und eine einsame Seite. Sie ist grausam und mörderisch, aber auch traurig und verlassen. Sie möchte ihr dunkles Ich eigentlich zum Verschwinden bringen, was ihr nicht gelingt und sie so zu einer sehr tragischen Figur macht, die man recht schnell lieb gewinnt.

Den Nebenfiguren gelingt es überwiegend recht gut, den Leser für sich einzunehmen, dennoch bleiben sie eher blass und eindimensional. Cas findet nach kurzer Zeit Freunde in Thomas und Carmel, auch wenn er von ersterem anfangs eher genervt ist. Dieser hat ein paar magische Fähigkeiten - wie zum Beispiel das Gedankenlesen - und versucht ihm zu helfen, ist gleichzeitig aber auch sehr ängstlich. Carmel ist die Schulkönigin und sehr hübsch, entgegen des üblichen Klischees in diesem Falle aber nicht dumm. Sie kann durchaus zupacken und hat eine freundliche Art, kann ansonsten aber nicht in allen Belangen überzeugen. Besonders banal fand ich jedoch den zum Ende hin auftauchenden weiteren Bösewicht, der ausnahmslos schrecklich ist und ansonsten keine einzige Eigenschaft besitzt.

Die Story selbst ist interessant, düster und vor allem eines: gruselig. Wer schon bei kleinsten Andeutungen Angst bekommt und des Öfteren von Albträumen heim gesucht wird, sollte dieses Buch nur im Hellen lesen, denn es geht äußerst heftig zur Sache - in mancherlei Hinsicht für ein Jugendbuch vielleicht glatt schon zu heftig. Die Gespenster sind grausam, mordlustig und widerlich anzusehen, schrecken vor keinen Gemeinheiten zurück und verspritzen äußerst viel Blut. Dennoch wird ihre Psychologie sehr gut erklärt: Denn als Geister kehren fast nur die Menschen zurück, die eines grausamen Todes starben, um anderen Menschen nun genau dasselbe anzutun. Warum Anna allerdings so viel stärker ist als andere und sogar richtig sprechen kann, ist Cas natürlich ein Rätsel, dem er auf die Spur zu kommen versucht. Und was er dann aufdeckt, ist äußerst erschreckend...

Hinzu kommt noch das Problem mit dem Wesen, das seinen Vater Jahre zuvor ermordet und angenagt hat. Da bereits ein 2. Teil erschienen ist, ist es schade, dass sich darauf beinahe ebenso stark konzentriert wird wie auf Anna - so wirkt der ganze Plot etwas überfüllt. Außerdem sind viele Dinge zu leicht zu durchschauen, wie beispielsweise der Mörder von drei weiteren Personen in Thunder Bay. Dennoch gelingt es der Autorin, einen kontinuierlich dabei zu behalten und zu fesseln, nicht zuletzt durch die spannenden Action-Szenen, in denen Cas, auch gemeinsam mit seinen neuen Freunden, versucht, den schrecklichen Gespenstern das Handwerk zu legen. Die obligatorische Liebesgeschichte nimmt nicht viel Platz ein, wirkt aber dennoch ein wenig überflüssig und seltsam, wenn man bedenkt, dass eine der Personen ein mordender Geist ist... Das Werk selbst ist durchaus abgeschlossen, lässt aber noch einige kleine Stränge offen und macht so definitiv Lust auf Band 2, "Girl of Nightmares".

FAZIT
Kendare Blakes Debüt "Anna im blutroten Kleid" ist in vielerlei Hinsicht ein Geister-Roman erster Güte: Blutig, spannend und grausam. Die Klischees, eine etwas überflüssige Liebesgeschichte und zwischenzeitliche Durchschaubarkeit schwächen dieses gute Bild aber etwas leider ab. Da ich allerdings dennoch gut unterhalten wurde und das Buch sich so schnell lesen lässt, gebe ich sehr, sehr, sehr knappe 4 Punkte. Durchaus empfehlenswert!

Originaltitel: Anna Dressed in Blood
Reihe: Anna
Autor: Kendare Blake
Übersetzer: Jürgen Langowski
Verlag: Heyne fliegt
Seitenzahl: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3453314191

   Kommentare:

  1. Eine sehr gut geschriebene Rezension, gefällt mir! Das Buch steht auf meiner Wunschliste und ich denke dass ich es auch lesen werde. Mir gefällt es, dass die Geschichte scheinbar wirklich gruselig ist. Dann bin ich mal gespannt.. :D

    Liebe Grüße, Diti

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  2. Salut, Sonne.
    Na ja, wo die Liebe eben so hinfällt. Wobei eine lebende Schöne, die der Körperlosen gleicht, für reichlich emotionale Verwirrung sorgen könnte. :-)

    Ist das Konzept von Mordgeistern, die selbst grausam wüten, im Roman näher ausgeleuchtet? Sie erschaffen ja somit fortwährend neue Geister...das Schicksal des Vaters deutet ja auf Übel in der Hinterhand.

    bonté

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  3. Da ich schon lange keinen Geisterroman mehr gelesen habe und die Story im Ganzen ja recht gut zu unterhalten/gruseln scheint, werde ich die "Anna im blutroten Kleid" mal im Auge behalten - ich wäre dann auch für die im Hellen lesen Variante. :)

    Wie stets eine toll geschriebene Rezi, die neugierig auf das Buch macht.

    Liebe Grüße
    Reni

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  4. @Diti:
    Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch dir das Buch gefällt! Die Romantik wird nicht unendlich groß geschrieben und ist annehmbar, die Geschichte selbst ist in vielen Teilen echt klasse. Wäre den Kauf durchaus wert ;)

    @RoM:
    Körperlos ist Anna hier interessanterweise gar nicht, daher gibt es in dem Bereich keine großen Probleme...
    Und ja, die Geister und ihr Wirken sind durchaus gut geschrieben. Ermorden diese jemanden, scheint dieser an sie gebunden zu sein, wie ich das verstanden habe. Und Cas' Vater ist aufgrund der Zaubereien seiner Mutter nicht wieder auferstanden. Das scheint also auch zu helfen ;)

    @Reni:
    Danke dir für das Kompliment! Ich könnte mir vorstellen, dass dir "Anna im butroten Kleid" von der Story her auch sehr gefällt. Ist schon schaurig-schön. Solltest du es dir zulegen, wäre ich sehr gespannt, was du dazu sagst ;)

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