Back Down to Earth

[Buchrezension] Lost Land: Die Erste Nacht - Jonathan Maberry

Sofort wirbelte Charlie herum, in der Annahme, dass einer seiner Männer den Kindern den Weg abschnitt. Stattdessen starrte er Benny Imura direkt in die Augen und sah, dass sämtliche seiner 19 Gefangenen an ihm vorbei in die Dunkelheit entflohen.
Rotaugen-Charlies Gesicht verfinsterte sich vor nackter Wut und er hob seine Pistole.
Und Benny Imura hob seine eigene Waffe.

INHALT
Nach dem Ausbruch einer schrecklichen Krankheit vor 14 Jahren, die alle Menschen von nun an nach dem Tod oder durch Bisse zu Zombies mutieren lässt, lebt Benny gemeinsam mit seinem verhassten Bruder Tom in Mountainside, einer der wenigen Städte mit Überlebenden. Doch dort herrschen strenge Gesetze: Sobald ein Bürger das 15. Lebensjahr erreicht hat, muss er sich eine Arbeit suchen. Notgedrungen geht Benny bei Tom in die Lehre. Aber im Leichenland, in dem die Untoten ihr Unwesen treibt, erhält er zum ersten Mal ein anderes Bild von seinem Bruder: Denn dieser behandelt die Zombies respektvoll und ermöglicht ihnen den letzten Frieden. Und Benny wird langsam klar, dass die Gefahr nicht diese Kreaturen sind - sondern die Menschen selbst. Menschen, die ihm und seinen Freunden Böses wollen...

MEINE MEINUNG
Zombie-Romane und Zombie-Filme gibt es zuhauf - und oft unterscheiden sich diese ganzen Werke  kaum voneinander. Dass der erste Band der "Lost Land"-Reihe anders ist, wird allerdings schon auf den ersten Seiten klar. Denn weder bricht die Seuche hier erst über die Menschen herein, noch ist der Protagonist ein kaltblütiger Killer - viel mehr geht es um das Zwischenmenschliche, was das Buch von anderen des Genres abgrenzt. Geschrieben ist die Geschichte aus der personalen Sicht des 15jährigen Bennys, der, ob er nun will oder nicht, bei seinem Bruder in die Lehre gehen muss. Die Beschreibungen sind dabei detailreich, zwischenzeitlich auch blutig, aber nie zu ausführlich, was richtiggehend Bilder vor dem inneren Auge des Lesers erscheinen lässt.

Benny ist anfangs ein sehr unsicherer Junge, vom Hass zerfressen, weil sein Bruder ihre Mutter in der Ersten Nacht nicht rettete. Seine Tage verbringt er mit seinen Freunden und mit den Geschichten von Rotaugen-Charlie, zu dem er bewundernd aufblickt. Erst im Laufe der Geschichte wird ihm klar, dass gerade dieses Vorbild ein schlechtes ist und Tom im Gegenteil sein Vertrauen verdient. So macht er eine anschauliche und nachzuvollziehende Wandlung durch, die ihn zu einem starken jungen Mann reifen lässt. Tom Imura hat durch seine beschützende, interessante Art eigentlich sofort die Sympathien auf seiner Seite. Schnell wird klar, dass er sich nach einer besseren Beziehung zu Benny sehnt. Zwar wirkt er zwischenzeitlich etwas übermenschlich durch sein großes Können in beinahe allen Bereichen, dennoch hat er auch seine Schwächen, sodass er trotzdem authentisch wirkt.

Freundin Nix als weibliche Partnerin des Protagonisten überraschend stark, gewitzt und mutig. Anstatt sich andauernd retten lassen zu müssen, gibt sie Benny selbst auch Halt oder rettet ihn aus verzwickten Situationen. Ihre gesamte Art macht sie sympathisch, besonders aber, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Charlie und Hammer, die menschlichen Bösewichte, sind dagegen durchaus in gewisser Weise ein wenig stereotyp und vor allem leicht durchschaubar, dennoch wirken sie nie eindimensional und können durch beinahe schon logische Boshaftigkeit überzeugen. Einzig beim Verlorenen Mädchen war ich mir nicht ganz sicher, was ihre Rolle ist - möglicherweise wird dies in den Folgebänden aber noch deutlicher.

Anders als so viele sonstige Zombie-Romane wartet "Lost Land" nicht mit blutigem Gemetzel und widerlichen Gestalten auf, sondern konzentriert sich ebenso auf andere Aspekte. Sicherlich, die Zombies sind auch hier nicht sonderlich schön anzusehen, schließlich schlurfen, stöhnen und vegetieren sie so vor sich hin, dennoch hat sich Jonathan Maberry auch Gedanken um neue Aspekte gemacht: Die Untoten können keine Türen öffnen, gehen nicht gern bergauf und stehen, wenn nichts ihre Aufmerksamkeit erregt, einfach so herum. Außerdem wird eines ganz deutlich: Dass eben auch diese Kreaturen einmal Menschen waren und sie nichts dafür können, was sie nun sind. Tom behandelt sie respektvoll und führt Benny in das Familiengeschäft ein, wobei die Entwicklung zwischen den beiden wunderbar zu spüren ist.

Dies ist allerdings nicht der einzige Strang. Denn nach ihrer Rückkehr aus dem Leichenland bricht ein Sturm über die Stadt herein - und in der Panik und dem Chaos wird Bennys Freundin Nix entführt. Auf der langen Reise, um sie zu befreien und sich gleichzeitig auf die Suche nach dem geheimnisvollen Verlorenen Mädchen zu machen, lauern viele Gefahren, die die Spannungkurve die gesamte Zeit über sehr hoch halten. Die Geheimnisse, die aufgedeckt werden sowie die überraschenden Wendungen machen das Werk so fesselnd, dass man gar nicht zu lesen aufhören mag. Allerdings waren es mir zwischendurch doch ein wenig zu viele Zufälle - denn immer, wenn Benny mit oder ohne seine Freunde in Gefahr gerät, stößt in letzter Sekunde jemand dazu, um sie zu retten. Trotzdem bleibt das Buch bis zum Ende gut durchdacht und wartet schließlich mit einem rasanten, actionlastigen Showdown auf, der in einen zufriedenstellenden Schluss mündet, nach dem eines klar ist: Band 2 muss her, und zwar schnell!

FAZIT
Jonathan Maberry ist es mit "Lost Land: Die Erste Nacht" gelungen, einen sich von der breiten Masse abhebenden Zombie-Roman zu schreiben. Spannung ist die gesamte Zeit über vorhanden und gemeinsam mit den gut ausgearbeiteten Charakteren und der tollen Story ist das Werk ein echtes Vergnügen. Ein paar Schwächen verhindern die volle Punktzahl - aber der Nachfolger wird auf jeden Fall gelesen! Gute 4 Punkte.



Titel: Lost Land - Die Erste Nacht
Originaltitel: Rot & Ruin
Autor: Jonathan Maberry
Übersetzer: Franka Fritz, Heinrich Koop
Verlag: Edition Andreas Irle
Seitenzahl: 528 Seiten
ISBN-13: 978-3522201513


   Kommentare:

  1. Bisher hat mich das Buch eigentlich nie sonderlich interessiert, obwohl mir das Cover in letzter Zeit oft ins Auge springt. Ich muss aber sagen, das deine Rezi mich doch neugierig macht und ich werde mal sehen, ob dieses etwas andere Zombieabenteuer irgendwann einmal was für mich ist. Top geschrieben wie immer! :)

    Liebe Grüße
    Reni

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  2. @Reni:
    Solltest du jemals ein Zombiebuch versuchen sollen, würde ich dir wirklich ganz klar dieses hier empfehlen. Momentan erscheinen ja wieder ganz viele und die sind sich doch alle sehr ähnlich - im Gegensatz zu diesem hier. Gut möglich, dass es auch dir gefallen könnte ;) Danke dir ansonsten für das Kompliment!

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