Back Down to Earth

[Laberparade] Der letzte Engel - Zoran Drvenkar

Lars stellte sich hinter mich und besah sich meine Flügel, ohne sie zu berühren.
"Sie wachsen an den Stellen, an denen deine Schulterblätter sein sollten", sagte er. "Heb mal die Arme."
Ich hob die Arme. Lars schwieg. Und schwieg. Ich fragte ihn, was denn jetzt noch wäre. Lars verschwand im Bad und kam mit zwei Spiegeln zurück. Einen drückte er mir in die Hand, den anderen Spiegel brachte er hinter mir in Position. Jetzt sah ich es auch. Meine Schulterblätter waren vollkommen verschwunden. Kein Blut, keine Wunde. Als würden die Flügel schon immer aus meinem Rücken wachsen, als wäre das ein neuer Körper und ich nur Gast darin.

13615067KLAPPENTEXT
Motte ist sechzehn Jahre alt, als der Tod an seinem Fenster kratzt. An einem harmlosen Wochenende kurz nach Mitternacht bekommt er eine anonyme E-Mail, die ankündigt, dass er beim Aufwachen tot  sein wird. Mieser Scherz, denkt Motte, wird aber dennoch ein wenig nervös und beschließt, die Nacht durchzumachen. Natürlich schläft er ein und natürlich wacht er auf und fühlt sich eigentlich wie immer - vielleicht ein bisschen erschöpfter als sonst.
Doch dann bemerkt er, dass sein Herz nicht mehr schlägt. Und im Spiegel sieht er hinter sich zwei riesige Flügel. Motte erfährt, dass er der letzte Engel ist - was das Ende und den Anfang von allem bedeutet...

MEINE MEINUNG

SCHREIBSTIL
Dass Zoran Drvenkars Art zu schreiben anders ist, war mir schon vor dem Lesen bewusst. Und auch hier gelingt es dem Autoren wieder einmal, schon  allein mit der Ausdrucksweise vollkommen in den Bann zu ziehen. Er nutzt gut wie alle verfügbaren Stilmittel, schreibt aus den verschiedensten Sichten im Präteritum, im Präsens, mit personalem Erzähler oder auktorialem, mal kühl, mal voller Emotionen. Sicher ist jedenfalls: Man kann die einzelnen Figuren perfekt auseinander halten und wird von der Geschichte durch den Schreibstil komplett mitgerissen. Das muss erstmal jemand nachmachen!

CHARAKTERE
Obwohl es so viele verschiedene Charaktere gibt, die alle unterschiedlich lang erzählen und manchmal auch nur kurz auftauchen, so ist doch jeder einzelne davon perfekt skizziert. Alle Figuren wirken lebendig und komplett durchdacht: Motte, Protagonist und doch wieder nicht, ein Jugendlicher, der sich mit seinem eigenen Tod konfrontiert sieht. Oder Lazar, ein verbitterter Mann, mordlustig und gewalttätig, aber mit glaubwürdigem Hintergrund. Jede der Personen erfüllt einen Zweck und ergibt Sinn, und fast alle stehen irgendwie in Verbindung miteinander. Und das Beste: Es gibt kein Schwarz und Weiß, kein Gut und Böse - so muss das sein!

STORY
Einzig und allein vom Klappentext her, könnte man meinen, die Geschichte wäre denkbar einfach. Tatsächlich reicht sie aber bis ins 19. Jahrhundert, hat unglaubliche viele ineinanderverwobene Fäden und wird nicht nach und nach erzählt. So ist das Ganze zwischenzeitlich verwirrend, aber nie ermüdend und durch die verschiedenen Sichten gibt es immer wieder besondere Details, die Lösungen zu Geheimnissen geben. Die gesamte Story ist sehr fantasievoll, ideenreich und vor allem spannend bis zur letzten Seite. Schießereien, Kämpfe,  Tod, Mord, Grausamkeit - das alles würde man von einem Buch über Engel eigentlich nicht erwarten. Dieses Buch für Engel ist aber auch ganz anders und hebt sich von der breiten Masse ab, einfach, weil es die Fantasiewesen kein bisschen mit Religion verbindet. 

SPASSFAKTOR
Charaktere wie Motte oder sein bester Freund Lars lockern die gesamte Geschichte immer wieder auf und bringen den Leser durchaus mal zum Grinsen, aber auch die ernsteren Kapitel üben eine große Faszination aus und machen so unheimlich Spaß. Auch die immer wieder aufkommenden "Aha!"-Momente, wenn ein Geheimnis aufgedeckt wird, bereiten Freude, weil es ein wunderbares Gefühl ist, des Rätsels Lösung einen Schritt nähergekommen zu sein. Bis zum Ende bleibt der Roman fesselnd, mitreißend und vor allem eines: Individuell. Dementsprechend zufrieden ist man während und nach der Lektüre. Hundertpro!

FAZIT
"Der letzte Engel" ist so anders, so wenig religiös und so gut! Zoran Drvenkar beweist auch hier wieder, dass er es einfach perfekt versteht, den Leser komplett mitzureißen und in seine geschriebene Welt zu entführen. Das Ende lässt einige Fragen offen und verweist auf Band 2, bei dem eines sicher ist - ich bin dabei! 5 verdiente Punkte und eine absolute Empfehlung!


13615067Titel: Der letzte Engel
Originaltitel: -
Reihe: Der letzte Engel
Autor: Zoran Drvenkar
Übersetzer: -
Verlag: cbj
Seitenzahl: 432 Seiten
ISBN-13: 978-3570154595

   Kommentare:

  1. Hab ich auch noch im Regal stehen. Sollte ich wohl dringend lesen...wenn ich das nicht auch noch von so vielen anderen Büchern im Regal sagen könnte :P.
    Aber "Der letzte Engel" ist dank deiner Rezi jetzt wieder auf der Warteliste nach vorn gerückt ;-)

    LG

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  2. Das klingt ja wirklich echt gut. Von Zoran Drvenkar wollte ich noch "Sorry" lesen, aber dieses Buch klingt auch sehr spannend, setze es gleich mal auf die Wunschliste. Wie immer eine gut formulierte Meinung!

    Liebe Grüße, Diti

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  3. @Sarah O.:
    Es freut mich sehr, dass meine kurze Laberparade dich offenbar bestärkt hat ;) Ich kann dir nur absolut empfehlen, das Buch zu lesen - für mich ist es auf jeden Fall jetzt schon eines der Highlights!

    @Diti:
    Ich freue mich, dass ich dir mit meiner Meinung Lust auf das Buch machen konnte! Drvenkars Bücher heben sich im Allgemeinen stark von der breiten Masse ab und so verhält es sich auch mit diesem. Ich kann es nur empfehlen!

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  4. Wieder mal eine schöne Laberparade! Bisher sind ja viele von dem Buch begeistet, trotzdem steht "Der letzte Engel" noch nicht in meinem Regal. Mir scheint, diesen Umstand sollte ich in diesem Jahr mal ändern - dringend sogar! :)

    Liebe Grüße
    Reni

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