Back Down to Earth

[Buchrezension] Das Los - Tibor Rode

Sie öffnete die massive Tür des Badezimmers und betrat das Wohnzimmer. Der Teppich bestand, untypisch für Hotels, aus groben Knoten, die beim Gehen angenehm ihre Fußsohlen massierten. Musik hallte durch den Raum. Der Fernseher lief. Hatte sie ihn angelassen, bevor sie duschen gegangen war? Auf der Suche nach der Fernbedienung ließ sie ihren Blick suchend über das Sofa, den Glastisch und einen Sessel schweifen.
Plötzlich blieb sie wie erstarrt stehen.
In dem Sessel vor den zugezogenen Gardinen saß ein Mann.

INHALT
Vier Personen in verschiedenen Teilen der Welt erhalten dasselbe Angebot von einem Mönch: Sie dürfen an einer Lotterie teilnehmen, bei der es einen Preis von unermesslichem Wert zu gewinnen gibt. Der Einsatz ist dafür jedoch ihr gesamter Besitz. Alle vier Personen haben allerdings ihre Gründe, daran teilzunehmen, daher ist die Versuchung groß. Dann geschieht ein Mord, und ist klar, dass irgendjemand die Ausschüttung des Gewinns verhindern will...

MEINE MEINUNG
Tibor Rode nimmt sich in "Das Los" der Geschichte der Lotterie an, die auch in Wirklichkeit im 18. jahrhundert entstand [wenn auch einige Jahrzehnte früher], und spinnt diese weiter. Mit einer kleinen Portion Historie und einem etwas größeren Anteil Thriller entsteht daraus eine recht interessante Story. Erzählt wird diese hauptsächlich aus fünf Sichten - der Lotterie-Teilnehmer sowie des Erfinders derer, zwischenzeitlich kommen jedoch auch noch andere Nebenfiguren zu Wort. Das Ganze ist schnell und flüssig zu lesen, wirkt aber des Öfteren auch etwas trocken.

Durch die vielen Sichtwechsel gelingt es einem relativ schlecht, sich richtig auf die Charaktere einzulassen. Am Originellsten sind noch die Pokerspielerin Trisha sowie der Gefängnisinsasse Henri, wie die übrigen aber auch wirken sie nicht komplett durchdacht. Henri beispielsweise gibt sich selbst als harten Hund, der im Gefängnis das Sagen hat, bei Trisha jedoch kommt er als freundlich und regelrecht liebevoll an, was nicht wirklich zusammenpassen mag. Der Inder Pradeep hat ein trauriges Schicksal, ansonsten ist sein Hintergrund jedoch überwiegend klischeehaft, und der reiche Carter Fields ist ein arroganter reicher Mann wie man es gewohnt ist. Hier wird sich weniger auf Originalität verstanden als auf Stereotypen gesetzt. Einzig und allein der Italiener Calzabigi, der in der Vergangenheit eben jenes Lottospiel, um das es geht, ins Leben rief, wirkt glaubwürdig und hat viele Ecken und Kanten.

Leider sind es trotzdem insbesondere die Kapitel, die zu dieser Zeit spielen, die die größte Frustration bei einem auslösen. Ich zumindest hatte oftmals das Gefühl, dass die Geschichte gut und gerne um 200 Seiten hätte gekürzt werden können. Die Intrigen, die gegen Calzabigi gesponnen werden oder die er selbst zu verantworten hat, sind ebenso unwichtig für den Verlauf wie das ewige Hin und Her mit seiner Angebeteten Marie. Tibor Rode hat einfach zu viel zu erzählen, dafür, dass das Ganze ein Thriller und insofern also packend und eher kurzweilig sein soll. Stattdessen ist bereits am Anfang klar, wer für die Morde bzw. Mordversuche verantwortlich ist, und insofern ist das einzig Interessante, zu erfahren, wer letztendlich der Gewinner der Lotterie sein wird und woraus nun der Preis besteht. Und das reicht nicht für einen 600-Seiten-Roman.

FAZIT
"Das Los" will zu viel und erzählt so viele Geschichten, dass das Buch bald überfüllt wirkt. Die einzelnen Figuren hätten bei näherer Ausarbeitung authentisch sein können, aufgrund der vielen Sichten bleiben sie jedoch fast alle blass. Und Spannung sucht man an vielen Stellen leider auch vergebens. Für Freunde von ruhigeren Thrillern aber vielleicht das Richtige. Gute 2,5 Punkte.



Titel: Das Los
Originaltitel: -
Autor: Tibor Rode
Übersetzer: -
Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 640 Seiten
ISBN-13: 978-3431038934
Bereitgestellt durch Blogg dein Buch

   Kommentare:

  1. Hi, Sonne.
    Ich schon wieder!
    ;-)

    Wenn der Autor nun schon durch die Trivialitäten seiner klischeehaften Figuren waatet - ist dann vielleicht auch der Lotteriepreis die Erkenntnis, daß das Leben kostbar ist!?

    "Ruhiger Thriller" - klingt seltsam. Wie der Vhs-Kurs "Urschrei-Seminar im Karthäuser-Kloster". Oder die Bundeswehr-Broschüre "Der Pazifist in der Truppe".

    Ich sehe schon - Pokerface Trischa, der sie anbaggernde Harthund Henri, Pradeeps Ein-Mann-Tanzgruppe in Trauer und Mr. "Ich-kaufe-deinen-Konzern"-Fields; die Art von Klischees?
    :-)

    Wenn ich weiter Deine Kritik etwas interpretiere: Tibor Rode das Erzählvolumen von "Krieg und Frieden" in die Seitenzahl einer Hardboiled-Novelle gepreßt.

    Hoffe Deine aktuelle Lektüre ist besser.

    bonté

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  2. @RoM:
    Der Lotteriepreis ist nicht die Kostbarkeit des Lebens, aber etwas ähnlich, mhm, "wertloses", wenn man es im Sinne des Geldes sieht. Wird ja schließlich auch nie von Millionen gesprochen ;)
    Ich war auch äußerst wenig angetan von diesem Thriller, der sich eher als Drama entpuppte und wenig auszusagen hatte insgesamt, muss ich sagen. Eben grade auch wegen der Klischees, die du treffend formuliert hast. Schade.

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