Back Down to Earth

[Buchrezension] Über mir der Himmel - Jandy Nelson

Er schaut mich an, als würde ich Suaheli sprechen, dann lächelt er, legt die Arme um mich und sagt: „Bist du bereit?“ Er hebt mich hoch und wirbelt mich herum.
Plötzlich bin ich in dem idiotischsten Film, der je gedreht wurde, lache und fühle so ein riesiges Glück, dass ich mich dafür schäme, so fühlen zu können in einer Welt ohne meine Schwester.

INHALT
Lennie hat ihr gesamtes Leben im Schatten ihrer ausgelippten, schönen Schwester verbracht und sich nie darüber beschwert. Doch nun ist Bailey tot und alles verändert sich – Lennie weiß einfach nicht, wie sie mit diesem Verlust fertig werden soll und damit, dass sie nun Lennie ist und nicht mehr die Schwester ihrer Schwester. Doch dann verliebt sie sich: In Joe, der immer fröhlich ist und wunderbar Gitarre spielt und in Toby, der ihr Halt gibt. Sie weiß nicht mehr, was sie denken soll und verstrickt sich in einem Strudel aus nie gekannten Gefühlen... 

BUCHAUFMACHUNG
Immer wieder wird im Roman vom Himmel und der Bedeutung dessen für die Schwestern gesprochen, weswegen sowohl Titel als auch Titelbild sehr passend gewählt sind. Der blaue Hintergrund mit dem Kornfeld vermitteln ein sommerliches Gefühl und das hinauf gereckte Gesicht des Mädchens eignet sich wunderbar als Sinnbild dafür, dass Bailey immer da ist. Absolut gelungen!

MEINE MEINUNG
Lange stand „Über mir der Himmel“ in meinem Regal, weil mir nie der richtige Zeitpunkt zum Lesen schien. Warum das allerdings der Fall war, kann ich mir partout nicht erklären – denn mit diesem Buch kann man eigentlich kaum etwas falsch machen. Wer etwas für gefühlvolle, tiefgründige Jugendbücher übrig hat, sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen.

Jandy Nelson besitzt einen wunderschönen und definitiv unvergesslichen Schreibstil, der so schnell nicht mehr loslässt. Sie erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Lennie, die einige Höhen und Tiefen durchmacht. Dabei spart sie nicht mit Metaphern und Vergleichen, die perfekt zum Buch und auch zu den Figuren passen. Immer wieder werden kleinere Gedichte eingestreut, die Lennie auf alle möglichen oder auch unmöglichen Dinge – wie Kaffeebecher oder Bonbonpapiere – schreibt und die hauptsächlich ihre Beziehung zu ihrer Schwester porträtieren.

Am Anfang des Werkes ist Lennie extrem unsicher und vor allem vor Kummer über den Tod ihrer Schwester ganz schwach. Sie bezeichnet sich selbst als Beistellpony zum Rennpferd und muss damit klar kommen, dass sie nun nicht mehr im Schatten steht, sondern selbst für ihre Träume verantwortlich ist. So entwickelt sie sich im Laufe der Handlung sehr viel weiter, was immer glaubwürdig dargestellt wird. Bailey lernt man selbstverständlich nur durch Gespräche und Erinnerungen kennen, doch auch sie wirkt sehr sympathisch – glücklich, flippig und liebevoll, auch wenn man durch Lennie natürlich nur ihre guten Seiten kennenlernt.

Die beiden Jungen im Leben der Protagonistin könnten unterschiedlicher nicht sein: Joe, gut gelaunt und musikalisch hochbegabt, immer einen flotten Spruch auf Lager und definitiv ein Typ zum Anhimmeln. Und Toby, Skater mit wilden Locken und wenigen Worten, der mit ihr gemeinsam trauert – denn er war Baileys Freund. Beide sind aber immer genauso glaubwürdig wie die sonstigen Nebenfiguren. Von der durchgeknallten Freundin Sarah über den lauten, aber nachdenklichen Onkel Big, die zärtliche, gutmütige und verrückte Großmutter und die gehässige Konkurrentin in der Schule sind alle dabei und wirken nie auch nur einen Moment aufgesetzt.

Mit äußerster Feinfühligkeit erzählt die Autorin eine Geschichte von Verlust, Trauer und Glück. Lennie schämt sich, so glücklich zu sein, obwohl doch ihre Schwester tot ist, gleichzeitig fühlt sie sie jeden Tag erneut sterben. Und dann sind da auch noch die Probleme mit den Jungen, mit ihren neu entdeckten Emotionen und dem Drang und gleichzeitigem Zurückschrecken, endlich aus dem Schatten herauszutreten. Der Leser begleitet Lennie die gesamte Zeit über wie ein unsichtbarer Freund und kann sich kaum noch loseisen, so fesselnd, berührend und mitreißend sind ihre Erlebnisse. Dabei wird es nie überzogen, sondern bleibt immer im Bereich des Nachvollziehbaren.

Natürlich ist die Geschichte nicht völlig frei von Vorhersehbarkeiten, aber dennoch schafft sie es, einen immer wieder zu überraschen. Trotz des traurigen Themas kommt es nicht selten vor, dass man grinsen oder sogar richtig kichern muss. Es wird deutlich, dass auch in den dunkelsten Momenten   ein Licht aufgehen kann, und das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb das Buch so glücklich macht. Sicher ist eines auf jeden Fall: Vielleicht mit dem ein oder anderen Tränchen im Augenwinkel, aber so oder so irgendwie froh erfüllt lässt das Buch auch nach dem Zuklappen lange nicht mehr los.

FAZIT
Wer hätte gedacht, dass ein Buch über Verlust letztendlich so glücklich machen kann? Jandy Nelson hat mit „Über mir der Himmel“ in der Tat ein wunderschönes Jugendbuch verfasst, das mitreißt und mit Tiefgründigkeit und ein wenig Melancholie zu berühren weiß. Absolute Sommer-Empfehlung! 5 Punkte.


    
Titel: Über mir der Himmel
Originaltitel: The Sky is Everywhere
Autor: Jandy Nelson
Übersetzer: Catrin Fischer
Verlag: cbj
Seitenzahl: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3570138779



   Kommentare:

  1. Oh Mensch, wie toll. Ich hab das Buch ja erst geschenkt bekommen u. bin jetzt ganz heiß drauf. Eine wunderschöne Rezi, Sonne! Ich glaube das ist genau mein Buch. Metaphern finde ich ja immer gut und auch diese Gegensätzlichkeit von Glück und gleichzeitiger Trauer klingt spannend u. aufwühlend. In einer anderen Rezi hab ich mal gelesen, dass es stellenweise etwas zu lyrisch für ein Jugendbuch wär, aber ich mag sowas ja total. Danke für den schönen Einblick :-)
    LG,
    Damaris

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  2. Grüß Dich, Sonne.
    Ein Buch, welches glücklich macht. Ich denke ein größeres Kompliment kann man/frau einem Roman nicht machen.

    Trefflich rezensiert, weil ich die Stimmungen des Gelesenen nachempfinden kann. Du wirfst faktisch den Trailer dafür an.

    Dies kann ich schreiben, obschon mir die Charakeristika der Nebenfiguren - außer Bailey - dem Klischee entsprungen zu sein scheinen. Die Waltons! :-)

    bonté

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  3. @Damaris:
    Ich bin mir relativ sicher, dass dir das Buch gefallen würde. Du magst ja auch die Art von bspw. Maggie Stiefvater und fandst "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" toll. Wobei dieses Buch hier da natürlich nicht ganz so voller Metaphern und Vergleiche ist, in den eingestreuten lyrischen Texten da aber schon rankommt. Ich fand grade das toll, kann aber auch verstehen, wenn es anderen nicht so zugesagt hat.
    Ich hoffe sehr, dass dir das Buch ebenso gefallen wird wie mir!

    @RoM:
    Meiner Meinung nach sollten Bücher ja immer glücklich machen und seien sie noch so traurig. Schade, dass das mittlerweile nicht mehr allen gelingt...
    Ich danke dir wieder einmal für das Kompliment - das freut mich doch, dass meine Rezension Kopfkino entstehen lässt :D Die Waltons kenne ich, natürlich, mal wieder nicht und die verrückten Familienmitglieder sind sicherlich klischeehaft - aber mir hat es gefallen ;)

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  4. Eine wundervolle Rezension! Damaris hat mir dieses Büchlein kürzlich als Gesundmacher (als ich eine Woche das Bett hüten musste) zukommen lassen und nun bin ich höchst gespannt. Auf meiner Wunschliste stand "Über mir der Himmel" nämlich schon lange und ja, wie ich hier gerade lesen durfte, scheint es ein besonderes/lesenswertes Buch zu sein. Hoffentlich bin ich am Ende ähnlich glücklich, trotz der traurigen Thematik. Ich kann wieder nur sagen: toll geschrieben!

    Leider schaffe ich heute nicht mehr alles hier nachzuholen, aber in nächster Zeit muss ich das unbedingt mal tun. Nicht, dass mir noch was wichtiges entgeht. Ach so, ich war heute übrigens in "TED" und naja, es war ein witziger Film (der Anfang was sooo putzig), hin & wieder aber auch echt strange. Bereut habe ich es aber nicht, ihn mir angesehen zu haben. Allein schon, weil Ted so knuffig ist - dennoch nicht mein Typ! Dann doch zu flauschig und die Sprüche wäre mir auf Dauer einfach zu flach. ;P

    Liebe Grüße
    Reni

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  5. @Reni:
    Das freut mich ja sehr, dass sich "Über mir der Himmel" in deinem Besitz befindet [auch wenn du dafür sozusagen krank werden musstest :D]. Ich hoffe sehr, dass du bald dazu kommst, es zu lesen, denn ich persönlich fand es wunderschön und könnte mir vorstellen, dass das auch für dich etwas ist. Traurig ist es ganz bestimmt, aber auch wirklich so schön - bisher habe ich selten etwas Vergleichbares in dieser Form gelesen!

    "Ted" fand ich so ja ganz gut, nur zu übertrieben einfach - besonders diese dramatischen Szenen zum Ende hin, nun ja. Aber der Anfang ist auf jeden Fall sehr knuffig, da hast du Recht - besonders die Stimme ;) Von mir aus hätte man daraus auch einen Kinderfilm machen können...

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