Back Down to Earth

[Buchrezension] Atemnot - Ilsa J. Bick

Das hier war Dr. Kirby, mein Patenonkel. Unser Freund.
Ich habe mich also nicht gewehrt. Aber ich habe Nein gesagt und angefangen zu heulen. Das hätte eigentlich reichen sollen - es hätte überhaupt nie dazu kommen sollen -, aber es hat nicht gereicht. Dr. Kirby fummelte an meiner Bluse rum, rammte sein Knie zwischen meine Beine und drückte sie auseinander. Von meiner Bluse sprang ein Knopf ab, dann noch einer und noch einer. Ich rüttelte an seiner Schulter und sagte Nein, Dr. Kirby, nein, nein, nein...
"Hey!"
Dr. Kirby zuckte zusammen. 
Ich sah durch einen Tränenschleier über seine Schulter - und wollte bloß noch sterben.
Denn da stand - na, wer wohl? - Mr. Anderson.

INHALT
Die 16-jährige Jenna sitzt in einem Verhörzimmer bei der Polizei, nass und durchgefroren, erschüttert bis ins Mark und unendlich traurig. Wie konnte es dazu kommen? Auf eine Aufforderung hin erzählt sie ihre Geschichte - eine Geschichte, die mit kaputten Familien, kaputten Ehen und kaputten Menschen zu tun hat. Der einzige Lichtblick darin ist ihr Lehrer Mr. Anderson, der ihr zu helfen versucht. Doch immer wieder drängen sich große Probleme in den Vordergrund, reißen Jenna mit in einen Abgrund und lassen sie kaum jemals Luft holen. Es ist eine Geschichte voller Leid und Schmerz, die sie sich endlich von der Seele reden muss.

MEINE MEINUNG
Ilsa J. Bick wird vielen Lesern aufgrund ihrer Horror-Endzeit-Reihe "Ashes" ein Begriff sein. Mit "Atemnot" wagt sie sich nun jedoch in ein denkbar anderes Genre hinein: Denn es ist zwar ebenso ein Jugendbuch, es kommen jedoch keine phantastischen Elemente vor; stattdessen geht es um das Leben eines Mädchens, das immer und immer wieder von äußeren Umständen zerstört wird. Erzählt wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive der Protagonistin, die dabei des Öfteren einen "Bob" [den Polizisten] mit "du" anspricht, weshalb sich auch der Leser viel näher an dem Ganzen dran fühlt.

Jenna hat es bisher wirklich nicht leicht gehabt: Ein Feuer in ihrer Kindheit hat bei ihr sowohl psychische als auch physische Narben hinterlassen; ihr Großvater erkennt sie nicht mehr, behandelt sie aber wie ein Lustobjekt; und ihre Eltern schreien sich fast pausenlos an. Kein Wunder also, dass dieses Mädchen ziemlich kaputt ist. Sie denkt viel an Selbstverletzung, läuft weg, wenn es ihr zu ernst wird und stößt die Menschen immer wieder von sich. Aufgrund ihres harten Lebens kann man das jedoch immer nachvollziehen. Ihr Lehrer Mr. Anderson ist von Anfang an ein Sympathieträger, weil er sich so gut um sie kümmert, und versucht, ihr auf jede erdenkliche Weise zu helfen. Er ist zwar definitiv nicht perfekt, denn auch er macht Fehler, indem er beispielsweise lügt, weil er glaubt, andere damit zu beschützen - doch seine liebevolle Art macht es unmöglich, ihn nicht zu mögen. Die Nebenfiguren wirken anfangs ein wenig klischeehaft, entpuppen sich dann jedoch oft als anders als gedacht - so zum Beispiel Jennas Eltern, die man gleichzeitig verachtet und irgendwo doch auch versteht.

Die gesamte Story ist äußerst bedrückend und traurig stimmend, weil man als Leser weiß, dass Jenna das, was ihr widerfährt, nicht verdient hat. Weder die Ignoranz ihrer Eltern, noch die Verachtung ihrer Mitschüler, noch die Annäherungen ihres Großvaters. Da ist es für einen eine regelrechte Erleichterung, zu sehen, wie sie in der Gesellschaft von Mr. Anderson aufblüht, wie er sie zum Lachen bringt und auch dazu, wieder Spaß am Laufen zu haben, das ihr früher immer ein Gefühl von Freiheit gegeben hat. Die beiden kommen sich sehr langsam näher, lernen sich kennen und mögen, aber dies alles geschieht auf eine glaubwürdige Art, die auch dem Leser Zeit lässt, die Chemie zwischen ihnen zu entdecken. Doch es gibt es auch viel Unausgesprochenes; Geheimnisse und Lügen machen eine auf Vertrauen basierende Beziehung schwer, was immer wieder in mittleren Katastrophen endet.

So bleibt der gesamte Roman, bis auf ein paar Längen im Mittelteil, durchgehend spannend. Man muss einfach wissen, ob Jenna und Mr. Anderson ihr Glück finden; ob Jenna es endlich schafft, aus sich herauszugehen und sich auch so anzunehmen, wie sie ist. Und ebenso geht es natürlich um die Frage, was genau sie nun auf das Polizeirevier geführt hat und was ihre Andeutungen zu bedeuten haben. Zugegeben, am Ende wurde mir das Ganze doch ein bisschen sehr viel Drama auf einmal, denn die Autorin scheint Jenna ein gutes Ende nicht so recht zu gönnen, gleichzeitig ist es dem Leser aber so auch während der letzten 100 Seiten nicht möglich, richtig Luft zu holen, weil sich die Geschehnisse so rasant abspielen. Der Schluss ist nicht unerwartet, aber dennoch sehr berührend und irgendwo auch ein wenig offen, weil man nicht genau erfährt, ob die Protagonistin tut, was sie ankündigt, oder doch unterbrochen wird. So wird einem die Möglichkeit geboten, sich allerlei Szenarios auszumalen und das Ganze im Kopf noch selbst weiterzuspinnen.

FAZIT
"Atemnot" ist Ilsa J. Bicks neuer Roman, der intensiv, bedrückend und mitreißend von einem Leben erzählt, das man selbst so definitiv nicht führen will. Er ist ein bisschen Coming-of-Age, ein bisschen Liebesgeschichte, ein bisschen Drama und ein bisschen Thriller, und das alles zusammen ergibt eine Mischung, die wunderbar funktioniert. Ein Werk, das überaus nachdenklich stimmt und erst einmal nicht loslässt. Sehr gute 4 Punkte.



Titel: Atemnot
Originaltitel: Drowning Instinct
Autor: Ilsa J. Bick
Übersetzer: Anke C. Burger
Verlag: Egmont INK
Seitenzahl: 352 Seiten
ISBN-13: 9783863960643



   Kommentare:

  1. Juchhu! Jetzt bin ich richtig zufrieden :) Deine Bewertung ist sehr positiv ausgefallen und jetzt klopfe ich mir mal auf die Schulter :D

    Schreibe dir jetzt noch mal bei FB, weil mir dazu noch ein bisschen was eingefallen ist.
    Aber Fakt ist: Sehr schön geschrieben & zusammen gefasst! <3

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    1. Hast mich ja auch genug gehetzt, nur wegen dir hab ich mich so beeilt :D Aber du hattest ja Recht, es war und ist ja gut!

      Danke dir ;)

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  2. Grüß Dich, Sonne.
    Ich denke kein Kind verdient die kleinen wie großen Grausamkeiten, die Menschen an einander begehen. Reicht es doch schon wenn das, so beschworene, Schicksal erbarmungslos zuschlägt.

    Daß die Autorin dem Ende kein endgültiges Siegel aufdrückt, erscheint mir ehrlich - weil wir alle ja nicht abzusehen vermögen was uns das kommende Leben bringt.

    Inhaltlich ein beeindruckendes Cover - das tatsächlich einmal beibehalten wurde! :-)

    bonté

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    1. Natürlich, kein Kind und allgemein auch kein Mensch hat so etwas normal verdient. Ich wollte damit nur verdeutlichen, dass Jenna wirklich von Anfang an kein leichtes Leben hatte, weshalb auch die späteren Schicksalsschläge einen so mitnahmen.

      Und genau das hat mir hier auch so gefallen - dass das Ganze zwar abgeschlossen, aber doch nicht in allen Belangen aufgelöst ist. Denn wie du schon sagst, das Leben läuft nicht immer wie man sich das denkt.

      Das Cover gefällt mir natürlich auch sehr ;) Passt vor allem grandios zum Schluss.

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