Back Down to Earth

[Laberparade] Was ich dich träumen lasse - Franziska Moll

"Das mit der Musik ist schon ein guter Anfang."
"Ich hab noch sein Lieblingsbuch dabei."
"Nur zu." Sie lächelt mich an. "So, jetzt ist er erst mal frisch gewaschen. Da fühlt er sich sicher schon wohler."
Ja?
Ja.
Er fühlt. 
Ich sehe ihr nach, als sie den Raum verlässt. Dann sind nur noch wir da. Rico. Ich. Die Playlist. Peter Fox. Das Haus am See. Alter Hut, aber immer noch sein Lieblingssong. Orangenbaumblätter.
Hundert Enkel.
Kaum erwarten.

INHALT
Elena und Rico sind ein Traumpaar wie es im Buche steht - ein Herz und eine Seele, könnte man auch sagen. Doch eines Tages hat Rico einen schweren Unfall und liegt daraufhin im Koma. Elena ist für ihn da, versucht ihn jeden Tag wieder ins Leben zurückzuholen. Denn er ist ihr Halt. Doch sein Aufwachen wird mit der Zeit immer unwahrscheinlicher. Als sie beim Aufräumen eine Liste mit Dingen findet, die Rico vor seinem Tod erledigen wollte, versucht sie, ihn damit zu erreichen.

MEINE MEINUNG

SCHREIBSTIL
Elena ist eine schwierige Figur, weshalb auch ihre Art zu erzählen ungewöhnlich ist. In kurzen, prägnanten und sehr abgehackten Sätzen verleiht sie ihren Gefühlen, vor allem aber dem Schmerz angesichts des Schicksals ihres Freundes, Ausdruck. Die meiste Zeit erzählt sie im Präsens von ihren Versuchen, Rico zu wecken, dazwischen gibt es jedoch auch einzelne Abschnitte, die ihre Beziehung beleuchten - und in diesen verändert sich auch der Stil, wird lockerer und fließender. Immer wieder sind an passenden Stellen auch Dialoge zwischen einzelnen Figuren zu lesen, die bestimmte Sichtweisen näher beleuchten. Franziska Molls Art zu schreiben ist anders, manchmal auch etwas zu gewollt, überwiegend aber flüssig und schnell zu lesen.

CHARAKTERE
Elena hat keine einfache Vergangenheit gehabt, und dementsprechend verhält sie sich auch. Zu Beginn ihrer Zeit mit Rico verhält sie sich abweisend, regelrecht unfreundlich, und nachdem sie während der Beziehung aufgeblüht ist, verfällt sie nach dem Unfall wieder in alte Muster. Insgesamt scheint es ein wenig, als seien die Rollen bei Rico und ihr vertauscht: Er ist der Romantiker, der Liebevolle, ja, schon Kitschige, während sie, pragmatisch und kühl, sich keine Gedanken macht, wie es mal weitergehen wird. Das ist zwar mal etwas anderes, allerdings kam mir Rico dafür wieder so weich und mädchenhaft vor, dass ich ihn kaum ernst nehmen konnte. Interessant ist jedoch vor allem der Pfleger Tim, der mit seinen unpassenden Kommentaren und seiner Kaltherzigkeit zwar unsympathisch ist - aber irgendwie auch hilfreich, auf seine Weise.

STORY
Hier schlägt das Schicksal zu - oder auch die eigene Unachtsamkeit: Rico läuft, grade in dem Moment, in dem er und Elena so glücklich sind, vor einen LKW. Und landet im Koma. Ein Szenario, das bedrückt und das Herz schwer werden lässt, besonders, als Elena und vor allem ihre sowieso schon labile Mutter dadurch ihren Halt zu verlieren drohen. Dieser kann, so erscheint es dem Mädchen, nur wiedergefunden werden, wenn sie die Liste abarbeitet, die Rico angelegt hatte: Eine Liste von Dingen, die er vor seinem Tod tun will. Genau das ist es leider auch, was den ganzen Roman so stark in die Klischees abrutschen lässt. Listen mit Wünschen und guten Vorsätzen kennt man zur Genüge aus Büchern, und ebenso auch, dass diese letztendlich von anderen Personen erfüllt werden. Und grade diese gähnende Langeweile durch meiner Meinung nach völlige Einfallslosigkeit, um die Seiten zu füllen, machte es mir so schwer, in das Buch herein zu finden.

UMSETZUNG
Elena macht es einem leider nicht leichter, sich in die Geschichte fallen zu lassen, weil sie sich oftmals unausstehlich benimmt, aber ihr Verhalten kann man grade noch mit dem schweren Schicksalsschlag entschuldigen. Nicht entschuldbar ist jedoch, dass Franziska Moll sich mehr oder weniger auf ihre traurige Ausgangssituation zu verlassen scheint und den Überraschungen, den Aspekten, die einen dabei behalten, keine Wichtigkeit beimisst. So ist das Ganze eine eher träge Abarbeitung der Liste mit zwischenzeitlichen Rückblicken auf die Beziehung, die wieder nur zeigen, wie gemein Elena ist und wie seltsam kitschig Rico. Der Ausgang ist dabei leider auch gesetzt - und ja, er ist gefühlvoll und doch auch berührend geschrieben, aber mitreißender wäre das Ganze gewesen, wenn ich auch davor schon einmal etwas für die Figuren gefühlt hätte.

FAZIT
Ich hatte bei "Was ich dich träumen lasse" irgendwie das Gefühl, dass die Autorin mehr Wert auf die Traurigkeit ihres Szenarios legt als darauf, eine gute Geschichte zu erzählen. Neues gibt es nicht viel und auf den 250 Seiten können sich Charaktere nicht wirklich entfalten. Schade um den ansprechenden Stil. Gute 2,5 Punkte von mir.



Titel: Was ich dich träumen lasse

Originaltitel: -
Autor: Franziska Moll
Übersetzer: -
Verlag: Loewe
Seitenzahl: 256 Seiten
ISBN-13: 978-3785578452



   Kommentare:

  1. Und ich dachte schon, ich wäre die Einzige, der dieses Buch leider kaum etwas geben konnte. Deinem Fazit stimme ich voll und ganz zu.

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  2. Puh, na dann bin ich doch ganz froh, dass ich nachdem ich es ertauscht hatte, dann wieder ungelesen weggegeben habe. Hatte die Meinung von Cherry gelesen und deine bestärkt mich nun endgültig darin, dass es eine gute Idee war.

    Liebe Grüße,
    Tina

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  3. @Cherry:
    Ich hätte in der Tat auch nicht gedacht, dass ich jemanden finde, der das so sieht wie ich, es scheinen ja alle unglaublich begeistert!
    Danke für deinen Kommentar ;)

    @Tina:
    Es hätte dir natürlich anders ergehen können - aber ich bezweifle es eher. Elena ist schon eine sehr gefühlskalte Person, der man wenig abgewinnen kann. Ich denke nicht, dass es dein Buch gewesen wäre - insbesondere, da du ja auch "Tanz auf Glas" und "Ein ganzes halbes jahr" gelesen hast, Meisterwerke der Erzählkunst. Dagegen ist das hier maximal ein feiner Windhauch.

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