Back Down to Earth

[Buchrezension] Score - Martin Burckhardt

Mit dem Fahrstuhl fuhr er hinauf in das 131. Stockwerk, wo sich eine Aussichtsplattform befand. Eine Menge Menschen drängte sich hier. In der schwindelnden Höhe herrschte ein kühler, böiger Wind, der durch sein Haar und seine Kleidung fuhr. Es war das erste Mal, dass er diesen Ort physisch erlebte, zuvor hatte er ihn sich nur über die Drohnenansicht angeschaut. Auch heute kreisten die fernbedienten Drohnen wie ein Schwarm Vögel um die Menschen herum. Die Touristen drängten sich an der gläsernen Brüstung und schauten hinaus auf die Stadt, die sich im Licht des Nachmittags bis zum Horizont ausdehnte. Niemand, wie er befriedigt registrierte, hatte Augen für ihn. 

INHALT
Im Jahr 2039 hat sich die Gesellschaft gewandelt: Statt eines Staates regiert eine Firma, statt mit Geld wird mit "Score" gezahlt, unter anderem auch für Interaktionen zwischen den Menschen. Damian ist Mitarbeiter des Unternehmens "Nollet", das das System entwickelt hat, und hilft dort bei der Verwirklichung der neusten Ideen, vollkommen überzeugt vom Prinzip. Doch dann stirbt vor seinen Augen ein Mitarbeiter und ungewollt wird er hineingezogen in den Machtkampf zwischen den reichen Menschen in den Städten und den armen in der sogenannten Zone. Und bald weiß er nicht mehr, was er denken soll...

MEINE MEINUNG
Martin Burckhardt erzählt in seiner dystopischen Zukunftsversion von einer Welt, die beherrscht wird vom "Score", einer automatischen Währung, die übliche durch Geld hervorgerufene Erfahrungen einfach ausmerzen soll. Gleichzeitig wurden Spiele entwickelt, in denen die Menschen ihren eintönigen Leben entfliehen können. Ein, wenn auch nicht ganz neues, so doch faszinierendes Gedankenexperiment, das bei guter Umsetzung mitzureißen weiß. Doch genau das ist hier vollständig fehlgeschlagen, denn mit dem emotionslosen Stil voller Fremdwörter und den blassen Figuren wird wird so gut wie nie eine Verbindung zum Leser aufgebaut.

Damian ist der Protagonist, dem man die gesamte Zeit über folgt, und dennoch kommt es einem am Ende vor, als hätte man ihn gar nicht kennen gelernt. Er ist völlig in das neue System integriert und seine Abhängigkeit ist gut umgesetzt, abgesehen davon besitzt er jedoch keine grundlegenden Wesenszüge, sondern agiert sprunghaft und kalt. Chef der Firma "Nollet", die das neue System ins Leben gerufen hat, ist Khan und dieser ist auch die einzige Figur, die aufgrund ihrer Zerrissenheit menschlich wirkt. Der Rest ist überwiegend schwarz oder weiß, oft manipulativ, aber selten mit aussagekräftigen Hintergründen versehen und bleibt so schablonenhaft und austauschbar - insbesondere die verschiedenen Frauen, mit denen sich Damian abgibt.

Die Ausgangssituation selbst hat viel Potenzial: Nach dem rasanten Abfall des Scores eines Mitarbeiters, wird dieser von Damian herbei zitiert und befragt - bis er plötzlich stirbt. Unversehens findet sich Damian also in einer für ihn erschreckenden Situation wieder. Doch statt die Handlung nun spannungsgeladen voranzutreiben, befindet man sich gemeinsam mit der Hauptfigur noch rund 100 Seiten nicht weit entfernt vom Ausgangspunkt, wird mit endlosen Details gelangweilt und in eine Welt eingeführt, die so steril beschrieben wird, dass jegliche Vorstellung unmöglich ist. Hinzu kommt, dass das neue System mit dem Score wenig Sinn ergibt [denn es gibt ganz offen dennoch arm und reich, obwohl das Gegenteil versprochen wird], dass das Prinzip der Spiele und Spieler unzureichend erklärt wird [und wenig Mehrwert für die Storyline hat], und dass diese komplette Veränderung der Welt in nur 25 Jahren eingetreten sein soll [was ich für fragwürdig halte].

Von diesen Kritikpunkten abgesehen hat der Autor aber eine Stärke: Die Dialoge. Diese sind wortgewandt und wirken durch glaubwürdige, realistische Aussagen lebendig. Ebenso gut sind auch die actionreichen Szenen beschrieben, die tatsächlich etwas Schwung mit sich bringen. Doch das tröstet nicht darüber hinweg, dass die Handlung ansonsten kaum überzeugen kann. Vielleicht liegt das teilweise auch daran, dass ich diese Entwicklung der Gesellschaft zu hemmungsloser Gewalt, sowie Drogen- und Sexsucht [auch mit Minderjährigen] in nur 25 Jahren befremdlich und teilweise widerwärtig finde. Dafür jedoch kann der Schluss mit überraschenden Grautönen und einer recht spektakulären Wendung überzeugen, die ich in dieser Art nicht erwartet hätte. Ansonsten aber muss einem diese Art zu erzählen wohl gefallen, um das Buch zu mögen.

FAZIT
Martin Burckhardts "Score" besitzt eine spannende Idee voller Möglichkeiten, die aber nur selten ausgereizt werden. Der kühle, viel zu detailreiche und teilweise wichtigtuerische Schreibstil hat mich schrecklich ermüdet und das neu erschaffene System erschien mir teilweise unüberlegt bis sinnlos. Nur die guten Dialoge und das stimmige Ende konnten das Werk für mich vor einer ganz miserablen Wertung retten. Hier wäre mehr drin gewesen. 2 Punkte.


Titel: Score
Originaltitel: -
Reihe: Nein
Autor: Martin Burckhardt
Übersetzer: -
Verlag: Knaus
Seitenzahl: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3813506433

   Kommentare:

  1. Ohje....das Buch liegt noch hier! Mal sehen, wie es mir gefallen wird! LG

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    1. Ich hoffe natürlich, dass du mehr Freude am Buch hast als ich - für mich war es wahrscheinlich einfach nicht das richtige, weil ich mit dieser Wandlung nichts anfangen konnte. Anderen könnte es daher umso besser gefallen ;)

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