Back Down to Earth

[Buchrezension] Pirate Cinema - Cory Doctorow

So saßen wir also zusammen, schlugen uns die Bäuche voll und sonnten uns in unserer eigenen Gerissenheit. Nach einem Jahr in London hatte ich nicht nur ein Zuhause und Freunde, sondern auch eine Bestimmung für mich gefunden. Ich war gerade erst siebzehn, doch ich hatte der Welt bereits mehr meinen Stempel aufgedrückt als meine Eltern und mir ein außergewöhnliches Leben erschlossen. Ich fühlte mich wie ein Gott; zumindest ein kleiner.
Natürlich war das genau der Punkt, an dem die Kacke so richtig zu dampfen anfing. 

INHALT
In nicht allzu ferner Zukunft wurden die Copyright-Gesetze in Großbritannien extrem verschärft - schon die kleinsten Verstöße können zur Folge haben, dass Internetzugänge abgeklemmt werden, obwohl diese mittlerweile lebenswichtig sind. Genau dies geschieht der Familie von Trent, weil er unerlaubt Videos aus verschiedenen Szenen von Filmen zusammen schneidet, etwas, das verboten ist. Um nicht mit der Schuld leben zu müssen, haut er nach London ab, wo er Gleichgesinnte trifft und mit diesen den Kampf gegen die von den großen Konzernen manipulierte Regierung aufnimmt. Doch das neuste Gesetz, das auch Minderjährige wegen Verstößen für lange Zeit ins Gefängnis bringen kann, schwebt drohend über ihnen und erschwert ihnen ihre Arbeit stark...

MEINE MEINUNG
Cory Doctorow ist nicht nur ein Autor, Journalist und Blogger, er ist auch ein bekannter Aktivist, der sich für den Datenschutz und die Abschaffung des Copyrights einsetzt. Kein Wunder also, dass sich sein neuer Roman "Pirate Cinema" mit genau diesem Thema auseinander setzt. Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Trent, einem Jugendlichen, der durch seine Videos mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Der Schreibstil ist naturgemäß locker und umgangssprachlich, wirkt insbesondere in den Dialogen, Briefen und Mails manchmal aber auch etwas holprig.

Trent ist ein Jugendlicher durch und durch: Egoistisch, naiv und unerfahren versucht er sich so durch zu schlagen, glaubt an die Rettung der Welt durch ein paar obdachlose Kids und sieht nur selten seine Fehler ein. Er ist ein bisschen jung und dumm, aber das sei ihm verziehen, denn er entwickelt sich im Laufe des Romans - wenn man auch nicht erwarten kann, dass er sich am Ende wie ein Erwachsener verhält. Seine Kumpels, mit denen er gemeinsam in der neuen Stadt wohnt, gefielen mir da insgesamt etwas gesagt besser. Vor allem Jem, der weiß was er will und nie um einen guten Rat verlegen ist. Auch Trents Schwester ist mit ihrer Einsicht und ihrer Treue der Familie gegenüber sympathisch, während die Eltern zwar stereotype Vorwürfe machen, aber auch sehr menschlich ihren Sohn vermissen. Die übrigen Figuren sind zwischenzeitlich etwas überzeichnet, aber insgesamt größtenteils sehr glaubwürdig.

So verhält es sich auch mit der Idee, die die Grundlage für Doctorows Roman bildet: Die Verschärfungen der Copyright-Gesetze sorgen einzig und allein für die Bereicherung der großen Konzerne und beschneiden dafür die Rechte der Bürger - Demokratie adé. Der Autor geht damit auf ein wichtiges Thema ein, insbesondere, wenn er beschreibt, wie sehr die Regierung von den Reichen und Schönen beeinflusst und korrumpiert wird. Für mich gab es da nur ein Problem: Dass ich Copyright-Verletzungen, jedenfalls in dem Maße, in dem sie hier von den Protagonisten betrieben werden, nämlich sehr wohl als strafbar ansehe. Künstlerische Werke sind nun einmal geistiges Eigentum und da ist es völlig logisch, dass sie nicht ohne Genehmigung und das Zahlen eines gewissen Preises weiter verwendet werden dürfen. In dieser Hinsicht konnte ich den Ausführungen also einfach nicht zustimmen und fand manche Äußerungen und Taten absolut unverständlich.

Nichtsdestotrotz ist der Kampf gegen die unverhältnismäßigen Strafen ein interessanter, der auch von Fehlern und Rückschlägen geprägt ist. Nicht alle Pläne, die Trent und seine Gruppe sich zurecht legen, funktionieren reibungslos, stattdessen kommt ihre Arbeit insgesamt nur schrittweise voran. Dadurch gibt es zwischenzeitlich langatmige Passagen, aber auch immer wieder gut recherchierte und spannende Szenen, in denen aktiv etwas gegen die Beschneidungen des Volkes getan wird. Letztendlich wird auch eine gute, glaubwürdige und vor allem nicht zu schnelle Lösung gefunden, die realistisch und sinnig ist. Schlussendlich ist dann natürlich noch nicht alles perfekt, stattdessen wartet noch ein längerer Weg auf den Protagonisten - diesen kann man ihn aber mit sicherem Gefühl allein beschreiten lassen.

FAZIT
Man merkt "Pirate Cinema" an, wie wichtig das darin behandelte Thema dem Autoren Cory Doctorow ist, und damit schießt der Aktivist und Blogger auch manchmal über das Ziel hinaus - für mich jedenfalls, die nicht in allen Belangen seiner Meinung ist. Dennoch wird deutlich, wie sorgfältig hier recherchiert wurde, wodurch ein origineller und glaubwürdiger Roman entstanden ist. 3 Punkte von mir.



Titel: Pirate Cinema
Originaltitel: Pirate Cinema
Autor: Cory Doctorow
Übersetzer: Oliver Plaschka
Verlag: Heyne fliegt
Seitenzahl: 512 Seiten
ISBN-13: 9783453267534



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