Back Down to Earth

[Buchrezension] Memento: Die Überlebenden - Julianna Baggott

Sie versucht zu spucken. Sie spürt Wind im Haar. Sie hört den Motor. Sie blickt auf und sieht die Pritsche des Trucks. Sie sind gekommen, um sie zu holen. Sie weiß, dass sie verloren hat.

INHALT
In nicht allzu ferner Zukunft: Bomben haben alles zerstört, Leid und Elend herrschen in den Straßen. Die Menschen haben fast alles verloren, sind verkrüppelt und leben in Armut. Auch Pressia ist eine dieser Überlebenden und muss sich um ihren Großvater kümmern. Um nicht ins Militär eingezogen zu werden, versteckt sie sich und flieht gemeinsam mit Bradwell - und Partridge. Letzterer ist ein Reiner, geflohen aus dem Kapitol, das über allem thront, in das einige Einwohner vor dem Angriff gebracht wurden und mit dem eine bessere Menschheit begründet werden soll. Partridge hat erkannt, dass nicht alles ist wie es scheint und will herausfinden, was wirklich los ist. Doch dann wird Pressia gefasst und er und Bradwell müssen sich auf die gefährliche Suche nach ihr begeben...

BUCHAUFMACHUNG
Die Gestaltung des deutschen Covers wurde von den englischsprachigen übernommen und sieht wirklich toll aus mit der leicht bräunlich schimmernden Kuppel auf schwarzem Hintergrund, vor der ein blauer Schmetterling schwebt. Auf der Rückseite ist dasselbe Motiv, nur mit einem auf dem Rücken liegenden Metall-Schmetterling. Insgesamt wirkt das der geheimnisvoll und ansprechend.

MEINE MEINUNG
"Memento" klang einmal nach etwas wirklich anderem, etwas Frischem. Die positiven Rezensionen machten mir richtig Lust darauf, schließlich ist vieles mittlerweile ja Mainstream. Das Buch ist tatsächlich nicht 08/15 - das heißt aber nicht, dass es sonderlich gut ist...

Die Geschichte beginnt unglaublich langsam und zäh, geht langsam und zäh weiter und endet langsam und zäh. Während mich die Idee selbst faszinierte, war ich ob der Umsetzung doch recht schnell ernüchtert. Von Anfang  ist der Schreibstil kalt und unpersönlich, die Emotionen kommen durch die abgehackten Sätze nicht rüber. Es erscheint, als habe die Autorin das Sprichwort "show, don't tell" falsch verstanden, denn sie macht es genau umgekehrt, weshalb sie mich so gar nicht fesseln konnte. Langeweile griff schon nach den ersten Seiten auf mich über und ließ mich auch nicht mehr los - auch wenn das Buch aus verschiedenen Sichten in der 3. Person Singular verfasst ist.

Auch die Charakterisierungen ließen meiner Meinung nach eher zu wünschen übrig. Pressia ist ein junges Mädchen, das erst für den Großvater sorgen muss und sich kurz darauf in Gefangenschaft der Militäreinheit OSR wiederfindet. Ihr Leben ist nicht einfach, aber ihr Schicksal ging mir zu keiner Zeit nahe, dafür ist sie viel zu abweisend. Aus Bradwells Sicht liest man zwar nicht, er erschien aber immerhin noch relativ interessant, ist er doch eher aufbrausend und ein Einzelgänger, gleichzeitig aber auch hilfsbereit. Trotzdem haute auch er mich nicht um.

Partridge, der Reine aus dem Kapitol, ist der blasseste Charakter im ganzen Buch, hat keine nennenswerten Züge, sondern ist einfach nur auf der Suche nach seiner Mutter und nach der Wahrheit. Seine Neugier ist sicherlich voranbringend, von Emotionen her ist da aber nichts. Lyda, ein Mädchen im Kapitol, das kurz nach seiner Flucht in Einzelhaft gesteckt wird, ist ebenso nichtssagend und fällt einzig und allein durch Handlungen auf. Gelungen fand ich nur El Capitán, Soldat und Ausbilder, der selbst einige Male erzählt und dabei recht interessant wirkt. Bei ihm war ich noch am meisten gefesselt.

Die Geschichte selbst ist sehr originell und gut ausgedacht. Die Menschen sind beim Fall der Bomben stark verletzt worden, viele mit Gegenständen oder sogar anderen Überlebenden verschmolzen. Pressias eine Hand besteht aus einem Puppenkopf, El Capitáns Bruder sitzt auf dessen Rücken und in Bradwells Rücken flattern Vögel. Dies ist für zarte Gemüter ob der ausführlichen Beschreibungen sicherlich nicht ganz leicht wegzustecken, mir fielen aber eher die unlogischen Aspekte daran auf - wie kann es sein, dass diese Dinge zusammengeschmolzen sind und dann die Zeit hatten, zu trocknen, ohne dass die Menschen sie abrissen? Wie können die Tiere beispielsweise in Bradwells Rücken überleben? Das sind nicht die einzigen Fragen, die sich mir während der Lektüre stellten, was mir noch mehr Lesespaß nahm.

Zum Ende hin nimmt die Geschichte endlich einmal an Fahrt auf, wenn auch nur wenig. Geheimnisse werden aufgedeckt, für tot erklärte Personen gefunden und einige Aspekte neu definiert. Nicht alles ist wie es anfangs schien, was ich gut gelungen fand, dennoch konnte mich auch der Schluss aufgrund der vorausgegangenen elenden Langeweile nicht mehr wirklich überzeugen. Es wird ein bisschen spannender und es passiert einiges, der Epilog könnte begeisterten Lesern Lust auf den Nachfolger machen, denn er wirft neue Fragen auf. Nur habe ich kein Interesse daran, den Antworten auf die Spur zu kommen.

FAZIT
"Memento" von Julianna Baggott bestand für mich beinah komplett aus Langeweile. Ich quälte mich durch die Seiten und hatte das Gefühl, einfach nicht vorwärts zu kommen. Die Charaktere sind schlecht ausgearbeitet und wirken blass, viele Fragen kommen auf, aber nur wenige werden beantwortet und die Emotionen fehlen beinahe gänzlich. Nur das Ende und die Story konnten mich einigermaßen überzeugen. Knappe 2 Punkte!

Titel: Memento: Die Überlebenden
Originaltitel: Pure
Reihe: Memento/Pure
Autor: Julianna Baggott
Übersetzer: Axel Merz
Verlag: Bastei Lübbe
Seitenzahl: 464 Seiten
ISBN-13: 978-3833901133

   Kommentare:

  1. Steht auf meiner Wunschliste, aber die Rezensionen sind in letzter Zeit ja eher weniger überzeugend...Mal schauen, schöne Besprechung ;)

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  2. Hihi "Die Geschichte beginnt unglaublich langsam und zäh, geht langsam und zäh weiter und endet langsam und zäh." - super, musste echt grinsen :-) Ich habs schon vor ner Weile von meiner WuLi gestrichen. Man hört jetzt auch nicht soooo viel Gutes und deine Rezi bestätigt das...
    LG,
    Damaris

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  3. ...wobei mir der Schreibstil, wie in deinem oben verwendeten Zitat ja sehr gefällt. Ist ungewöhnlich, aber gut und erinnert mich etwas an Kyria & Reb oder Dustlands...

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  5. Ui nur 2 Bücher...das ist bitter...schlimm wenn einen das Cover so lockt (das finde ich nämlich richtig, richtig toll) und dann ist nur heiße Luft dahinter..

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  6. @Nina:
    Ich würde schon sagen, mach dir ein eigenes Bild - ich will ja nix verallgemeinern :D

    @Damaris:
    Ja, so ein Schreibstil kann mal ganz schön sein, hier hat er mich allerdings genervt...

    @Ayanea:
    Ja, das Cover ist toll! Nur ansonsten war's eher weniger toll :D

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  7. Also über dieses Buch hört man so viel Schlechtes und dann wird es wieder hoch gelobt. Da bleibt einem ja nix anderes übrig, als es bleiben zu lassen ODER selbst auszutesten. Ich habe mir mal Zweiteres vorgenommen. Zum Glück konnte ich das Buch beim Tausch Ticket ergattern - also kein großer (Geld)Verlust, sollte es mir, wie dir ergehen. Wenn du aber schon schreibst:

    "Es erscheint, als habe die Autorin das Sprichwort "show, don't tell" falsch verstanden, denn sie macht es genau umgekehrt..."

    Oh je, das ist für mich auch oft ein großes Manko. Mal sehen! Wieder mal eine sehr schöne Rezi, so dass ich mir ein gutes Bild von dem Buch machen konnte, ohne das ich das Gefühl habe, schon zu viel zu wissen. Ach ja, was die Vögel im Rücken des einen Protas betrifft ... die Frage nach dem Überleben habe ich mir auch gestellt. Aber in Büchern ist ja fast alles möglich. :)

    Liebe Grüße
    Reni

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  8. @Reni:
    Genau, das mit dem vielen Erzählen von Gefühlen etc., ohne dass dies wirklich deutlich wurde, hat mich besonders gestört. Darauf kann ich leider einfach nicht. Ich hoffe, dir gefällt das Buch besser, wäre ja schade ums Papier :D

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