Back Down to Earth

[Buchrezension] Ich fürchte mich nicht - Tahereh Mafi

"HELFT IHM!", schreie ich und falle auf die Knie, den Blick auf den Mann am Boden gerichtet. Die anderen Soldaten nähern sich jetzt langsam, so vorsichtig, als könne Jenkins ansteckend sein. "Bitte - ihr müsst ihm helfen! Bitte -"
"Kent, Curtis, Soldedad - KÜMMERN SIE SICH DARUM", schreit Warner seinen Männern zu, bevor er mich auf die Arme nimmt. 
Ich trete noch um mich, währen die Welt schwarz wird.

KLAPPENTEXT
Ihr Leben lang war Juliette einsam, eine Ausgestoßene – ein Monster. Ihre Berührung ist tödlich, man fürchtet sie, hat sie weggesperrt. Bis die Machthaber einer fast zerstörten Welt sich ihrer als Waffe bedienen möchten. Doch Juliette beschließt zu kämpfen – gegen die, die sie gefangen halten, gegen sich selbst, das Dunkel in ihr. An ihrer Seite ein Mann, zu dem sie sich unaufhaltsam hingezogen fühlt. Ihn zu berühren ist ihr sehnlichster Wunsch – und ihre größte Furcht...

MEINE MEINUNG
Tahereh Mafis Debüt "Ich fürchte mich nicht" hebt sich nicht nur aufgrund des wunderschönen, Interesse weckenden Covers von anderen Romanen ab, sondern auch wegen des ausgefallenen Schreibstils. Erzählt ist die Geschichte aus der Ich-Perspektive der Protagonistin Juliette, wobei die Autorin, um den Zwiespalt zwischen Dingen, die die Hauptfigur fühlt und Dingen, die sie fühlen darf, zu verdeutlichen, durchgestrichene Sätze und Satzfragmente nutzt. Gemeinsam mit den vielen metaphorischen Beschreibungen hat das gesamte Werk so einen komplett eigenen Stil, wirkt aber des Öfteren auch äußerst überlastet.

Juliette ist zu Anfang ein sehr gebrochener, verzweifelter und einsamer Charakter an der Schwelle zum Wahnsinn. Durch die jahrelangen Verachtung, den Hass und die Anfeindungen, die sie ertragen musste, hält sie sich selbst für minderwertig; hinzu kommt natürlich noch ihre angeborene Fähigkeit, anderen Menschen durch bloße Berührung Schmerzen zuzufügen. Im Laufe der Handlung macht sie eine relativ glaubwürdige Entwicklung durch, die mir jedoch zum Ende hin zu schnell ging. Adam, ihr anfänglicher Zellengenosse und späterer Verbündete, ist ein sympathischer Mann, den man schnell ins Herz schließt. Allerdings wirkt er im Bezug auf Juliette recht verkitscht, denn kein Mann würde solche schwülstige Aussagen von sich geben - dadurch ist er leider nicht immer komplett ernst zu nehmen.

Dagegen wirkt der junge Befehlshaber Warner, der Juliette unbedingt für seine Zwecke missbrauchen will, sehr glaubwürdig und durchdacht. Er ist definitiv ein Psychopath und definitiv nicht bei Sinnen; dies macht ihn aber grade zu einem so interessanten und vielschichtigen Charakter, der fasziniert, aber auch abstößt. Ansonsten lernt man nur wenige Figuren näher kennen, da sich die Autorin definitiv auf die drei Hauptfiguren konzentriert. Auf diese Weise bleiben sonstige Personen sehr blass, können aber in den Folgebänden auf jeden Fall noch gut ausgearbeitet werden.

Tahereh Mafi schafft mit den todbringenden Fähigkeiten ihrer Protagonistin eine gute und spannende Grundlage für die Geschichte, die darauf folgt. Etwas, was ich nicht mehr im Kopf hatte, überraschte mich beim Lesen: "Ich fürchte mich nicht" ist nicht nur Fantasy, sondern auch Dystopie. Dieser Aspekt wird hier jedoch wenig neu ausgelegt und hätte meiner Meinung nach auch durchaus weggelassen werden können, da sich sowieso mehr auf die Liebe zwischen Adam und Juliette sowie Juliettes Suche nach sich selbst konzentriert wird. Die Romantik kommt dabei in der Tat schnell auf, dies ist aber aufgrund von zwei Details auch verständlich. Dennoch wird das Ganze zwischendurch etwas schwülstig, weshalb Gegner von Kitsch das Buch mit Vorsicht genießen sollten.

Zudem werden hier so viele Metaphern, Vergleiche und ungewöhnliche Beschreibungen verwendet, dass es manchmal schon richtig plattitüdenhaft wirkt - als wolle die Autorin damit über die Schwächen hinwegtäuschen. Dabei hat sie das eigentlich nicht nötig, denn bis zum Ende hin bleibt der Roman spannend und mitreißend. Manchmal ist mehr eben doch weniger. Nichtsdestotrotz kann auch der Schluss überzeugen, wenn er auch ebenfalls etwas verkitscht und vor allem -knutscht daherkommt. Ich bin gespannt, was Band 2, "Rette mich vor dir", für uns bereithält.

FAZIT
"Ich fürchte mich nicht" besitzt eine tolle Grundidee in Verbindung mit einer mäßigen dystopischen Welt, was die recht interessanten Hauptcharaktere jedoch wieder wettmachen. Nur die vielen, vielen Stilmittel, die Autorin Tahereh Mafi nutzt - und die zwischenzeitlich überhand nehmen - sowie der zwischenzeitliche Kitsch trüben das Gesamtbild. Daher gibt es sehr knappe 4 Punkte von mir, und eine Empfehlung, es definitiv mal auszuprobieren.



Titel: Ich fürchte mich nicht
Originaltitel: Shatter me
Autor: Tahereh Mafi
Übersetzer: Mara Henke
Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3442313013


   Kommentare:

  1. Wow! Tolle und ausführliche Rezension. Das Buch steht schon sooooo lange auf meiner Wunschliste und ich wünschte, ich könnte es auch schon in den Händen halten!

    Vielleicht schaust du, wenn du Lust hast, mal bei mir vorbei? Ich würde mich sehr freuen :)
    http://good-books-never-end.blogspot.de/

    Alles Liebe, Jule

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  2. Da ist sie ja, die Rezension! :) Freu mich immer noch darüber - aber bei dem nächsten Buch wird ja eh alles anders, nicht? ;)

    Mir hat der Schreibstil ja, wie du weißt, richtig gut gefallen! Ich finde immer noch, dass man daran einfach merkt, wie sich Juliette weiterentwickelt hat.
    Sie fand ich ja generell toll und Adam irgendwie süß, schade, dass du das kitschig fandest.

    Warner ist so eine Streitperson. Ich finde ihn irgendwie ja auch mega interessant, auf der anderen Seite war ich immer froh, wenn ich von ihm nicht lesen musste...
    Sehr dystopisch ist es wirklich nicht, das stimmt - ist eher total nebensächlich. Aber macht mir ja auch nichts aus, ich fand es trotzdem toll! ;)

    So, das war's! Mehr habe ich jetzt nicht mehr zu sagen; ich schlafe jetzt! :*

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  3. Grüß Dich, Sonne.
    Ich spekuliere jetzt und interpretiere Mafis stilistischen Metaphern-Reichtum als Erbe ihrer iranischen Wurzeln. Der Nahe- wie Mittlere-Osten sind stilistische Hochburgen ornamentaler Lyrik & Poesie.
    Ist jetzt nur meine Theorie...
    :-)

    bonté

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  4. ...ähem (hüstel)!
    Ich meine natürlich die Prosa und nicht Poesie.

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  5. @Jule:
    Vielen Dank für das Kompliment - das Buch ist nicht perfekt, aber definitiv lesenswert. Ich kann es zum Ausprobieren also wirklich nur empfehlen & wünsche schon mal viel Spaß ;)

    @Lisa:
    Also die Charaktere Juliette & Adam mochte ich ja beide auch gern. Nur hab ich halt eher was gegen schwülstige Aussagen, ich mag da lieber das Prinzip "show, don't tell", und das scheint Mafi noch nicht in allen Belangen komplett zu beherrschen. Aber das kann ja noch kommen ;)
    Und den dystopischen Aspekt fand ich wie gesagt etwas unnötig + den Schreibstil etwas zu übertrieben.
    Allerdings ist das ja alles nicht so schlimm, deshalb gab's ja auch noch 4 Punkte. Wenn du dir den 2. Teil zulegst, darfst du mir den also gern ausleihen :D

    @RoM:
    Nun, ob die Autorin die Metaphern nun liebt, weil sie iranische Wurzeln [?] hat, kann ich natürlich nicht beurteilen ;) Auch, weil ich keinen Vergleich habe. Ich will dir aber einfach mal glauben, man weiß es ja nicht.
    Ein bisschen zurückschrauben könnte sie es jedenfalls dennoch...

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