Back Down to Earth

[Buchrezension] Du bist zu schnell - Zoran Drvenkar


Ich sprang auf, stolperte über Holzbänke und prallte von der Wand ab. Und wurde geschnitten, wurde immer wieder geschnitten, versuchte den Mann zu greifen, griff ins Leere und wurde geschnitten. Versuchte zu schreien und spürte sofort das Metall an den Lippen, wie es sich in die Haut verhakte und hochgezogen wurde. Blut füllte meinen Mund, ich fiel und schlug auf dem Boden auf. Ich hob schützend meine Hände, versuchte mich zu verkriechen, wurde zu einem Ball aus Fleisch und wurde geschnitten und geschnitten.


Inhalt: 
Val kann sie sehen: Die Schnellen, wie sie sie nennt, die sich in einer solchen Geschwindigkeit bewegen, dass andere sie nicht wahrnehmen. Denn sie wollen nicht, dass sie jemand entdeckt, sie wollen unter sich bleiben - und werden dadurch umso ungehaltener, als sie bemerken, dass Val sie sieht.
Das jedenfalls erzählt die junge Frau ihrem Freund Marek, als das Chaos über sie hineinbricht und ihre beste Freundin in ihrer Wohnung ermordet wird. Sie meint, die Schnellen wären da gewesen, um jemanden für Vals Besuche in ihrer Welt bezahlen zu lassen.
Und so machen sich Marek und Val auf die Suche nach der Wahrheit, denn sie müssen alles über sie herausfinden, wenn sie verhindern wollen, dass die Schnellen sie kriegen - oder müssen sie schnell sein, weil Val in ihrem Wahn Dinge sieht, die nicht real sind?

Die Buchaufmachung: 
Auf dem Cover des Taschenbuchs sieht man eine verschneite Bank im Vorder- und einen Basketballkorb im Hintergrund. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was das mit dem Inhalt zu tun haben soll, denn auch wenn in der Geschichte Winter ist, so gibt das Cover doch keinerlei Hinweise darauf. Einerseits ist das ja gut, aber andererseits wirkt das nicht sonderlich ansprechend.
Die Seiten des Buches sind recht dick und gut umzublättern, der Rücken führt das gespiegelte Bild des Covers von der Hinterseite weiter.

Meine Meinung: 
Du bist zu schnell war Zoran Drvenkars erster Roman für Erwachsene nach einer Reihe von Kinder- und Jugendbüchern. Umso überraschter war ich, dass sich sein Stil hier nicht grundlegend geändert hat, sondern einfach...älter schien. Im positiven Sinne. Die Sätze sind leicht zu lesen, aber auch zwischendurch ein bisschen verschachelt, gezogen und verbunden, sodass sie stärker wirken, einen länger über den Sinn nachdenken lassen und einen tiefer mit in die Geschichte hineinziehen. Drvenkar scheint seine Worte sehr bewusst gewählt zu haben, um die größtmögliche Spannung und Atmosphäre aufzubauen, und das ist ihm wunderbar gelungen.
Die Tatsache, dass es in diesem Roman [wie auch in all seinen anderen Büchern] keine Anführungszeichen gibt, hat mich anfangs wieder einmal stark irritiert. Aber nach ein paar Seiten habe ich mich dran gewöhnt und dann wurde mir auch bewusst, was für eine gute Art das in diesem Fall ist - denn so kommen einem die Gespräche näher, die Situationen und Dialoge wirken noch authentischer und ich zumindest fühlte mich wirklich, als würde ich danebenstehen und zuschauen. Und das, wo ich normalerweise solche Bücher ohne wirkliche Markierung der wörtlichen Rede [hier wurde wenigstens immer noch ein Gedankenstrich davor gesetzt, was alles erleichterte] gar nicht leiden kann, weil ich nie weiß, wer jetzt wann redet.
Die Handlung des Buches ist neu. Val war schon zweimal in einer geschlossenen Anstalt, weil sie die Schnellen gesehen hat, und trotzdem glaubt sie immer noch, dass sie nicht psychisch gestört ist, sondern dass es die Schnellen sind, die das Unheil stiften. Und sie will heraus finden, weshalb. Dass das nicht gut für sie ist, wird ihr mehrmals klar und deutlich gemacht, doch sie lässt nicht nach - und kommt dem Geheimnis der Schnellen immer weiter auf die Spur. Aber ist es wirklich das Geheimnis der Schnellen oder doch nur ihr eigenes?Bei dieser Geschichte eine weitere große Rolle spielen ihr Freund Marek und Theo, der Lebensgefährte ihrer ermordeten besten Freundin. Abwechselnd wird aus dieses drei Sichten erzählt, was aber keinesfalls verwirrend wird, da es sehr unterschiedliche Personen sind. Theo ist eine sehr starke Person, die versucht, alles richtig zu machen und nicht zugeben will, dass sie hilflos ist. Er ist anfangs misstrauisch, aber weil er so viel verloren hat, will er einfach vertrauen, was ihn unweigerlich ins Verderben stürzt.
Marek ist ein sehr unsicherer, aber friedfertiger und sympathischer Charakter. Er wirkte auf mich noch sehr jung von der Art und den Handlungen her, aber seine Liebe zu Val und seine Bereitschaft zu helfen haben ihn auch gleichzeitig erwachsen scheinen lassen.
Und Val ist jemand, der mich zwischendurch regelrecht angeekelt hat - da werden einige ihrer Freunde umgebracht, weil sie den Schnellen nicht nachforschen soll und was tut sie, als es zum 2. Mord kommt? Sie meint, man müsste einen der Gefährlichen fangen und daher Nachforschungen anstellen und sie sich wieder in die Psychose begeben lassen - obwohl nach den letzten beiden Malen schreckliche Dinge geschehen sind. Trotzdem wirkt sie oftmals auch wie eine logisch denkende Figur - wenn sie sich nicht grade um ihren in den wirklich unpassendsten Situationen aufkeimenden Sextrieb kümmert.
Das Ende des Romans ist grandios, es ist fulminant und der Leser weiß bis zu den letzten 10 Seiten nicht genau, was nun Sache ist. Man muss nachdenken, kombinieren und wieder nachdenken, weswegen die Auflösung schwer zu fassen, aber grausam gut ist. Das einzige Problem ist nur: Es ist auch ein wenig unlogisch. Denn ich frage mich, was zum Beispiel Marek und Val dann auf dem Anrufbeantworter gehört haben? Wieso kann sich Val nicht daran erinnern, was in ihrer Wohnung geschehen ist? Oder hat sie das alles nur verdrängt? Und was bedeutet es, was Marek durch die Fensterscheibe des Cafés im Irrenhaus gesehen hat?
Diese und einige andere Fragen, die ich hier nicht nennen kann, ohne zu spoilern, blieben bei mir offen und würden wohl auch nicht geklärt werden können, ohne dass das ganze Ende absolut unlogisch wird. Das finde ich schade, darauf hätte meiner Meinung nach mehr geachtet werden müssen und deshalb gibt es hier leider einen ganzen Punkt Abzug.

Insgesamt ist Zoran Drvenkars Du bist zu schnell ein sehr, sehr lesenswerter Thriller-Roman mit einer grandiosen Handlung, gut durchdachten Figuren und einem tollen Ende, leider aber auch kleinen Schwächen. Daher 4 Punkte.


Mein herzlicher Dank für dieses Rezensionsexemplar!
http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullstein/index.php

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