Back Down to Earth

[Buchrezension] Rot wie das Meer - Maggie Stiefvater

Ich sehe aus dem Fenster. Der Himmel verfärbt sich unter den Wolkenstreifen immer schneller schwarz. Weit vor uns in der Ferne leuchtet ein roter Lichtschein, wo sich Skarmouth an die Küste schmiegt, der Rest der Insel aber liegt düster und unheimlich da. Im Dunkeln kann man Wasser und Land nicht voneinander unterscheiden. Ich denke an heute Morgen, als ich mit Dove oben auf der Klippe trainiert habe. Der brennende Wind auf meinen Wangen und der Geruch der See haben mein Herz schneller schlagen lassen. Ich weiß, ich sollte schreckliche Angst vor heute Abend haben, genauso wie vor morgen und dem Tag danach, und die habe ich auch, aber ich spüre auch noch etwas anderes: ein erwartungsvolles Kribbeln.

INHALT
Jedes Jahr findet auf Thisby ein Pferderennen statt, bei dem hohe Wetten abgeschlossen werden und das Interesse der Allgemeinheit immer wieder aufs Neue geweckt ist - und bei dem Menschen sterben. Denn es ist kein normales Pferderennen: Es ist eines mit Capaill Uisce, Wasserpferden, die im Herbst auf der Suche nach Fleisch aus dem Ozean kommen, von Händlern eingefangen und dann trainiert werden. Sean Kendrick hat dieses gefährliche, blutige Rennen schon viermal gewonnen und es ein fünftes Mal zu schaffen ist sein größter Wunsch. Doch dann tritt Puck Connolly an, die erste Frau überhaupt. Und auch wenn sie ihr eigenes normales Pferd reitet, ist sie eindeutige Konkurrenz. Aber nach anfänglicher Skepsis beginnt Sean ihr zu vertrauen - so sehr, dass er nicht mehr sicher ist, was das Wichtigste in seinem Leben ist...

MEINE MEINUNG
Maggie Stiefvaters Trilogie um die "Wölfe von Mercy Falls" konnte mich im Gegensatz zu vielen anderen Lesern nie begeistern. Die Geschichte von "Rot wie das Meer" ist aber so neuartig und originell, dass ich es mit der Autorin noch einmal versuchen wollte. Tatsächlich merkt man von Anfang an, dass sie hier von der Storyline her etwas ganz Besonderes geschaffen hat - auch für diejenigen, die keine Pferdenarren sind. Geschrieben ist das Ganze aus der Ich-Perspektive von Puck und Sean, wobei Puck deutlich öfter zu Wort kommt, weshalb als sie die eindeutigere und auch stärker gezeichnete Hauptperson angesehen werden kann.

Kate Connolly, Spitname Puck - weshalb, wird sich im Laufe der Handlung jeder selbst erschließen können -, lebt mit ihren zwei Brüdern gemeinsam im Haus ihrer Eltern, seit diese auf dem Ozean getötet wurden. Sie zeigt sich nach außen hin hart und unnachgiebig, fühlt sich allerdings eigentlich nur allein. Das Rennen zu gewinnen sieht sie als einzige Chance, und bei der Verfolgung ihres Ziels zeigt sie sowohl Stärke als auch Verletzlichkeit, was sie sehr sympathisch macht. Sean Kendrick ist unnahbar, einsam und nach außen hin immerzu ruhig. Seine große Liebe gilt der See und seinem Wasserpferd Corr. Mit dem Kennenlernen von Puck beginnt er einige Dinge anders zu sehen, was gut dargestellt wird, dennoch war er mir zwischenzeitlich zu kühl und die Abschnitte aus seiner Sicht zu kurz.

Nebenfiguren gibt es einige und bis zum Ende hin wusste ich bei manchen nicht, wer genau sie nun waren, weil Stiefvater viel und gern die Nachnamen nutzt, die sich irgendwann häufen. Am besten in Erinnerung blieb mir allerdings George Holly, ein Kunde von Seans Boss, der, obwohl unerfahren, doch irgendwie sehr weise wirkt, gute Ratschläge gibt und aus Sean sogar die ein oder andere Gefühlsregung herauskitzelt. Und auch Pucks Bruder Finn gefiel mir in seiner manchmal spontanen Fröhlichkeit und dann der großen Ängstlichkeit in Verbindung mit einer ihn jung erscheinen lassenden Psychose. Auch einige andere Figuren treiben die Handlung gut voran und machen den Roman lebendig, Charaktere wie Pucks anderer und älterer Bruder Gabe wirken allerdings manchmal etwas zu blass.

Wie schon in ihrer vorhergegangenen Reihe spielen auch in diesem Buch der Autorin magische Tiere eine große Rolle - diese sind allerdings weitaus gefährlicher mit ihren spitzen Reißzähne, der unglaublichen Schnelligkeit und dem Hunger nach frischem Fleisch. Nicht all meine Fragen wurden bezüglich dieser Tiere aufgeklärt, beispielsweise wie sie unter Wasser atmen, wo sie leben und wie es ihnen gelingt, zu schwimmen; dennoch geben sie ein faszinierendes Bild ab. Auch wenn ich kein Pferde-Fan bin gefielen mir die Beschreibungen der Ausritte, der Trainings und der großen Liebe, die Puck und Sean ihren jeweiligen Pferden gegenüber zeigen, doch sehr. Die Beschreibungen sind wunderschön, laden zum Träumen ein oder lassen schockiert zurück, so, wie es gerade für Stimmung und Atmosphäre erforderlich ist.

Allerdings ist auch hier Stiefvaters Schreibe für meinen Geschmack zu langsam und zu ruhig. Es dauert lange, bis Puck sich überhaupt entschließt, am Rennen teilzunehmen, noch einmal lange, bis sie richtig zu trainieren beginnt und dann noch einmal eine kleine Ewigkeit, bis Sean und sie sich zu vertrauen beginnen. Dazwischen war ich mehrmals arg gelangweilt, was auch der Grund dafür ist, dass ich für den Roman fast 2 Wochen gebraucht habe. Auch die Gefühle  der Protagonisten sind viel zu spärlich gesät, vor allem zueinander, plötzlich sind sie da nach ein paar Treffen und schon wollen die beiden sich füreinander ändern - von großen Emotionen habe ich da leider nicht viel gespürt. Dennoch wird an einigen Stellen Spannung aufgebaut, die ein wenig über die langatmigen Stellen hinwegtäuscht, und besonders das Rennen zum Ende hin mit dem darauffolgenden sehr durchdachten Schluss kann vollständig überzeugen. Nur reichten diese 30 Seiten nicht aus, um mich die Langeweile im Mittelteil vergessen zu lassen...

FAZIT
"Rot wie das Meer" war für meinen Geschmack, wie schon die vorherige Trilogie der Autorin, einfach zu ruhig und langsam, die Gefühle der Hauptcharaktere an vielen Stellen zu wenig spürbar. Die phantastischen Wasserpferde und die Idee haben durchaus ihren Reiz, dennoch konnte mich das Ganze nicht vollkommen überzeugen. Für Fans von Maggie Stiefvater aber mit großer Sicherheit das Richtige! [Noch] 3,5 Punkte.


Titel: Rot wie das Meer
Originaltitel: The Scorpio Races
Autor: Maggie Stiefvater
Übersetzer: Sandra Knuffinke, Jessica Komina
Verlag: Script5
Seitenzahl: 430 Seiten
ISBN-13: 978-3839001479


   Kommentare:

  1. Schade, dass es dir nicht so gut gefallen hat. Ich war ja ziemlich begeistert von "Rot wie das Meer", während ich bei der "Nach dem Sommer-Ruht das Licht-In deinen Augen"-Reihe eher deine Meinung teile.

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  2. "Rot wie das Meer"... hm. Ich muss dir sagen, irgendwie kann ich mit dem Inhalt schon nicht viel anfangen.
    Das Cover ist schön! Ja. Aber das sind die Cover der Wolfsreihe auch ;)
    Ne, also der Inhalt spricht mich ja nichtmal an und auch deine Beschreibungen haben mich jetzt nicht überzeugt, es zu lesen --> liegt aber nicht an dir, du verstärkst meine Meinung bloß ;)

    Ich schau später mal ins Skype!

    Liebe Grüße
    Lisa

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  3. Oh, und ein kleiner Tippfehler hat sich in die Überschrift verirrt! Dachte, das solltest du viell wissen! ;-)

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  4. Eine schöne Rezi! Ich kann dich gut verstehen, was die etwas ruhige und somit (teils) etwas langatmige Phase betrifft. Ich werde das Buch die Tage mal weiterlesen und hoffe, dass ich dann mehr in Schwung komme. Wie von dir toll beschrieben, gefällt mir die Idee mit den gefährlichen Wasserpferden und die Atmosphäre des Buches bisher recht gut - Maggie Stiefvater schreibt schon besonders schön. Nur ein Gefühl bezüglich Puck & Sean wollte auf mich auch noch nicht ganz überspringen. Und ich glaube auch nicht, dass man zwingend ein Pferdenarr sein muss, um das Buch zu mögen/genießen zu können. Schließlich bin ich auch noch nie einem Werfolf begegnet oder habe mich von einem Vampir beißen lassen. :)

    Liebe Grüße
    Reni

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  5. @Lucy Montrose:
    Es gibt tatsächlich nur ein Buch der Autorin, das mir gefallen konnte, und das war "Ballade", genau das Buch, was viele Leser von ihr nicht mochten ;) Ich bin offensichtlich seltsam! Das Ganze war mir einfach zu ruhig...
    Danke dir übrigens auch für den Hinweis, hab ich gleich ausgebessert!

    @Lisa:
    Das Cover ist wunderwunderschön, da hast du Recht! Da wir beide einen fast immer gleichen Geschmack haben, würde ich jetzt mal sagen, dass es dir mit dem Buch wahrscheinlich ähnlich ergehen würde wie mir...Zur Not könnte ich es dir aber auch wieder einmal ausleihen ;)

    @Reni:
    Ich bin schon gespannt, was du zum Buch sagen wirst! Es hat zwar seine spannenden & interessanten Szenen, blieb mir die meiste Zeit über jedoch zu ruhig. Dir scheint es ja ähnlich zu ergehen - und es beruhigt mich, dass nicht nur ich die Beziehung von Sean und Puck als etwas unausgereift empfindet...Ich hoffe auf eine kurze Meinung von dir o. ä. ;)
    Und wenn du schon einem Werwolf oder so begegnet wärst, möchte ich mir jetzt wohl Sorgen machen, oder?

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  6. Grüß Dich, Sonne.
    Die Einsichten der Menschen sind zum Glück unterschiedlich und reichlich Stoff für die eigenen Gedanken. Was wäre ein Buchblog ohne divergierende Meinung...

    Unterthema "Werwolf".
    'Ginger Snaps' zeigt auf, daß frau als Schwester einer Werwölfin gewiße Privilegien einfordern kann. :-)

    bonté

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