Back Down to Earth

[Buchrezenson] Die Schuld einer Mutter - Paula Daly

Mein Handy klingelt.
Ich ziehe es aus der Tasche und sehe Sallys Nummer. Vielleicht hat sich der Kleinbus verspätet. Vielleicht will der Motor in der Kälte nicht anspringen.
"Hey Sal, was gibt's?"
Sally weint. Die Schluchzer würgen sie. Sie bringt kaum ein Wort heraus.
"Mum?" Ich höre Geräusche im Hintergrund, lautes Weinen, Autoverkehr. "Mum...etwas Schreckliches ist passiert."

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51tts9rNcmL.jpgINHALT
Lisa ist Mutter von zwei Kindern, Ehefrau und Mitarbeiterin im ehrenamtlichen Tierheim - und kommt mit den wenigen Stunden, die ein Tag hat, kaum aus. Sie hat so viel im Kopf, dass sie sogar vergisst, dass eine Freundin ihrer Tochter zu Besuch kommen wollte und sich daher keine Sorgen macht, als diese nicht auftaucht. Doch dann wird das Verschwinden eben dieses Mädchens bemerkt - und das Ganze weist Ähnlichkeit auf mit einem Fall des Missbrauchs zuvor. Lisa wird von allen Seiten beschuldigt, schließlich war sie es, in deren Obhut das Kind hätte sein müssen. Und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt...

MEINE MEINUNG
Paula Dalys "Die Schuld einer Mutter" wartet nicht nur mit dem immerzu aktuellen und brisanten Thema des Kindesmissbrauches auf, sondern auch mit dem der Verantwortung, insbesondere der Verantwortung für andere. Wie die Autorin in ihrer Anmerkung am Ende des Buches schreibt, ist nur eines genauso schlimm wie das eigene Kind zu verlieren: Das Kind einer Freundin zu verlieren. Dementsprechend gedrückt und schuldvoll ist selbstverständlich auch die Atmosphäre des Thrillers. Der Schreibstil besteht dabei hauptsächlich aus kurzen Sätzen, die die etwas hektische und sorgenvolle Stimmung wiedergeben; erzählt wird das Ganze aus der Ich-Perspektive der Protagonistin Lisa sowie aus der personalen Sicht der Ermittlerin Joanne - und auch der Täter kommt das ein oder andere Mal zu Wort.

Anfangs wirkt Lisa auf den Leser tatsächlich wie die relativ rücksichtslose, chaotische und wenig liebevolle Mutter, als die sie von vielen der übrigen Personen dargestellt wird: Sie hat keinen guten Draht zu zweien ihrer Kinder, sie vergisst die wichtigsten Dinge und hat einige Zeit zuvor auch noch einen schlimmen Fehler begangen, der die gesamte Familie entzweien könnte. Tatsächlich wird einem aber im Verlaufe der Handlung klar, dass dieser Stress einfach normal und Lisa insgesamt ein Mensch mit Ecken und Kanten ist, weshalb man sich grade gut mit ihr identifizieren kann. Ihr Ehemann Joe ist einem dafür sofort sympathisch mit seiner ruhigen, liebevollen und doch witzigen Art. Auch die anderen Figuren sind gut gezeichnet: Die Ermittlerin Joanne, die ihr eigenes Päckchen zu tragen hat, die Mutter des verschwundenen Mädchens, die ein dunkles Geheimnis hat oder auch deren Schwester, die immer und überall Gift und Galle spuckt. Die Charaktere wirken überwiegend sehr glaubhaft und haben vor allem authentische Geschichten.

Nach einem etwas langsameren Einstieg, bei dem man die Verhältnisse, in denen Lisa und ihre Familie lebt, kennen lernt, geht es schon bald sehr spannend zu. Der Fall der verschwundenen Tochter von Lisas Freundin, Lucinda, scheint eine Verbindung aufzuweisen zu einem anderen Verbrechen kurz zuvor. Der Täter ist jedoch vorsichtig und so schwer zu fassen, weshalb die Suche nach ihm immer mehr einem Wettrennen gleicht. Zur selben Zeit ist Lisa damit beschäftigt, ihre Schuldgefühle zu verarbeiten und damit klar zu kommen, dass sie nicht nur von anderen für Lucindas Verschwinden verantwortlich gemacht wird, sondern dass sie selbst weiß, dass es ihr Fehler war.

Paula Daly gelingt es dabei sehr gut, die einzelnen Gefühle und Gedanken sowohl von Protagonistin Lisa als auch der weiteren Erzählerin Joanne glaubhaft zu beschreiben. Die Handlung schreitet in einem angenehmen Tempo voran und lässt immer wieder Raum für Überlegungen, gleichzeitig werden aber auch nach und nach verschiedene Geheimnisse gelüftet. Trotz der fesselnden Storyline bleiben dabei auch die polizeilichen Ermittlungen bis zum Ende authentisch zu lesen. Als es jedoch zur Auflösung kommt, scheint die Autorin keinen anderen Ausweg gefunden zu haben, als einen großen Zufall die Arbeit für sie erledigen zu lassen. So verpufft das vorherige positive Gefühl über die so durchdachte Geschichte leider zum Teil, denn wie interessant der Täter auch sein mag - das Aufdecken der Identität hätte weit sinnvoller gestaltet werden können.

FAZIT
Paula Dalys "Die Schuld einer Mutter" greift ein erschütterndes Thema auf und vermittelt es dem Leser nicht nur einfühlsam, sondern auch - wie man es von einem Thriller erwartet - authentisch und spannend. Die Figuren sind durchdacht, und auch das Motiv des Täters ergibt Sinn. Dafür schwächelt der Weg, wie es zur letztendlichen Auflösung kommt, jedoch deutlich, was den gesamten Roman etwas herabgesetzt. Da die sonstige Umsetzung aber ansonsten überzeugt, vergebe ich 3,5 Punkte und spreche eine Empfehlung von Fans von schwierigen Themen aus.




Titel: Die Schuld einer Mutter
Originaltitel: Just What Kind of Mother Are You?
Autor: Paula Daly
Übersetzer: Eva Bonné
Verlag: Manhattan
Seitenzahl: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3442547357


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