Back Down to Earth

[Buchrezension] Tief - Mike Croft

Arnie beobachtet, wie er immer langsamer wird; er sieht es mit seinen Augen, aber sein Gehirn begreift es nicht. Nur noch wenige Meter, dann wird er anhalten. Arnies Augen blicken fest auf die Schnauze des Wals, und dann spürt er, wie sie ihn mitten auf die Brust trifft. Er fällt um, liegt mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken, der Blauwal gleitet über ihn, und dann wird alles dunkel.

TiefINHALT
In England gehen seltsame Dinge vor sich - Wale und Delfine der verschiedensten stranden mit anscheinend voller Absicht an Stränden, Killerwale schwimmen in die Themse und lassen dort durch ihre Rufe Glasscheiben zerspringen - retten aber die Menschen, die in das Wasser stürzen. Langsam aber sicher versetzen sie die Bevölkerung durch ihr Verhalten in Angst und Schrecken; wollen sie ihnen absichtlich etwas tun?
Der Meeresbiologe Roddy Ormond ist der Meinung, dass die Tier die Menschen warnen wollen - er weiß nur nicht, wovor. Hilfreich dabei könnte allerdings die Journalistin Kate Gunning sein, die sich ihm anschließt, und der Code, den die Wale anscheinend ausstoßen - einen Code, den sie von einem gefangenen Wal erhalten haben, der jahrelang auf menschliche Worte spezialisiert wurde.
Und Roddy kommt dabei einer schrecklichen Katastrophe auf die Spur, einer Katastrophe, die auf den Boden des Ozeans führt.


BUCHAUFMACHUNG
Das Cover des Taschenbuches ist mattschwarz gehalten, die Schrift des Titels ist türkis-grün und leicht erhaben - sie soll wohl das Wasser des Meeres symbolisieren, was mir sehr gefällt. Oben auf dem Cover sieht man eine riesige Welle, die sehr gut passt, da sie im späteren Verlauf des Thrillers noch eine Schlüsselrolle spielt, die zum entscheidenden Showdown führt.
Die Seiten sind relativ dünn, was sie sich manchmal schlecht umblättern lässt, aber das ist noch lange nicht so schlimm wie bei vielen englischen Büchern.
MEINE MEINUNG
Schon der Anfang des Buches ist ein Knüller - denn der Prolog ist aus der Sicht eines Wales geschrieben. Beziehungsweise, nicht aus der Sicht eines Wales, sondern des Wales überhaupt, nämlich des Wales, der noch eine tragende und umfangreiche Rolle spielt.
Der Prolog hat mich wirklich sehr berührt, denn auch, wenn es seltsam ist, die Gedanken und Gefühle eines Meeresäugetiers zu lesen, so gab es mir doch auch gleich das Gefühl, der gesamten Geschichte näher zu sein. Schließlich muss man auch verstehen, was die Tragweite und der Hintergrund ist, und das funktioniert eben besonders gut, wenn man auch von einem Protagonisten aus eben diesem Bereich liest.

Die gesamte Storyline hat mich schon von Anfang an interessiert und auch von Anfang an gefesselt - was, wenn wirklich etwas so schreckliches in der Tiefe unseres Ozeanes lauert, dass die Tiere sich irgendwann keine andere Möglichkeit mehr sehen, als aufs Ganze zu gehen, um den Menschen zu zeigen, was los ist? Und was, wenn die Regierung sich einfach weigert, etwas dagegen zu tun? Umwelt ist ein wichtiges Thema, das viele beschäftigt, und hier wird es angesprochen. Und das so fesselnd und spannend, dass ich das Buch kaum weglegen konnte.

Immer wieder wechselt die Perspektive, wenn auch keine Figur so viel vorkommt die Roddy, schließlich ist er auch der Protagonist. Da wären noch Theresa, die Frau, die er einmal liebte, Victoria Adlington, die Verteidigungsministerin, die hin und her gerissen ist zwischen Recht und Unrecht - all diese Personen werden eingeführt, tragen entschieden zur Geschichte bei und machen das alles lebendiger. So erfährt man von den Bösen, dass sie nicht durch und durch böse sind, sondern auch ihre guten Seiten haben. Oder man bekommt die Schwächen der Guten mit, die sie menschlich und verletzlich machen. Und obwohl sehr oft Nebenfiguren eingeführt werden, die nur in drei, vier Szenen vorkommen, hatte ich zumindest keine Schwierigkeiten, zu wissen, wer wer war. Denn alle Charaktere waren unterschiedlich in ihrem Verhalten und in ihrer Funktion, dass das im Grunde kaum möglich war. Hier hat der Autor meiner Meinung nach ziemlich gute Arbeit geleistet.

Allerdings sind da auch kleine Schwächen - beispielsweise Theresas Willenslosigkeit. Da wird sie von ihrem Mann misshandelt, jahrelang, und bis ihre Tochter auftaucht kommt sie nicht einmal auf die Idee, wegzulaufen? Sie hatte diesen Gedanke in den vorigen 20 Jahren noch ein einziges Mal? Also es mag ja sein, dass sich eine solche Frau nicht traut, es dann wirklich durchzuziehen. Aber daran denken, das wird man ja wohl auf jeden Fall!
Außerdem fand ich es schade, dass die Expedition erst auf den letzten 80 Seiten beginnt - davon ist es zwar ebenfalls spannend, aber gleichzeitig dümpelt die ganze Geschichte auf auf der Stelle und kommt nicht so wirklich voran. Daher wurde der Showdown dann irgendwie nicht so wirklich ausgearbeitet und kam fast zu kurz. Es funktioniert zwar - aber ein paar Informationen besonders am Ende [was wird denn nun geschehen?] hätte ich mich noch gewünscht.

Dafür hat Mike Croft hier unglaubliches Hintergrundwissen - immer wieder beschreibt er das Verhalten von Walen, er weiß, wie U-Boote funktionieren, kennt sich mit Technik aus. Er zeigt dem Leser die Welt, in der sich Meeresbiologe Roddy, aber auch alle anderen bewegen und gibt Wissen mit auf den Weg, lässt es einfließen, ohne dass es wie ein langer Schulbuch-Text wirkt. Das hat mir sehr gefallen und das alles noch lesenswerter gemacht.

Ebenso ist der Schreibstil durchweg gut, beschreibend, viel, aber nicht zu viel, mit Adjektiven, aber nicht zu vielen. Der Stil ist nicht verschnörkelt oder in irgendeiner Weise groß einzigartig [außer, dass der Autor es bewundernswert schafft, von der einen Person zu anderen zu springen, ohne, dass es verwirrt], aber das wäre für dieses Buch auch nicht nötig gewesen. Das Einzige, was mich noch gestört hat, war, dass die Walszenen immer in der Gegenwart sind und der Rest im Präteritum - da muss man sich erst einmal dran gewöhnen.

Insgesamt hat mir dieser Thriller mehr als nur gut gefallen, Er zeigt aktuelle Themen auf und lässt den Leser spüren, wie schrecklich es ist, was wir der Umwelt antun. Gleichzeitig vermittelt er einem Wissen und bringt einem ein paar sehr spannende Lesestunden - sehr empfehlenswert!


https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51ksTnI6O3L.jpgTitel: Tief
Originaltitel: Down Deep
Reihe: Nein
Autor: Mike Croft
Übersetzer: Theda Krohm-Linke
Verlag: DuMont
Seitenzahl: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3-8321-8562-6


   Kommentare:

  1. Eine schöne Rezension. Das Buch hört sich auch richtig toll an. LG Diti

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  2. Schöne Rezi. Eine Anmerkung hab ich allerdings (ich hoffe das ist ok und sicher nicht böse gemeint): Theresa wollte schon aus ihrer Ehe ausbrechen, allerdings hat ihr Mann sie dann erpresst, indem er ihr ihre Tochter wegnehmen wollte. Zumindest hab ich das so verstanden. Und ich hätte auch gerne gewusst, wie es am Ende weitergeht. Also was nun getan wird von der Regierung aus, aber ich denke, das hat der Autor extra so gemacht, denn wahrscheinlich wird gar nicht viel getan werden, genau wie im wirklichen Leben auch...

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  3. Hallo :)

    Du hast von mir DREI Awards bekommen:
    http://jungeschreiberlinge.blogspot.com/2011/06/so.html

    LG Hannah

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  4. Danke für die interessante Buchvorstellung. Mir kam allerdings sofort beim Lesen des Klappentextes "Der Schwarm" von Schätzing in den Sinn. Hast du das zufällig auch gelesen? Ist das hier nur ein Abklatsch? LG

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  5. @joshi_82: Oh, kann sein, dass ich das überlesen habe...Hmm, ich meine, mir war klar, dass sie sich das nie wegen ihrer Tochter getraut hatte, aber war es nicht so, dass sie trotzdem dann irgendwann auf die Idee kam, so ganz plötzlich? :D

    @Friedelchen: Ui, gute Frage, das Buch habe ich nicht gelesen und kann dir deswegen leider auch nicht auf deine Frage antworten, tut mir Leid...Aber ich kann es ja mal auf meine Wunschliste schreiben und das dann irgendwann in der Rezension dazu nennen^^

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  6. Hello, I am Mike Croft (real name Mike Stocks), author of "Tief".

    Sorry about writing in English, but I do not speak German.

    I just want to say thank you for reviewing my book, and expressing your enjoyment.

    I also want to let all readers know that "Tief" is not a rip-off of "Der Schwarm". I can prove that I wrote "Tief" about ten years ago, before "Der Schwarm" was written. My literary agent tried to sell "Tief" to lots of publishers at that time, but without success.

    Please feel free to publicise this fact!

    Sometimes it takes a long time to get a book published!

    I haven't read "Der Schwarm" yet - from what I have read about it, the central premise seems very similar to "Tief", but the treatment of the idea is different. My book is intended to be a very well-written adventure-thriller, nothing more.

    Thanks again, and best wishes, Mike

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