Back Down to Earth

[Buchrezension] Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte - Jessica Park

Matt stellte seine Umhängetasche auf den Barhocker neben sich und setzte sich an die Küchentheke. Er starrte den Teller vor sich an. "Was ist das?"
"Das ist eine gastronomische Darstellung von Die Katze auf dem heißen Blechdach." Julie stemmte die Hände in die Seiten. "Siehst du's denn nicht? Es geht um die Suche nach der sexuellen Identität, wofür die beiden phallischen Formen eindeutig ein Beleg sind."
Matt sah sie verständnislos an. "Wovon redest du?"
"Wovon redest du? Das sind Cannelloni, du Blindgänger. Wofür hältst du es denn?"

INHALT
Julie ist frisch nach ihrem Auszug von zuhause in Boston angekommen, wo sie studieren möchte, und macht gleich Bekanntschaft mit ihrem ersten Problem: Die Wohnung, die sie beziehen wollte, gibt es gar nicht! Rettung naht durch eine befreundete Familie ihrer Mutter, bei der sie vorübergehend einquartiert wird. Kost und Logis sind frei, wenn sie dafür auf Celeste aufpasst - Celeste, ein dreizehnjähriges Mädchen, das eine Pappfigur seines Bruders Finn mit sich herum trägt. Julie findet das zwar seltsam, aber nicht seltsam genug, um das Angebot auszuschlagen. Außerdem sieht Finn gar nicht mal schlecht aus. Und als er beginnt, ihr Mails zu schreiben, spielen ihre Gefühle verrückt...

MEINE MEINUNG
"Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte" wird, entgegen der aufkommenden Vermutung aufgrund des Titels, aus der 3. Person von Julie erzählt und nicht aus der Ich-Perspektive. Das ist ungewöhnlich für Contemporary-Romane, passt zu der Figur jedoch sehr gut. Der Stil ist leicht und auch an den ernsteren Stellen flüssig zu lesen. Es wird schnell klar, warum der Roman im Original ein ebook-Bestseller wurde, denn Humor und nette Szenen sind vorhanden - mir fehlte hier jedoch etwas.

Julie ist eigentlich eine sympathische und zum Identifizieren geeignete Protagonistin - insbesondere ihr Sarkasmus und ihre schlagfertigen Antworten gefallen sehr. Sie ist hilfsbereit und setzt sich für die Menschen ein, die ihr am Herzen liegen, ist aber gleichzeitig auch recht oberflächlich. Gutes Aussehen ist ihr wichtig, ebenso ihrer Meinung nach angemessene Kleidung, weshalb sie Menschen, die ihrem Bild nicht entsprechend, gerne in Schubladen steckt. Das macht sie zum Beispiel mit Matt, Finns Bruder. Dieser ist ein freundlicher, liebevoller Zeitgenosse mit einigen nerdigen Eigenschaften, die sie ihm pausenlos unter die Nase reibt, obwohl ich für meinen Teil sie zum Beispiel wenig schlimm fand. Besonders im Anbetracht der Tatsache, dass Julie von sich selbst erzählt, dass sie gerne lernt...Celeste ist, so viel ist klar, die spannendste Persönlichkeit des Romans. Sie hat ihre Marotten, spricht zum Beispiel sehr gehoben, und ist nicht ganz einfach, aber mit ihrer ehrlichen Art und ihrer Menschenkenntnis schleicht sie sich schnell ins Herz des Lesers.

An manchen Stellen geht der Roman auch abgesehen von dem schrulligen Mädchen durchaus in die Tiefe - es geht um Freundschaft und Familie, Freude und Verlust. Julie gelingt es auf langsame, aber wirksame Weise, nicht nur Celeste sondern auch den anderen mit ihrer eigenwilligen Art zu helfen. Das Ganze hätte jedoch weitaus mehr sein können, hätte die Autorin nicht auf so klischeehafte Weise einen Plot-Twist verarbeiten wollen, der in keinster Weise überraschen kann. Und auch der Mail-Austausch zwischen zwei Personen, die sich nicht kennen, konnte mich weniger begeistern, weil ich persönlich einfach kein Fan dieses Stilmittels bin, genauso wenig wie von Chat-Nachrichten. Und die oft Kapitel einleitenden Postings der Hauptfiguren auf Facebook sind zwar sehr witzig, haben jedoch leider keinen Bezug zum Inhalt.

Schade ist auch, dass sich die Liebesgeschichte für mich nicht ganz nachvollziehbar entwickelt. Julie weiß lange Zeit nicht, was sie eigentlich will und daher kommt ihre Wandlung sowie das Eingestehen ihrer Gefühle dann doch recht plötzlich. Ansonsten jedoch gibt es immer wieder äußerst unterhaltsame Streitgespräche und urkomische Situationen, genauso wie ernste Szenen, die durchaus zu berühren wissen - vor allem, wenn es um einzelne Schicksale geht, die einem so bisher noch gar nicht klar waren. Die letzten 80 Seiten des Buches haben mich mehr überzeugen können als der gesamte Roman zuvor, weil hier endlich die versprochene Originalität durchkommt. Schade, dass das nicht schon früher passiert ist.

FAZIT
"Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte" besitzt einige äußerst spannende Charaktere, die zu begeistern wissen - leider ist die Protagonistin selbst einigermaßen oberflächlich, wodurch auch die Geschichte ein wenig in Stereotypen versackt. Erst der Schluss wird wieder richtig gut. Dafür gibt es sehr knappe 3,5 Punkte von mir.



Titel: Im freien Fall oder wie ich mich in eine Pappfigur verliebte
Originaltitel: Flat-Out Love
Autor: Jessica Park
Übersetzer: Bea Reiter
Verlag: Loewe
Seitenzahl: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3785578674


   Kommentare:

  1. Happy sun, Sonne.
    Ob es an der gern zitierten "amerikanischen Oberflächlichkeit" liegt, daß Julie der Art gestrickt ist?!
    Schein mehr wert als das Ich-Sein...
    Fast kann ich mir nicht vorstellen, daß alle so gestrickt sein können.

    Gut, vermutlich wäre ich im WASP-Mileu eh gleich ein nerdiger Einzelgänger. ;-)

    Schade, daß sich die Autorin nicht um die Klippe herum bewegen konnte!

    bonté

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  2. @RoM:
    Man soll ja nicht verallgemeinern - aber wo mehr Menschen sind, ist auch mehr Oberflächlichkeit, und wenn grade die Autorin das als Eigenschaft ist, ist es insofern sehr gut möglich ;) So oder so hatte ich das Gefühl, dass sie des Öfteren versucht, daraus auszubrechen, dass ihr dies jedoch nicht so recht gelang...
    Und an nerdigen Einzelgängern ist doch gar nichts Schlimmes ;)

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  3. Huhu Sonne :),

    ich finde es verdammt beruhigend, dass ich nicht die einzige bin, die dieser Roman nicht so umgehauen hat. Bei Lovelybooks hat er ja 4,5 Sterne im Durchschnitt, aber mehr als 3,5 sind es bei mir auch nicht geworden.

    Mit Julie ging es mir wie dir. Einerseits ist sie ja wegen ihrer schlagfertigen Antworten, ihres Humors und ihrer Vorliebe fürs Lernen recht sympathisch (Letzteres ist ja auch mal eine ungewöhnliche Eigenschaft für die Hauptfigur eines Jugendbuchs), aber ich hab mich auch sehr an ihrer Oberflächlichkeit und ihrem Schubladendenken gestört, das für mich irgendwie nicht zum Rest ihres Charakters gepasst hat. Manchmal kam es mir vor, als hätte die Autorin selbst nicht so ganz gewusst, was für eine Hauptfigur sie haben will.
    Mich hat es auch gestört, dass Julie sich in alles einmischt und irgendwie meint, alles am besten zu wissen.

    Matt fand ich dagegen auch sympathisch und Celeste mit ihrer schrulligen Art sowieso ;).

    Die "groooße" Überraschung am Ende konnte mich auch kein bisschen überraschen. Irgendwie war das doch schon im zweiten Kapitel klar.

    Ich fand die meisten von den Facebookposts total sinnlos. Viele waren nicht witzig und zum Inhalt haben sie auch nicht gepasst.

    Mir ging es genauso: Das Ende hat mich am meisten überzeugt.
    Aus dem Buch hätte echt mehr werden können; dads Potenzial war vorhanden.

    Liebe Grüße :)
    Charlie

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