Back Down to Earth

[Buchrezension] Verflucht - Victoria Schwab

Ich nehme den südlichen Weg, der sich um den Dorfplatz herumwindet und den Dreska zuvor auch gegangen ist. Es ist ein kurviger Pfad, deshalb werden ihn die Männer niemals wählen, und wenn ich mich ein bisschen beeile, schaffe ich es vielleicht vor ihnen zu den Schwestern. 
Während ich am Rand des Dorfes entlang renne, sehe ich Cole vor mir, wie er mit leuchtenden Augen aus dem Dunkel des Moores auftaucht, bis der Wind durch ihn hindurchfährt und er sich auflöst, wie Rauch. 
Ich schiebe den Gedanken beiseite und wende mich nach Osten. 

INHALT
Ein junger Fremder taucht in Lexis Heimatdorf auf, und zeitgleich damit verschwinden Kinder auf mysteriöse Weise aus ihren Betten. Die Bürger sind sich des Schuldigen sicher, doch Lexi hat Zweifel. Was, wenn die einst gefürchtete Hexe von Near wieder auferstanden ist und nun erneut ihr Unwesen treibt? Gemeinsam mit Cole macht sie sich auf die Suche nach Antworten und den vermissten Kindern - kommt dabei aber nicht nur ungeahnten Gefühlen, sondern auch einigen großen Geheimnissen, auf die Spur...

MEINE MEINUNG
Victoria Schwab nimmt sich in ihrem Fantasy-Roman "Verflucht" dem Thema der Hexen an, wobei sie auch das Misstrauen der Menschen gegenüber Fremden zu einem wichtigen Aspekt macht. Das Buch spielt in einem vergangenen Jahrhundert, was an vielen Details deutlich wird, das genaue Datum wird aber nie genannt. Der Schreibstil ist dabei flüssig und gut verständlich, verwoben mit schönen, detailreichen Beschreibungen und kein bisschen altmodisch, weswegen auch Leser, denen das Genre Historie nicht zusagt, mit diesem Buch durchaus richtig beraten sind.

Lexi ist eine recht sympathische Protagonistin mit einer großen Willenskraft und sehr viel Mut. Zwischenzeitlich erschien sie mir allerdings fast schon zu perfekt - sie wird gleich von zwei Jungen umworben, kann Spuren lesen, ist ausdauernd und kämpferisch...So mag man sie zwar, aufgrund ihrer kaum vorhandenen Fehler kann man sich aber wenig mit ihr identifizieren. Der Fremde, Cole, ist eher mysteriös und schweigsam, seine interessante Geschichte erfährt man circa nach der Hälfte des Buches. Er scheint ein netter Junge zu sein und seine Art ist liebevoll und freundlich, komplett überzeugen kann jedoch auch er nicht, weil er zu blass bleibt.

Im Gegensatz dazu gefielen mir die Hexen-Schwestern Dreska und Magda ausnehmend gut, die eine Hilfe für Lexi und im Grunde auch ihre einzigen Vertrauten sind. Die beiden sind unglaublich alt, aber dennoch schlagfertig, dabei geheimnisvoll, gelassen und irgendwie herrlich schrullig. Schade ist jedoch, dass man insbesondere die Freunde von Lexi nicht wirklich kennen lernt, weil diese nur in Ansätzen - beste Freundin, besitzergreifender Junge - charakterisiert werden. Und auch die Hexe von Near bleibt einem sehr fern, weil sie selten auftaucht und eher im Verborgenen bleibt.

Die Story rund um Hexen und ein Dorf voller misstrauischer Bürger zieht dagegen von Anfang an in den Bann. Victoria Schwab versteht es, den Leser schnell zu fesseln und in ihre Welt hineinzuziehen. Dabei lässt sie die phantastischen Elemente einfließen, statt sie dem Leser andauernd vor Augen zu halten, was sehr erfrischend ist. Die Geschichte lebt insbesondere von der Sage um die Hexe von Near, den Kinderreimen und Gedichten. Große Geheimnisse gibt es nicht zu entdecken, eher sind es die Hintergrundinformationen, die für Spannung sorgen. Allerdings hatte ich manchmal das Gefühl hat, dass kaum etwas wirkliches passiert, außer, dass die Figuren zwischen dem Dorf, dem Haus der Schwestern und dem Hexenwald permanent hin und her laufen.

Die Liebesgeschichte selbst ist ganz niedlich, aber nicht wirklich mitreißend. Zum Glück nimmt sie jedoch auch keinen großen Teil ein, wird nur an einer Stelle kurz etwas kitschig und hält sich ansonsten angenehm im Hintergrund. Die Anziehung zwischen Cole und Lexi geht, wie so oft, etwas zu schnell, dies ist aber zu verzeihen. Weniger schön fand ich, dass der groß angekündigte Showdown so schnell wieder vorbei ist; es gibt keinen großen Kampf oder wenigstens ein paar Enthüllungen über die Motive. Stattdessen wird das Finale auf 2 Seiten abgehandelt, bevor es in einen fröhlichen Schluss mündet, der zwar sehr liebenswürdig ist, aber nicht über die leise Enttäuschung davor hinweghelfen kann.

FAZIT
Victoria Schwabs "Verflucht" hat eine tolle Grundidee, in der die Sage um eine schon längst verstorbene Hexe zu neuem Leben erwacht. Leider wirken viele der Figuren jedoch eher blass, und obwohl der Roman fast durchweg spannend ist, enttäuscht besonders der Schluss, der definitiv zu schnell abgehandelt wird. Von der Autorin möchte ich mehr lesen, hier allerdings hätte noch etwas gefeilt werden können. 3,5 Punkte!



Titel: Verflucht
Originaltitel: The Near Witch
Autor: Victoria Schwab
Übersetzer: Julia Walther
Verlag: Heyne fliegt
Seitenzahl: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3453534315


   Kommentare:

  1. Okay, ich wollte mal deine Review abwarten und sehen, ob das was für mich sein könnte. Spontan sage ich jetzt mal Nein, obwohl die Story an sich schon interessant und lesenswert zu sein scheint. Doch da ich den phantastischen Geschichten eh immer mehr entwachse und wenn dann doch was besonderes suche (gar nicht mal so einach) muss "Verflucht" wohl auf mich verzichten. Und schade! Ich finde es ja auch immer nicht so schön, wenn die Story auf diesen einen Moment hinarbeitet und es dann einen Wimpernschlag später schon fast wieder vorbei ist. Man einfach mehr erwartet hat. Wieder mal ein schöne wie aufschlussreiche Review. :)

    Liebe Grüße
    Reni

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  2. Servus, Sonne.
    Wenn ich mir Deine kritischen Punkte ein zweites Mal durch die Gehirnwindungen jage, offenbart sich der Schluß, daß das schriftstellerische Potential besser in eine Kurzgeschichte, denn einen Roman gefloßen wäre.

    Du hattest hier wieder einige treffend ironische Formulierungen drauf!
    Das Bild, daß in einem Buch nur permanent zwischen drei Orten herum gerannt wird, ist schon witzig.

    bonté

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  3. @Reni:
    Also, wenn du die Fantasy satt hast [und insbesonderes die Jugend-Fantasy], dann solltest du die Finger hier von lassen. "Verflucht" ist zwar lesenswert, unkitschig und interessant, aber trotzdem recht typisch. Und das Hinarbeiten auf den Showdown ist echt gut gelungen - das Finale selbst dann eben leider nicht. Wie du auch sagst: Da hätte ich wirklich mehr erwartet.
    Insgesamt ist es ein gutes Buch - nur haut es eben nicht um ;)

    @RoM:
    Ich bin mir nicht sicher, muss ich sagen. Bei einer Kurzgeschichte wäre insbesondere der Hintergrund wohl zu kurz gekommen. Hier dagegen war es dann eben das Finale, das leiden musste. Alles nicht so einfach. In gewisser Weise hast du aber schon Recht ;)
    Übrigens waren die ironischen Formulierungen eigentlich gar nicht so gemeint...mhm, da muss ich aber noch mal schauen, dass das nicht ungewollt überhand nimmt :D

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  4. ...gekonnt gesetzte Ironie ist wie ein elegant geführtes Florette.

    bonté

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  5. Mir hat Lexi sehr gut gefallen =) Sooo perfekt ist sie mir gar nicht vorgekommen und zwei Jungen sind ja nicht gerade die Welt, wenn man da zB an House of Night denkt ^^
    Was mir besonders gefallen hat, war die magische Atmosphäre, die mich von Beginn an gefesselt hat.

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