Back Down to Earth

[Filmrezension] Zeit zu leben

"Er war verantwortlich für diese Familie. Unsere Familie. Für dich, für dein Wohl! Du solltest dankbar dafür sein!" - "Sie ist ohne Vater aufgewachsen!"  - "Es war seine Entscheidung!"

STORY
Sam ist ein aalglatter Topverkäufer, der sich nur widerwillig zur Beerdigung seines Vaters begibt. Er hatte ein gespanntes Verhältnis zu ihm und ist erstaunt, als ihm der Familienanwalt 150.000 Dollar übergibt. Das Geld soll er seiner Halbschwester und ihrem Sohn übergeben, von deren Existenz er bis dato keine Ahnung hatte. Um sie kennen zu lernen nähert er sich ihnen an, ohne seine eigene Identität preis zu geben. Je mehr Zeit er mit den beiden verbringt, desto mehr schließt er sie ins Herz - und hadert mit sich selbst, ob er das Geld, das er selbst gut gebrauchen könnte, für sich behalten oder die neu entdeckten Familienbande ehren soll...

MEINE MEINUNG
"Zeit zu leben" klingt erst mal wie ein typisches Drama mit viel Schmalz, Tragik, Klischee und Herzschmerz.  Einige dieser Elemente sind auch enthalten - tatsächlich gelingt es Regisseur Alex Kurtzman aber von Anfang an, den Zuschauer mit der ruhigen, sanften und doch eindringlichen Art zu fesseln. Die Geschichte beginnt bei Sams Arbeit und endet bei einem Film aus seiner Kindheit. Dazwischen lernt man nicht nur die Charaktere wunderbar kennen, sondern auch die Verhältnisse, in denen die Protagonisten aufwuchsen und die schweren Entscheidungen, die Sams Mutter zu treffen hatte. Mit zumeist ruhiger Musik wird das ganze perfekt unterlegt und so dauert es nicht lang, bis man komplett gebannt ist.

Chris Pine zählt ganz sicher nicht zu meinen Lieblingsschauspielern, hier allerdings kann er in der Tat zeigen, dass er der Richtige für die Rolle war. Er besitzt eine große Palette an Emotionen, die er perfekt in seinem Gesicht widerzuspiegeln weiß, wodurch man sich gleich mit ihm identifizieren kann. Er hegt einen Groll gegen seinen Vater und kann nicht gut mit Gefühlen umgehen, doch im Laufe der Handlung macht er eine glaubwürdige Wandlung durch und weiß schließlich auch anderen Halt zu geben. Frankie alias Elizabeth Banks ist eine alleinerziehende Mutter und Alkoholikerin, die sich ein besseres Leben wünscht und von ihren alten Lastern sowie ihrem ihr alles abverlangenden Job doch nicht loskommt. Erst als sie Sam trifft, findet sie wieder Lebensfreude und ist mit ihrer erfrischenden, menschlichen Art wunderbar sympathisch.

Michael Hall D'Addario ist der typische clevere Junge, der alles richten möchte - hier allerdings ist dies nicht nervig, da er kein perfektes Kind ist, sondern eher ein Rabauke, schlimme Dinge tut, um Schulkameraden zu gefallen. Seine Aussagen sind mit Sicherheit nicht immer völlig authentisch für einen 11-jährigen Jungen, D'Addario fährt mit seiner ehrlichen, niedlichen Art aber schnell die Sympathien ein. Und auch Michelle Pfeiffer als Mutter kann vollends überzeugen. Einerseits hat sie ihren Mann geliebt, andererseits weiß sie auch, dass sie ihm nie genug war, weswegen sie zerrissen und oft unglücklich ist. Erst als sie die Dinge aus dem Weg räumt, die sie lange belasteten, kann sie das Leben wieder bejahen, was Pfeiffer absolut glaubwürdig darstellt. Nur Olivia Wilde, die die Freundin von Sam darstellt, kam mir in der Handlung definitiv zu wenig vor, was die Rolle sehr blass und eindimensional macht.

Natürlich ist die Geschichte nicht frei von Klischees und Vorhersehbarkeiten, dennoch lässt die Spannung nicht nach. Das Dilemma des Menschen, der einer Person etwas Wichtiges zu sagen hat und es nicht über sich bringt, woraus allerlei Konflikte entstehen, ist definitiv nicht neu. Und auch einige kitschige Dialoge konnten nicht umschifft werden. Trotzdem gelingt es den Schauspielern gemeinsam mit den schönen Bildern und dem tollen Soundtrack, den Zuschauer von Anfang an zu fesseln. Es ist erfrischend, endlich einmal einen Film zu sehen, der völlig frei ist von einer Liebesgeschichte und deren Schwierigkeiten. Stattdessen dreht sich hier alles um den Wert der Familie, das Leben, Lügen und das Vergeben, was eine wunderbare Mischung ist.

Der Streifen lädt zum Mitfühlen ein und lässt einen so schnell nicht wieder los. Die Art, auf die Frankie und Sam zueinander finden wird langsam und glaubhaft dargestellt; die Verbindung ist einzigartig, von Anfang an. Beide machen eine Wandlung durch und auch Sams Mutter und Frankies Sohn profitieren von der Freundschaft. Es ist klar, dass der obligatorische Streit kurz vor Ende und die folgende Funkstille nicht fehlen dürfen, dennoch stört auch dieses Muster nicht, weil der Film ansonsten vollkommen überzeugt. Der Aspekt um Sams Arbeit und seine Versäumnisse im Bezug darauf, sowie die drohende Klage gegen ihn werden vielleicht etwas locker genommen - trotzdem kann die Geschichte bis zum Schluss mitreißen und einen letztendlich vielleicht sogar ein paar Tränchen vergießen lassen. So, wie es eben sein soll. 

FAZIT
"Zeit zu leben" geht überraschend tief und überzeugt mit wunderbaren Charakteren, tollen Schauspielerin und einer Geschichte über den Wert der Familie. Der Film weiß zu begeistern und den Zuschauer komplett mitfühlen zu lassen - ein Drama, das sich wirklich abhebt! Super gute 4,5 Punkte.


   Kommentare:

  1. Eine wundervolle Rezi, die viel Lust auf den Film macht! Ich bin eigentlich auch kein Fan von Chris Pine - ich kenne ihn bisher nur aus Filmen wie "Vom Glück geküsst" oder "Plötzlich Prinzessin 2" und da war er ganz ok -, aber ich finde er macht bereits im Trailer eine gute Figur. Nach deinen Worten rutsch der Film auf meiner Will-ich-in-nächster-Zeit-unbedingt-sehen-Liste ganz weit nach oben. Klingt nach einem wundervoll dramatischen wie berührenden Film. Ich freu mich drauf!

    Liebe Grüße
    Reni

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  2. Oh man, jetzt habe ich riesige Lust auf den Film!
    Lustigerweise fand ich ihn schon vorher WEGEN Chris Pine interessant... :D In Jena lief der sogar, aber wir hatten keine Zeit, uns den anzusehen.
    Bei uns zu Hause läuft er natürlich mal wieder nicht -.- Ich könnte manchmal einfach nur schreiend im Kreis rennen.
    Muss ich wieder warten, bis die DVD draußen ist. Aber der Kauf scheint sich dann ja zu lohnen! :)

    Liebe Grüße
    Lisa

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  3. @Reni:
    Ja, Chris Pine kannte ich bisher auch eher aus anspruchslosen Komödien [wie "Das gibt Ärger"], aber der Trailer konnte mich doch überzeugen - weshalb ich sehr froh bin, meine Abneigung einfach übergangen zu haben ;) Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass auch dir der Film zu gefallen weiß und wünsche schon einmal viel, viel Spaß im Kino!

    @Lisa:
    Das ist ja blöd, wenn er hier nicht läuft, aber in Jena, wo ihr keine Zeit hattet - das ist manchmal echt mieses Schicksal O.o Auf DVD solltest du dir den Film zulegen, denn ich würde schätzen, dass er durchaus etwas für dich ist. Wenn er sogar mir gefiel, wobei ich solche Filme gar nicht mag, dann müsste er dich umhauen :D Zur Not leihe ich dir die DVD, die ich mir sicherlich zulege, irgendwann aus...

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