Back Down to Earth

[Buchrezension] Greatcoats: Blutrecht - Sebastien de Castell

"Bringst du mich jetzt um? Ich glaubte, ihr Lumpenmäntel würdet so etwas nicht tun, solange es eine andere Möglichkeit gibt", ächzte der Wächter und hielt sich das gebrochene Knie.
"Nein, ich werde dich nicht..."
Eine Rapierspitze bohrte sich in sein rechtes Ohr. Ich riss die Klinge hoch und erkannte erst dann, dass das Mädchen das getan hatte. Sie hatte die nutzlose Pistole weggeworfen, mein zu Boden gefallenes Rapier aufgenommen und es dem Mann in den Kopf gerammt.
Völlig unbewegt zog sie die Klinge wieder heraus, wischte das Blut am Gesicht des Wächters ab und reichte mir das Rapier mit dem Griff zuerst. 
"Wir sollten laufen", sagte Aline.

INHALT
Einst wurden sie verehrt und geliebt: Die Greatcoats, die dem Volk im Namen des Königs Gerechtigkeit brachten und die Schwachen beschützten. Aber der König wurde ermordet, und seine Kämpfer haben tatenlos zugesehen - weshalb sie seitdem als Verräter gelten, als Feiglinge, als "Lumpenmäntel". Falcio val Mond jedoch möchte das ändern, will die Greatcoats wieder zu altem Ruhm zurückführen. Seine Mission ist gefährlich und möglicherweise tödlich, aber er weiß, dass er das seinem König und seinen Gefährten schuldig ist...

MEINE MEINUNG
Sebastien de Castells "Blutrecht" ist High Fantasy vom Feinsten - mit einem männlichen Protagonisten, der aus der Ich-Perspektive und in leicht schnoddriger, aber detailreicher Sprache die blutigen, traurigen, erschreckenden Ereignisse erzählt. Dabei ist der Ton allerdings dennoch leicht, gar immer mal wieder humorvoll, und so wird der Leser so nicht mit der durch die grausamen Begebenheiten oft recht düsteren Grundstimmung erdrückt. Die meiste Zeit spielt der Roman in der Gegenwart der kreierten Welt, zwischenzeitlich wird jedoch auch in die Vergangenheit des Protagonisten geblickt.

Dieser heißt Falcio und ist der Erste Kantor der Greatcoats, derjenige, der zu Zeiten des Königs die Befehle geben durfte. Doch seitdem alles auseinander gebrochen ist, fühlt er sich schuldig und als hätte er bei allem versagt - bei dem König ebenso wie bei einer geliebten Person in der Vergangenheit. Daher ist er umso entschlossener, seine frühere Truppe wieder zu altem Ruhm zu führen. Sein Dickkopf macht ihn sehr sympathisch, und grade seine Fehler und falschen Entscheidungen lassen ihn so menschlich wirken. Und auch die Nebencharaktere können selbst dann überzeugen, wenn sie nicht einmal die Hälfte des Romans vorkommen. Da ist Kest, sein bester Freund und Fechtmeister erster Güte, der jedoch wenig von Gefühlen versteht, oder auch Brasti, ein weiterer Gefährte, der sich locker gibt, aber eine schwelende Wut in sich trägt. Ob es nun alte Bekannte oder neue Freunde und Feinde sind - die Figuren sind derartig gut entwickelt, dass es einem schwer fällt, sich wieder von ihnen zu trennen [und sei es auch nur, weil man sie tot sehen möchte].

Auch das Worldbuilding ist Sebastien de Castell außerordentlich gut gelungen - genau das, was ich von High Fantasy erwarte. Die magischen Aspekte werden hier übrigens äußerst klein gehalten, das Erschaffene ist in seiner Art jedoch so komplex und unterscheidet sich in den Details so fantasievoll von anderem Gelesenen, dass sich Fans des Genres hier sicherlich wohl fühlen werden. Schon nach kurzer Zeit kann man sich aufgrund der bildreichen und authentischen Beschreibungen kaum noch von der Geschichte losreißen. Das bedeutet jedoch auch, dass die grausamen Szenen in Einzelheiten beschrieben werden - die Fechtkämpfe, die Prügeleien und auch die Folterungen. Es ist nicht so blutig, wie man das erwarten könnte, aber manche Szenen erfordern doch durchaus einen gefestigten Magen. Dagegen werden Romantik Suchende hier nicht auf ihre Kosten kommen, denn diese bleibt fast komplett aus, etwas, das sehr erfrischend wirkt.

Faszinierend an dem Roman ist vor allem die Art, wie die vielen Probleme gelöst werden, an die Falcio - zeitweilig auch durch seine eigene Unbedachtheit und Impulsivität, die ihn immer wieder überkommen - gerät. Nicht immer funktioniert alles so, wie er sich das vorstellt, er hat jedoch einige Tricks auf Lager, die nicht nur originell sind, sondern auch immer wieder überraschen; genauso wie sein taktisches Vorgehen, mit dem er auch schwere Gegner besiegen kann. Bis zum Ende bleibt das Ganze so absolut spannend und lässt einen kaum zu Atem kommen, auch wegen der vielen Geheimnisse, von denen nicht viele aufgedeckt werden. Diese Geheimniskrämerei wirkt zwischenzeitlich fast schon übertrieben, sorgt jedoch auch dafür, dass man nach dem Ende schnellstmöglich weiterlesen möchte - und ist daher nur ein kleiner Kritikpunkt.

FAZIT
Sebastien de Castell hat in "Blutrecht" eine faszinierende Welt geschaffen, die mit den gut ausgearbeiteten Charakteren, der spannenden Geschichte und den vielen Wendungen begeistert. Fans des High Fantasy-Genres sei dieser Roman unbedingt ans Herz gelegt! 5 Punkte.


Titel: Blutrecht
Originaltitel: Traitor's Blade
Reihe: Greatcoats
Autor: Sebastien de Castell
Übersetzer: Andreas Decker
Verlag: Piper
Seitenzahl: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3492703215

   Kommentare:

  1. Ah da ist sie, die Rezension auf die ich schon gewartet habe. Und ich kann dir bei allem nur zustimmen! Falcios tolle Erzählstimme, aber auch die Nebenfiguren formen diese wunderbar spannende Geschichte. Freu mich schon total auf Band 2 und hoffe, es wird noch viele Fans finden!

    Liebe Grüße,
    Tina

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  2. Konnichiwa, Sonne.
    Das liebe Schuljahr windet sich durch die letzten paar Wochen. Zeit für kleine Prisen sentimentaler Rückblicke?
    Ok, ich war selber mal "Schööler" - hier geht der Blick durchweg gen Ferien. Pläne schmieden! Jawohl.

    Wie ich zuletzt in Deinen Kommentaren las bist Du dem Ballgetrete teutonischer Waden nicht abgeneigt. Demnach also Event heute Abend... :-)
    Obschon man/frau mich mit Sport jagen kann - eine feines Spiel!*

    Pistolen, Rapiere & flatternde Umhänge. Gilt im Roman ein kleine wenig Musketier-Feeling?
    Gut, bei Dumas kamen Gewalt & Tod auf etwas leichteren Schultern daher. Also eher ein Fecht-Noir!?

    Apropos.
    Wie kam 'Brick' bei Dir an?

    Ich nerve heute wieder mit Fragen...

    Alfonso Cuaron hat für SF-Stoffe
    ein edles Händchen. Yep, inzwischen habe auch ich 'Gravity' gesehen! Tres bien.

    Merci noch für Deinen reichen Blog.

    bonté

    *und kein müdes Gestolpere über die eigenen Schienbeinschoner :-)

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