Back Down to Earth

[Buchrezension] Centum Night - Lou Timisono

Sandy faltete sorgfältig seine Serviette zusammen und erhob sein Champagnerglas. In Gedanken prostete er sich mit seinem Trinkspruch "To the King!" selbst zu, laut jedoch wandte er sich an seinen Gast. "Ihr Auftrag wird unverzüglich ausgeführt, General. Sie können ganz in Ruhe unsere Lotterie genießen oder falls Sie sonst einen Wunsch haben, sich diesen jederzeit vor, während oder nach dem offiziellen Event erfüllen." Er leerte sein Glas in einem Zug.
Der Champagner schmeckte so hervorragend wie der grandiose Geschäftsabschluss.
Mit knatterndem Lachen goss Sandy die Gläser erneut randvoll. "Sie wissen, General, man kann von allem, was scharf ist oder prickelt, niemals genug bekommen."
 
Lou Timisono - Centum Night
INHALT
In der Zukunft haben sich viele Länder der Welt zur sogenannten Coastal Alliance zusammengeschlossen, die in drei Gebiete unterteilt ist: Youbeau-Naxton, dem Reich der Privilegierten; Solocity, in dem die Normalbürger leben und in dem Freundschaft und Liebe verboten sind; und Bonnieville, wo Verbrechen und Armut herrschen. Alles geht geordnet vor sich, bis auf die einzelnen Widerstände, die die Menschen aus Bonnieville immer wieder anzetteln. Als jedoch eine Mordserie in Solocity beginnt, bricht das Chaos aus - und die Rebellen sehen ihre Chance gekommen...
 
MEINE MEINUNG
Lou Timisono hat mit "Centum Night" eine in vielen Details neuartige und interessante Vision der Zukunft geschaffen - wäre sie nicht so kompliziert und so übermäßig stark konzentriert auf sexuelle Bedürfnisse. Der Schreibstil ist überwiegend flüssig und die Dialoge sind glaubwürdig, aber die vielen englischen Begriffe, zu denen man eine Erklärung erst im Glossar findet, bringen einen immer wieder raus. Hinzu kommen auch noch viele Anglizismen für Worte, die es auch im Deutschen gibt, was ziemlich sinnlos erscheint.

Gut ist, dass man Figuren aus jedem der Bereiche begleitet, sodass man ihre Lebensumstände und teilweise auch ihre Gesinnung kennen lernen kann. So bleiben einem auch nicht die Gedanken und Motive der Bösewichte, wie etwa des umgehenden Mörders, verborgen. Letztendlich ähneln sie sich aber auch in einem Punkt: Es dreht sich grundsätzlich alles nur um Sex. Das ist bei den Solos insofern glaubwürdig, als dass ihre Bedürfnisse ja komplett technisch abgebaut werden und sie sich nach etwas anderem sehnen. Aber auch ansonsten geht es jeder einzelnen Person mal mehr, mal weniger um das Eine: Dem Offizier Blue, der verbotenerweise nicht von Simi lassen kann; den Ganoven Sandy und Jub, die zwar eine Rebellion aushecken, deren einzelne Schritte aber auch immer im Sex münden; oder auch der Mörder, der nur aus Lust tötet. Es erwarten einen keine Überraschungen und die Fülle an Charakteren macht es einem noch schwerer, sie alle auseinander zu halten.

Inhaltlich ist es schwierig, die Konzentration zu behalten, wenn so viele Stränge parallel zueinander verlaufen und man bei jedem nur für ein paar Seiten verweilt. Während in dem einen Kapitel bei einer Figur etwas passiert, ist die nächste schon wieder an einem ganz anderen Punkt, ohne, dass man die Entwicklung hätte mit verfolgen können - so werden gerade die interessanten Abschnitte gerne ausgelassen. Außerdem hat jeder Charakter eine Liebesgeschichte, die sich überaus schnell und unglaubwürdig entwickelt und auch hier fast komplett von den körperlichen Aspekten geprägt ist. Neben dem Sex spielt aber Gewalt die zweite große Rolle. Verständlich natürlich besonders in der Crime Zone, in der es kein Recht und Gesetz mehr gibt. Allerdings hatte ich oftmals das Gefühl, dass die Autorin die expliziten Darstellungen nutzt, um alles ein bisschen extremer darzustellen und sich so abzuheben.


Denn abgesehen von diesen genannten Aspekten ist die ganze Geschichte doch nicht so anders als die der sonstigen Dystopien und Zukunftsvisionen wie gedacht. Letztendlich kommt es zu Aufständen und Krieg, ganz klar, aber dieser spielt sich weder besonders spannend noch irgendwie fesselnd ab - er ist einfach da. Zwar treffen endlich einige der vorher in unterschiedlichen Gebieten untergebrachten Persönlichkeiten aufeinander, aber auch das Zusammenspiel macht es nicht wirklich besser. Da der Schluss nicht alle Aspekte abschließt, sondern nur einen möglichen Ausblick gibt, erwarte ich zumindest eine Fortsetzung, um die offenen Fragen zu klären und das Ganze wirklich zu einem Ende zu bringen. Ich habe allerdings keinen Bedarf nach Band 2, sollte es ihn wirklich geben.

FAZIT
Eine eigentlich interessante Sicht auf die Zukunft hat mir durch den Schwerpunkt auf Sex und Gewalt statt Weltentwurf und Persönlichkeiten keinen Spaß bereitet. Alles ist zu konfus und kompliziert, sodass ich mich nicht richtig einfinden konnte. Daher gibt es von mir nur knappe 2 Punkte.
 

Lou Timisono - Centum Night
Titel: Centum Night
Originaltitel: -
Autor: Lou Timisono
Übersetzer: -
Verlag: Balladine Books
Seitenzahl: 360 Seiten
ISBN-13: 978-3945035177


   Kommentare:

  1. Bore da, Sonne*.
    Ohne die Intimität wahrer Gefühle ist Sex eher der Konsumartikel aus der Massenproduktion; mindestens sollte man/frau sich mögen wollen. Vorliegender Roman scheint den Sex wie die Gewalt rein zum "Product placement" zu nutzen. Nicht Neues unter der Sonne, aber nach wie vor ein ärmlicher Ansatz, um eine Story zu erzählen - ja auch nur das Buch zu verkaufen.
    Stilistisch hält sich die Autorin (?) scheinbar an das dramturgische Waschwasser "schnelle Schnitte"; was - offensichtlich - nicht ohne Weiteres funktioniert.
    Was die von Dir angemahnte Fremdwortschwemme angeht, so will sich Lou Timisono hier an Orwells Neusprech leicht angelehnt sehen; Sprache als Diktatur.
    Das vielleicht interessanteste dürfte bleiben, wer hinter besagtem Pseudonym steckt...

    Meine Grüße zum Tag, via Mail. :-)

    bonté


    * darf ich Madame in den Kommentaren weiters so anschreiben? :-)

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    Antworten
    1. Product Placement, das ist das Wort, das mir fehlte - genauso kam es mir vor. Teilweise kam es mir vor, als wäre der Sex eingestreut, nur um ihn zu haben, nicht, weil er besonders viel Sinn und Zweck für die Geschichte gehabt hätte. Und dass die vielen englischen Worten an Orwell angelehnt sein sollen, habe ich auch gelesen, das kam nur bei mir einfach gar nicht an, wirkte nur übertrieben und unglaubwürdig.
      Der Vergleich zu dem großen Roman hätte vielleicht nicht getätigt werden sollen, dann wären die Erwartungen eventuell nicht so hoch gewesen...

      Und selbstverständlich darf ich weiter Sonne genannt werden, war ja lange mein Benutzername :D

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