Back Down to Earth

[Buchrezension] Die letzten Tage von Rabbit Hayes - Anna McPartlin

"Au! Fuck! Meine Augen!", rief Bernard.
"Du sollst solche Worte nicht sagen!", sagte Grace.
"Wenn du deine Titten unter Verschluss hältst, sag ich auch nicht solche Wörter, Ma!"
"Und du komm nicht ohne anzuklopfen in unser Schlafzimmer", sagte Lenny. "Kinderfreie Zone. Vergessen?"
"Ist ja widerlich!" Bernard ging rückwärts wieder hinaus. "So was sollte verboten sein." Er schloss die Tür hinter sich.
Grace und Lenny sahen sich an und fingen lauthals an zu lachen.

INHALT
Rabbit Hayes hat Krebs im Endstadium und weiß, dass sie sterben wird - und das bald. Sie hat diese Tatsache akzeptiert, nur ihrer Familie fällt das nicht so leicht. Ihre Mutter flucht und ihr Vater weint die ganze Zeit, ihre Schwester lässt den Schmerz am Ehemann aus, ihre Tochter verschließt die Augen und ihr Bruder versucht zum ersten Mal in seinem Leben Verantwortung zu übernehmen. Und Rabbit weiß, in den wenigen Tagen, die sie noch hat, muss es ihr gelingen, allen noch einmal zu zeigen, wie sehr sie sie liebt und dass sie es auch ohne sie schaffen werden. Um nicht nur sich, sondern auch ihnen den Abschied zu erleichtern...

MEINE MEINUNG
Bücher über Krebs sind immer noch im Trend, weil sie so viele Möglichkeiten für große Gefühle, Drama und Tränen bieten. "Die letzten Tage von Rabbit Hayes" hebt sich aber insofern ab, als dass die Protagonistin den Kampf bereits verloren hat und es daher hauptsächlich um den Umgang der Familie mit dem Sterben geht. Unterteilt ist das Buch in neun Tage, an denen die beteiligten Figuren abwechselnd von ihren Gefühlen erzählen, hinzu kommen noch ein paar Rückblicke zu vergangenen Tagen. Anfangs ist es etwas schwierig, sich darauf einzulassen, dass nicht zwangsläufig die Person berichtet, deren Namen über dem jeweiligen Teil steht, sondern dass diese manchmal einfach nur die zentrale Figur ist - dies wird aber durch den angenehmen Stil von Anna McPartlin mit der Zeit leichter.

Rabbit ist eine Protagonistin, die man aufgrund ihrer liebevollen Art, ihrer Zuneigung zu ihrer gesamten Familie und ihres Vertrauens in jeden einzelnen schnell ins Herz schließt. Hinzu kommt ihr Humor, der auch die traurigsten Situationen auflockert. Genau diesen besitzen aber auch die anderen Figuren - wie etwa ihre Mutter, die außerdem gerne ins Fettnäpfchen tritt und ausnehmend viel flucht, oder ihre Schwester im Umgang mit ihrem Mann, die sich außerdem noch um ihre chaotische Familie kümmern muss. Rabbits Tochter Juliet ist für ihre 12 Jahre auf glaubwürdige Weise schon sehr reif, und die Wandlung des Bruders Daveys ist wunderbar mitzuverfolgen. Es gibt keine Figur, die zu kurz kommt, weswegen sich ein sehr stimmiges Bild ergibt.

Die Handlung selbst deckt alles ab, was man sich von einem Roman wie diesem erwartet: Viel Trauer und Traurigkeit aufgrund des bevorstehenden Todes von Rabbit, aber auch wachsender Zusammenhalt der Familie und Freunde in der schweren Zeit und damit einhergehend Hoffnung auf eine dennoch gute Zukunft. Dabei gelingt es der Autorin, so passend witzige Dialoge und Situationen einzubauen, dass man trotz des sehr berührenden Hintergrunds manchmal aus dem Lachen nicht mehr herauskommt. Es dreht sich aber längst nicht alles nur um das Sterben von Rabbit. Auch aus ihrer Vergangenheit mit dem jungen Johnny, ihrer großen Liebe, wird erzählt, sodass man sowohl sie als auch ihre Sehnsucht nach dem Mann besser verstehen kann. Teilweise sind diese Szenen etwas zu ausführlich geraten, sie geben aber auch einen guten Einblick in die gesamte Familienstruktur, die schon immer bestanden hat.

Natürlich wird es zum Ende hin noch dramatischer als sowieso schon. Hier wird aber niemals unnötig auf die Tränendrüse gedrückt, und auch das vorher von mir befürchtete Liebes-Chaos bei einigen Charakteren bleibt aus, was in der hier gegebenen Ausarbeitung sehr authentisch wirkt. Das Buch hält die gesamte Zeit über eine gute Balance zwischen der Schwere des Todes und der Lust am Leben, sodass die Ereignisse nie bedrückend werden. Keine Frage, Tränen lassen sich zum Schluss nicht zurückhalten. Aber es sind teilweise auch Tränen der Freude, was nur deutlicher macht, wie zauberhaft diese Geschichte eigentlich ist.

FAZIT
Anna McPartlin hat mit "Die letzten Tage von Rabbit Hayes" einen berührenden, traurigen, aber oft auch unheimlich witzigen Roman geschrieben, der nur so vor Liebe zum Leben strotzt. Die Figuren sind klasse ausgearbeitet und die Geschichte wird nie kitschig oder zu bedrückend. Von mir gibt es dafür sehr gute und verdiente 4,5 Punkte.



Titel: Die letzten Tage von Rabbit Hayes
Originaltitel: The Last Days of Rabbit Hayes
Autor: Anna McPartlin
Übersetzer: Christoph Göhler
Verlag: rororo 
Seitenzahl: 464 Seiten
ISBN-13: 978-3499269226


   Kommentare:

  1. Ach, bei dem englischen Originalcover hätte ich irgendwie auf ein Jojo Moyes-Buch getippt ;) Ich bin bei diesen "Krebs-Büchern" ja immer irgendwie skeptisch, so nach dem Motto "muss das sein?"
    Aber da du es gut findest und du ja auch nicht auf Kitsch etc stehst und schreibst, dass das Buch recht authentisch bleibt... joa, würde ich mir dann evtl auch mal näher anschauene :)

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    1. Da hast du nicht Unrecht - ist mir auch aufgefallen, als ich es eingefügt habe ;)
      Also ich habe nichts gegen Krebs-Bücher in dem Sinne, weil ich schon sehr viele sehr gute und unkitschige gelesen habe, aber der Markt wird da langsam schon stark überfüllt. Eben weil die so gut laufen.
      Hier lohnt sich ein zweiter Blick aber definitiv ;)

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  2. Hach, du bist wahrlich nicht die Erste, der das Buch so unglaublich gut gefällt. Vielleicht sollte ich nun wohl doch über meinen Schatten springen und mir das Buch mal auf die Wunschliste setzen, bisher bin ich ja eher erfolgreich daran vorbeigegangen... ;) Danke für den Tipp, die Rezension ermutigt auf jeden Fall zum Lesen!

    Liebste Grüße,
    Nazurka

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    1. Ich freue mich sehr, dich vielleicht nun endlich von dem Buch überzeugt zu haben - nicht nur innerhalb des Subgenres Krankheiten ist es aufgrund des Stils etwas ganz Besonderes. Solltest du es tatsächlich eines Tages lesen, wünsche ich dir genauso viel Freude an der Familie Hayes!

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  3. Hoi, Sonne.
    Ich würde vermuten, daß "Krebs" nur ein "Platzhalter" ist, wenn es um das Grundsätzlichste im Leben eines Menschen geht - den Tod. Wie Du richtig anmerkst geht es hier nicht mehr um den Kampf, sondern um das Loslaßen.

    Anmerkenswert, daß sich die Autorin in gleicher Intensität um alle Figuren, um die Familie eben, kümmert. Keine Platzhalter, die nur mal schnell durch die Küche laufen.

    Es spricht für das Können von Anna McPartlin, wenn sie die Balance durch den Roman zu halten versteht.

    Ansonsten...
    Am Mittwoch sollte Dich mein vorgezogener Beitrag zum "Tag des Buches" erreichen. Etwas heitere Lektüre! :-)

    bonté

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    1. Dass sich die Autorin wirklich auf alle Figuren konzentriert, fand ich hier wirklich besonders gelungen - ganz oft geht es ja fast ausschließlich um den Prozess des Akzeptierens des Sterbenden selbst, das wird hier eben ganz anders gemacht. Da hat die Autorin schon eine ziemliche Leistung erbracht, das kann man nicht anders sagen ;)

      Die Bücher haben mich übrigens tatsächlich schon letzte Woche erreicht und ich habe mich sehr gefreut - klingt ja sehr heiter. Vielen lieben Dank dafür!

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