Back Down to Earth

[Buchrezension] Tarmac: Apokalypse für Anfänger - Nicolas Dickner

Hope drängte sich in einen Zeitungskiosk, und es gelang ihr mit viel Rumgefuchtel und ein paar Brocken Englisch, sich mit der Kassiererin zu verständigen, Diese schlug den Reiseführer Rough Planet Tokyo vor, der einen Abschnitt mit nützlichen Sätzen hatte wie: "Wo ist hier in der Gegend der nächste Bunker?" (Sumimasen, kono atari ni chika sherutaa wa ari masu ka?) oder "Dürfte ich Ihre Gasmaske/Ihren Strahlenschutzanzug benutzen?" (Gasumasuku/houshanou bougyo suutsu o kari te mo ii desu ka?)
Japan wurde immer sonderbarer.

INHALT
Mickeys eher unaufgeregtes Leben ändert sich von Grund auf, als er die junge Hope Randall kennen lernt: Sie ist hochintelligent, faszinierend und anders als alle Mädchen, die er je getroffen hat, und er schließt begeistert Freundschaft mit ihr. Doch in ihrer Familie gibt es seit Generationen eine Vererbung von Verrücktheiten und Manien - denn jedes einzelne Mitglied sieht das Datum des Weltuntergangs. Nur Hope selbst hatte ihre Vision noch nicht. Doch während Mickey und sie eine wunderbare Zeit zusammen verbringen, taucht ein mysteriöses Datum auf, und Hope verstrickt sich immer mehr in ihre Besessenheit...

MEINE MEINUNG
"Tarmac" ist der 2. Roman des kanadischen Erfolgsautors Nicolas Dickner und scheint, so jedenfalls verspricht es der Klappentext, das Thema Apokalypse ironisch, aber sympathisch, auf die Schippe zu nehmen. So geschieht es auch zwei Drittel des Buches lang, bis zu einem sehr überraschenden Bruch. Die meiste Zeit über wird das Buch aus der Ich-Perspektive von Mickey erzählt, manchmal wechselt die Sichtweise aber auch in die dritte Person, wenn die Geschichte einer anderen Figur thematisiert wird.

Mickey ist als Protagonist sehr sympathisch, weil man seine Ansichten in den meisten Belangen nachvollziehen kann, und er ansonsten ein überwiegend sehr normaler Jugendlicher mit einem wunderbar trockenen Humor ist. Einzig und allein sein beinahe völliges Ausrichten auf Hope ging mir etwas gegen den Strich. Diese nämlich ist doch sehr, sehr anders und auch ein wenig ichbezogen. Wo ihre extrovertierte, schlaue und leicht besessene Art anfangs noch sympathisch ist, beginnt diese im letzten Drittel ab einer ganz bestimmten Stelle zu nerven - und von diesem Punkt an konnte ich leider auch kein Verständnis mehr aufbringen. Die übrigen Figuren bleiben eher blass, da es vorrangig um die beiden Teenager geht, Personen wie Ann Randall oder Hopes spätere Freundin Merriam lernt man jedoch durchaus recht gut kennen.

"Tarmac" zeichnet sich besonders durch die philosophischen Überlegungen, die intelligenten Gespräche zwischen den Charakteren und die wunderschönen Beschreibungen voller Vergleiche und Metaphern aus. Genau das ermüdet aber zwischenzeitlich auch, wenn sich der Autor in absatzlangen Aufzählungen von Produkten verliert, die man einfach irgendwann nur noch überspringt. Der Humor dagegen gefiel mir sehr, da die ironische Note oftmals unterschwellig eingebaut wird und dabei genial trocken ist. Von einer Liebesgeschichte allerdings ist wenig zu spüren. Zwar zeigt Mickey deutliches Interesse an Hope - zwischen den beiden kommt es aber nicht ein einziges Mal auch nur zu irgendeiner Annäherung. Wie versprochen wird das Ganze so nicht kitschig, ein wenig mehr hätte ich aber schon erwartet.

Wie bereits erwähnt, ist das Buch aber bis Seite 140 sehr unterhaltsam, und der Wahnsinn rund um die möglicherweise bevorstehende Apokalypse nimmt seinen Lauf. Dann jedoch bricht der Autor mit seiner bisherigen Erzählweise und als Leser befindet man sich plötzlich an einer anderen Stelle - einer Stelle, mit der ich persönlich nichts anfangen konnte. Mir fehlte der Charme, die humorvolle Leichtigkeit und das Zusammensein von Mickey und Hope. Und bis zum Ende wird auf diese Weise einfach nicht klar, was einem nun mit dem Buch gesagt werden sollte, denn Antworten auf Fragen sucht man leider vergebens. Oder habe ich den Sinn nur einfach nicht verstanden?

FAZIT
Der Klappentext von "Tarmac" führt ziemlich in die Irre - denn die versprochenen gemeinsamen Städtereisen der Protagonisten sowie eine Liebesgeschichte findet man nicht. Stattdessen lernt man jedoch interessante Persönlichkeiten, seltsame Familiengeschichten und eine ungewöhnliche Freundschaft kennen. Immerhin. Trotzdem scheint sich der Autor Nicolas Dickner zum Ende hin irgendwo zu verlieren, und zumindest ich kam da nicht mehr mit. Wäre er doch mal beim Anfang geblieben! 3 Punkte.


Titel: Tarmac - Apokalypse für Anfänger
Originaltitel: Tarmac
Reihe: Nein
Autor: Nicolas Dickner
Übersetzer: Andreas Jandl
Verlag: btb
Seitenzahl: 256 Seiten
ISBN-13: 978-3442745401

   Kommentare:

  1. Schade, dass es ab der Mitte so nachlässt! Die Idee klingt aber trotzdem interessant, vielleicht lese ich es trotzdem mal ;-)

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  2. @ApfelSinchen:
    Also, besonders zu Anfang ist das Buch wirklich GUT! Die Ironie ist klasse und die Idee wirklich originell. Nur scheint Nicolas Dickner für das Ganze einfach keine Lösung gefunden zu haben...
    Vielleicht magst du es ja trotzdem probieren? ;)

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