Back Down to Earth

[Buchrezension] Die Verratenen - Ursula Poznanski

Dass sie ihrem Vorgesetzten misstrauen, ist das Beste, was mir passieren konnte. Zeit, den Mund zu halten. Abwarten, zu welchem Schluss sie ohne weitere Manipulation kommen. 
"Verdammt, ich will das nicht allein entscheiden" sagt der andere Sentinel. Er macht einen großen Schritt auf mich zu, hebt den Bogenstock über den Kopf, ich begreife zu spät, was er vorhat, höre Aureljo schreien -
Der Schlag trifft die rechte Seite meiner Stirn, er lässt mich taumeln, fallen. Die Welt verschwindet.

INHALT
In der Zukunft schutzen Kuppeln, genannt Sphären, die Menschen vor der Kälte draußen - jedenfalls die Privilegierten. Ria ist eine Bewohnerin der Sphären und noch dazu gehört sie zur Elite, wird einmal Anspruch haben auf eine hohe Stellung innerhalb des Bundes. Doch dann scheint sie plötzlich Teil einer Verschwörung zu werden. Jemand hat ihr und einigen anderen Studenten einen Verrat angehängt und nun sollen sie sterben. Gerade noch rechtzeitig können die Sechs sich retten und landen geradewegs in den Händen der Außenbewohner, die als grausame Mörder bekannt sind...

MEINE MEINUNG
Von Ursula Poznanski kennt man bisher nur Krimis und Thriller - eine Dystopie ist da neues und gewagtes Terrain. "Die Verratenen" allerdings macht schnell klar, dass das Buch keine schnelle Idee ist, sondern ein durchdachtes Machwerk. Erzählt wird es aus der Ich-Perspektive von Protagonistin Ria, einer privilegierten Elite-Studentin, die die Sphären für das Beste hält, was den Menschen je passieren konnte. Der Schreibstil ist dementsprechend anfangs sanft und gibt das wunderbare Bild einer perfekten Gesellschaft in klaren Worten und schönen Beschreibungen wieder. Erst später wird das Ganze rasanter, so erhält man allerdings erst einmal die Gelegenheit, das dystopische Weltbild kennenzulernen und sich darin auch zurechtzufinden.

Mit der Protagonistin Ria kann man sich sofort perfekt identifizieren. Zwar ist dem Leser schneller klar, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht, aber ihr erster Unglauben und ihr späteres Eingestehen sind in einer solchen Situation absolut glaubwürdig. Sie ist eine sympathische Figur mit Ängsten sowie Stärken und Schwächen. Besonders interessant macht sie ihre Fähigkeit zur Manipulation, da ihr Schwerpunkt in der Akademie auf Kommunikation lag. Aureljo, ihr langjähriger Freund und ein junger Mann mit viel Charisma und Überzeugungskraft, gibt ihr Halt und Kraft, ist aber gleichzeitig geradezu besessen von einer sehr gefährlichen Idee. Seine Art ist ruhig und gutmütig, bis kurz vor Ende allerdings auch naiv - dies allerdings ist in einer solchen Lage durchaus nachvollziehbar.

Sowieso ist die große Stärke der Autorin wohl die der glaubhaften Entwicklung der Charaktere. Denn auch Rias übrige Weggefährten bestechen durch perfekte Ausarbeitung: Der junge, gescheite Tycho, der kreative Dantorian, der ruhige und abweisende Fleming sowie die naive, etwas nervige Tomma sind glaubhaft und authentisch, ob man sie nun mag oder nicht. Und auch die Mitglieder des Clans, der die Flüchtigen aufgreift, lassen nicht zu wünschen übrig: Viel Hass schlägt den Jugendlichen entgegen, aber durch Menschen wie Adrin, der seine Meinung über sie ändert, Sandor, der von Anfang an ein gutes Wort für sie einlegt, und Quirin, der ihnen Schutz bietet, gibt es immer wieder kleine Lichtblicke.

Gänzlich neu ist die Geschichte selbst sicherlich nicht: Ein angesehenes junges Mädchen, das in eine ihr unbekannte Welt katapultiert wird, die voller Gefahren ist, und sich fragen muss, ob die Welt, die sie kannte, wirklich so perfekt und gut war. Dafür überzeugt aber die Umsetzung komplett und weiß daher von Anfang an zu überzeugen. Die eingangs eingeführten Begriffe wie Sphäre, Salvator oder Sentinel erklären sich im Laufe der Handlung wie von selbst und auch wenn nicht erklärt wird, wie es zu der neuen Wirtschaftsform kam, so werden doch immer wieder Begriffe wie Wasserkriege eingestreut, die Vermutungen nach sich ziehen. Nach dem langsamen Einstieg wird das Werk dann  bald auch zu einem echten Pageturner. Denn das Leben draußen, außerhalb des geschützten Lebensraumes, ist kalt, anstrengend und gefährlich. Hinzu kommen noch mysteriöse Nachrichten, die Ria empfängt und von denen sie nicht weiß, ob sie ihnen glauben soll. So kommt es, dass sie schließlich jedem misstraut...

Das Besondere an der Geschichte ist auch die fast vollständig fehlende Liebesgeschichte durch die bereits zu Anfang des Buches währende Beziehung zwischen Aureljo und Ria, die allerdings komplett ohne Liebesschwüre auskommt. Möglicherweise tut sich da auch noch eine andere Möglichkeit auf. Erfrischend ist es aber in jedem Fall! Ebenso auch, dass der Clan, bei dem die 6 unterkommen, die ganze Zeit über feindselig bleibt, was zu einigen Ausschreitungen führt - und letztendlich auch zu dem Ende, das man so trotzdem nicht erwartet hätte. Der Schluss ist kein Cliffhanger und daher nicht übermäßig frustrierend, hinterlässt aber doch ein ungeduldiges Gefühl beim Leser, da viele Fragen unbeantwortet blieben, ebenso wie der Fortgang der Geschehnisse. Ein zufriedenes Gefühl bleibt aber - ebenso wie das fast zittrige Warten auf den Folgeband. Mehr davon, und zwar bitte schnell!

FAZIT
Ursula Poznanski ist mit ihrem Trilogie-Auftakt "Die Verratenen" eine nicht neue, aber perfekt umgesetzte Dystopie gelungen, die von Anfang an fesselt und durch die Storyline sowie die wunderbaren Charaktere schnell mitreißt. Die Welt ist glaubwürdig und gut durchdacht und kommt ohne Logiklücken aus, was gemeinsam mit der [beinahe] fehlenden Liebesgeschichte sehr erfrischend ist. Dafür gibt es uneingeschränkte 5 Punkte!



Titel: Die Verratenen
Originaltitel: -
Autor: Ursula Poznanski
Übersetzer: -
Verlag: Loewe
Seitenzahl: 460 Seiten
ISBN-13: 978-3785575468


   Kommentare:

  1. Also deine Rezension macht wiedermal neugierig auf das Buch.
    Ich hatte das vorher gar nicht auf dem Radar. Aber ich muss auch sagen, so ganz ohne Liebe (ist es nicht, habe ich verstanden) aber sehr gering - meistens komme ich mit sowas nicht klar.
    Ist also fraglich, ob mir das gefallen würde :o

    Ach, mal sehen, was die Zeit bringt!

    Liebe Grüße
    Lisa

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  2. Dem gibt es definitv nichts mehr hinzuzufügen! Gerade das "ohne Liebe" finde ich teilweise dann sehr erfrischen, weil man diesen Punkt doch sonst in ALLEN anderen Bücher findet. Und JA, wir wollen S!!! Er hatte schon was, auch wenn noch nicht klar ist, wie das weiter geht. Hach, ich freu mich schon! Verdiente 5 Punkte, auch für die Rezi!
    Drück!
    Damaris

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  3. @Lisa:
    Ich kann dir nur sagen: Lies unbedingt dieses Buch! Du weißt ganz genau, dass auch ich fast ausschließlich Bücher mit Liebesgeschichte lesen und dass hier nur in Ansätzen eine vorhanden ist stört wirklich ÜBERHAUPT nicht. Schon allein aus dem Grund, dass es durchaus jemanden zum Schmachten gibt ;)
    Wie immer mein Angebot - ich leih's dir gern aus!

    @Damaris:
    Wie ich ja schon bei deiner Rezension schrieb, kann ich dir da nur zustimmen. Mister S ist zwar ein absoluter Wunsch-Kandidat, aber bis es soweit kommt, ist so ein Werk ohne sich in den Vordergrund drängende Liebesgeschichte einfach wunderbar ;)
    Danke dir für das Kompliment und ich freue mich sehr, dass uns beiden das Buch so gefallen hat!

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  4. Sehr schöne Rezi, dem kann ich so nur zustimmen. Ich selbst hab das Buch verschlungen und vieles, was du geschrieben hast, ist auch mir positiv aufgefallen, wie beispielsweise die eher dezente, sich im Hintergrund abspielende Liebesgeschichte (aber ich glaube, Ursula Poznanski ist auch keine von den Autoren, die sich alles nur um die Liebe drehen lassen. Sie hat ein Händchen dafür, das einfach mit einfließen zu lassen und das finde ich toll)

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