Back Down to Earth

[Buchrezension] Insignia: Die Weltenspieler - S. J. Kincaid

Tom zögerte. Er erinnerte sich an Viks Worte: Es gibt keinen Neuronalprozessor auf der Welt, der sich nach Belieben mit irgendeiner Maschine verbinden könnte. Er überlegte eine Weile, was er sagen sollte.
Aber er hatte es geschafft. Er war sich jetzt sicher, dass er es geschafft hatte. 
Doch was es auch gewesen sein mochte, was er hinbekommen hatte - es war zu groß für so ein läppisches Geplänkel im Turm. Er war sich ja noch nicht einmal sicher, was ihm da gelungen war. 
Tom schüttelte den Kopf. "Du hattest Recht. Ich hab's mir wohl nur eingebildet."

INHALT
In der nahen Zukunft ist der gefürchtete 3. Weltkrieg ausgebrochen - doch dieser wird durch virtuell gesteuerte Kampfmaschinen im Weltall ausgetragen. Der junge Tom hat immer davon geträumt, selbst einmal eine solche fliegen zu dürfen, doch dafür ist er eigentlich zu arm und zu ungebildet. Als er jedoch in einer Simulation einmal wieder einen schweren Kampf gewinnt, werden die Chefs des Pentagons, in dem die jungen Computergenies ausgebildet werden, auf ihn aufmerksam. Tatsächlich wird er kurz darauf selbst Rekrut, erhält einen Prozessor, der seine Denkvorgänge beschleunigt und lebt das Leben, das er sich immer erträumt hat. Doch bald wird ihm klar, dass nicht alles so ist wie es scheint...

MEINE MEINUNG
S. J. Kincaids Dystopie "Insignia: Die Weltenspieler" ist nicht nur deshalb etwas Besonderes, weil sie aus der Sicht eines Jungen erzählt wird - was es in diesem Genre sowieso selten gibt -, sondern auch, weil dieser zu Anfang ungewöhnlich unperfekt ist und es auch in einigen Aspekten bleibt. Weder ist er der gutaussehende, starke Protagonist, noch kann er alles. Erzählt wird die Geschichte aus seiner personalen Sicht im Präteritum, der Schreibstil ist jugendlich, flüssig und frisch, aber nie übertrieben auf Teenager zugeschnitten. Die Beschreibungen der neuen, dystopischen Welt, der Kriege und der Lebensumstände sind realistisch, glaubwürdig und so überzeugend, dass es sich wirklich anfühlt, als wäre man mittendrin und würde alles gemeinsam mit dem Hauptcharakter erleben.

Tom ist ein wunderbarer Protagonist, der einem durch seine menschliche und so normale Art von Anfang an sympathisch ist. Sein Leben allerdings ist nicht immer einfach gewesen: Sein Vater ist Spieler und bringt nur selten genug Geld zum anständigen Leben mit nach Hause; seine Mutter lässt sich von einem schmierigen Reichen ausnutzen. Dennoch ist er nicht verbittert, sondern versucht im Gegenteil das Beste aus allem zu machen und benutzt dabei seine ganze Cleverness. Auch seine Entwicklung vom aufmüpfigen Jungen zum bewusste Entscheidungen treffenden jungen Mann ist glaubwürdig und nachvollziehbar. Vik, sein Zimmergenosse und bald auch bester Freund, ist in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil: Groß, gut gebaut, Russe und selbstbewusst. Er ist witzig und lockert auch ernstere Situationen durch seine lockere Art immer wieder auf. Gleichzeitig ist er ein wahrer Freund, weshalb man ihn schnell ins Herz schließt.

In seinem neuen Zuhause lebt sich Tom nach kurzer Zeit gut ein - und neben Vik entwickelt er auch eine gute Freundschaft zum als Spitzel abgestempelten Yuri und der sehr unsensiblen, aber schlauen und hilfsbereiten, Wyatt, die die Geschichte beide gut vorantreiben. Aber Tom wird bald klar, dass nicht alle Personen, die er kennenlernt, auch Gutes im Sinn haben: Da ist der skrupellose Professor Blackburn, der ihn bei jeder Gelegenheit schikaniert, der brutale Karl, der Rache an ihm üben will, oder der manipulative Dalton, der ihm seine Mutter genommen hat. Jede einzelne Figur ist aber so durchdacht und gut aufgebaut, dass keine auch nur ansatzweise überflüssig oder eindimensional wirkt.

Der erste "Insignia"-Band besitzt vielleicht kein Übermaß an Inhalt, denn das Einführen von Tom in sein neues Leben steht die meiste Zeit über im Vordergrund, dafür wurde die Thematik wunderbar umgesetzt: Viele Dinge, die für uns noch selbstverständlich sind, werden in dieser dystopischeomputern ausgeführt - wie zum Beispiel Schule in virtuellen Klassenräumen statt in realen. Und auch die Kriege finden auf eine solche Weise statt - werden aber nicht um Länder oder aufgrund von Auseinandersetzungen geführt, sondern einzig und allein, weil zwei Konzerne ihre Macht festigen wollen. Dafür werden Jugendliche rekrutiert, die mithilfe eines Computers in ihrem Hirn zu wahren Intelligenzbestien und taktischen Kämpfern werden. Dabei ist das gesamte System zwar hoch technologisiert, wird aber so gut und einfach zu verstehen beschrieben, dass man als Leser nie Verständnisschwierigkeiten hat. 

Einige Elemente des Romans erinnern durchaus etwas an "Harry Potter": Ein neues Leben; eine Gemeinschaft von jungen Menschen, in vier Häuser aufgeteilt, die einmal etwas Großes vollbringen sollen; ein furchtbarer Lehrer; ein Feind unter den Schülern - diese Ähnlichkeiten stören aber kaum, da genau wie in der genannten Reihe auch hier ein wunderbares Gefühl von Zuhause entsteht, einfach, weil man sich so wunderbar hineinversetzen kann. Möglicherweise könnte einigen die erste Hälfte zu langweilig sein, weil Tom sich im Pentagon erst einmal zurechtfinden muss und es viel um Machtspielchen geht. Spätestens ab Seite 300 jedoch beginnt das Ganze sich zu verflechten und lässt kaum noch los. Tom erhält eine große Chance, muss sich entscheiden und gerät in einen gefährlichen Strudel aus Lügen und Anschuldigungen...Das Ende besitzt keinen Cliffhanger und lässt einen so nicht in der Luft hängen, einige Stränge wurden jedoch bewusst nicht zusammengeführt. Und so bleibt dennoch ein Gefühl der Erwartung - und natürlich die Freude auf den 2. Teil namens "Vortex", der wohl allerdings leider noch ein wenig auf sich warten lassen wird.

FAZIT
Mit "Insignia: Die Weltenspieler" ist S. J. Kincaid eine Dystopie gelungen wie ich sie noch nicht gelesen habe. Sehr technisch und kämpferisch, dabei aber nie kompliziert oder verwirrend - so soll das sein! Sowohl die Charaktere als auch die Geschichte konnten mich mitreißen und total fesseln. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung und vergebe supergute 4,5 Punkte!



Titel: Insignia: Die Weltenspieler
Originaltitel: Insignia
Autor: S. J. Kincaid
Übersetzer: Peter Beyer
Verlag: Goldmann
Seitenzahl: 512 Seiten
ISBN-13: 978-3442478347


   Kommentare:

  1. Von dem Buch habe ich bisher noch gar nichts gehört - klingt aber echt spannend so wie du es beschreibst! Vielleicht koomm ich ja demnächst mal in eine Buchhandlung und nehme es mir mit! Danke für den Tipp!

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  2. landet gleich mal auf meiner Wunschliste :)
    LG, Sandrina

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  3. @Juna:
    Solltest du es in einer Buchhandlung sehen, würde ich dir wirklich empfehlen, es mitzunehmen - es lohnt sich definitiv! Ist einfach anders, aber anders gut ;)

    @Sandrina:
    Das freut mich! Solltest du es dir zulegen, wünsche ich dir viel Spaß!

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