Back Down to Earth

[Buchrezension] Wenn es dunkel wird - Manuela Martini

"Und was sollen wir dann deiner Meinung nach tun?" Claas sah ihn stirnrunzelnd an. Julian öffnete die Augen, er zuckte mit den Schultern. "Wir ignorieren die Mail einfach."
"Ab in den Papierkorb oder wie?", sagte ich.
Julian nickte und dabei sah er mich das erste Mal richtig an.
Wir hätten auf ihn hören sollen. Aber wir hatten nicht die Nerven dazu.

INHALT
Von ihrem Freund Claas wird Melody in das Strandhaus von zwei seiner Freunde eingeladen, das an der französischen Mittelmeerküste gelegen ist. Begeistert sagt sie zu und freut sich auf ein paar entspannte Wochen - besser kann man die Ferien ja kaum verbringen! Doch schon kurz nach der Ankunft entwickeln sich Spannungen unter den vier Jugendlichen und die Situation spitzt sich langsam und unaufhaltsam immer weiter zu. In einem Rausch von Drogen und Alkohol passiert schließlich etwas Schreckliches und sie wissen nur einen Ausweg: Alles vertuschen...

BUCHAUFMACHUNG
Wie bei den Arena-Thrillern üblich ist die Gestaltung sehr einfach gehalten. Der Hintergrund ist pink-rosa mit kleinen Rosen-Ornamenten, ins Auge fallen die Motten in Weiß- und Lilatönen, die gut zur Dunkelheit passen. Am oberen Rand des Covers wurde die Farbe so eingesetzt, dass es wirkt, als wäre sie leicht abgeschabt, was einen tollen Eindruck vermittelt. Insgesamt passt die Aufmachung nicht perfekt zum Inhalt, macht aber definitiv neugierig.

MEINE MEINUNG
Mit Jugend-Thrillern kann ich normalerweise eher nichts anfangen, obwohl ich selbst erst 16 bin - oftmals wird in diesen zu großer Wert auf Gefühle und eine Liebesgeschichte gelegt, was viel von der Atmosphäre zerstört. So war ich auch bei "Wenn es dunkel wird" erst einmal arg skeptisch. Doch nach nur wenigen Seiten war ich schon wie gebannt mitten in der Geschichte und wurde so tatsächlich positiv überrascht.

Manuela Martini hat ihren Roman in einer sehr ungewöhnlichen Schreibweise verfasst. Die Rahmenhandlung bildet ein Video, das auf Youtube in mehreren Teilen hochgeladen wurde und von dem ein auktorialer Erzähler berichtet. Darin erzählt ein Mädchen von den Geschehnissen des letzten Sommers, die sie nie wieder losgelassen haben. Dabei wird aus der Ich-Perspektive im Präteritum geschrieben und der Leser immer wieder mit "Du" angeredet, was so eine Wirkung besitzt, als werde man als Zuschauer direkt angesprochen beziehungsweise wäre direkt dabei. Dies setzt die Autorin kontinuierlich um und vermittelt damit eine ganz besondere Atmosphäre.

Melody ist eine Protagonistin, die einen sehr zwiegespalten zurücklässt. Anfangs ist sie durchaus sympathisch, ein bisschen altklug und sicherlich zickig, aber alles in allem ein normales Mädchen. Je weiter die Handlung jedoch voranschreitet, desto eifersüchtiger, aggressiver und unmöglicher wird sie. Das löst im Leser ein befremdliches Gefühl aus, gleichzeitig bleibt sie jedoch so gut wie immer glaubwürdig, sie verhält sich menschlich, weswegen man sich identifizieren kann. Claas, ihr Freund, ist ein Macho sondergleichen, obwohl er dafür gar keinen Anlass hat. Er ist ein Streber und Angeber, benimmt sich seinen Mitmenschen gegenüber oftmals schrecklich und hat so manches Mal eine Ohrfeige verdient. Die ganze Zeit scheint es, als würde er die Ruhe behalten - in Wirklichkeit aber verliert er zuerst die Kontrolle.

Tammy und Julian sind beide von Aussehen und Körper her nahezu perfekt. Besonders Tammys Charakter leidet dagegen sehr. Sie ist egozentrisch, zickig und unhöflich, dazwischen aber auch ängstlich und verletzlich. So bleibt sie glaubwürdig, denn man weiß nie: Wie hätte man selbst sich verhalten? Julian erscheint recht sympathisch, da er die besseren Eigenschaften geerbt hat, aber er verbirgt von Anfang an etwas. Was das ist, wird dem Leser allerdings schnell klar und wem seine Gefühle gelten, bleibt nicht lange verborgen. Dies macht ihn so wütend und unberechenbar, dass es den Leser durchaus zu schockieren vermag.  Alle 4 Hauptpersonen wurden wunderbar ausgearbeitet, nur Yannis, der Polizist aus dem Ort, hat meiner Meinung nach etwas gelitten, da er zwar undurchschaubar und interessant wirkt, dies am Ende allerdings nicht aufgelöst wird.

Manuela Martini besitzt eindeutig eine Gabe dafür, die drohende Gefahr und damit auch die Atmosphäre immer stärker anschwellen zu lassen, Letztere wird im Laufe der Handlung beinahe schon erschreckend drückend. Zwischen den Jugendlichen herrschen Spannungen, alle 4 bekommen sich immer wieder in die Haare - und dann ist da auch noch das Buch des Autors, der vorher in dem Haus lebte und irgendwann spurlos verschwand. Seine Texte stacheln die Teenager auf zu großen Dummheiten und schließlich zum größten Fehltritt überhaupt. Bis dieser geschieht dauert es zwar etwa 250 Seiten, dennoch kommt in dieser Spanne keine Langeweile auf. Die gesamte Zeit über stellt sich die Frage, was noch geschehen wird und wer der unheimliche Stalker ist, der sie zu verfolgen scheint.

Natürlich bleiben die Gefühle nicht außen vor - Mel fühlt sich ziemlich schnell zu Julian hingezogen und himmelt ihn an. Das stört aber nur geringfügig, da es tatsächlich wichtig für die Handlung ist und sie selbst erkennt, wie schrecklich sie sich aufführt, während sie doch nichts dagegen tun kann. Auch Tarotkarten spielen in dem Thriller eine Rolle und geben dem Ganzen einen kleinen übernatürlichen Touch - denn diese passen immer perfekt zur jeweiligen Person. Jenen Aspekt hat die Autorin sehr passend eingewoben, sodass es noch fesselnder wird. Tatsächlich steigt der Spannungsbogen kontinuierlich an - jedenfalls bis zu der Rückfahrt nach Deutschland. Die Ereignisse danach sind meiner Meinung nach wieder deutlich zu vorhersehbar; wer hinter diesen steckte, war mir schnell klar. Dennoch schaffte die Schreibweise es auch hier, mich dabei zu behalten - bis das geradezu erschütternde Ende, das man so erahnt, aber dennoch nicht erwartet hat und dass einen so für einen Moment tatsächlich sprachlos zurücklässt, mich zufrieden zurückließ.

FAZIT
Manuela Martini hat es mit "Wenn es dunkel wird" tatsächlich geschafft, mich zu fesseln - und das  gelingt bei Jugend-Thrillern so gut wie nie! Die Geschichte ist originell und gut mit der Rahmenhandlung verwoben, die Hauptcharaktere sind glaubwürdig ausgearbeitet und die Atmosphäre ist dicht und fesselnd. Bis auf das etwas vorhersehbare Ende ein absolut gelungener Roman! Gute 4 Punkte.



Titel: Wenn es dunkel wird
Originaltitel: -
Autor: Manuela Martini
Übersetzer: -
Verlag: Arena 
Seitenzahl: 357 Seiten
ISBN-13: 978-3401066080



   Kommentare:

  1. Das hört sich doch erstaunlich gut an, vor allem dafür, dass es ein Arena-Trhiller ist :D

    Ich hätte bei deiner Inhaltsangabe ja eher vermutet, dass die Personen sich schon wieder so verhalten, wie es kein normaler Mensch tun würde (was ich ja überhaupt nicht leiden kann -.-), nur um besagtes "Schreckliches" zu vertuschen...

    Mir geht es übrigens auch wie dir, dass ich finde, dass in Jugendthillern oftmals viel zu viele Gefühle und andere, vom Wesentlichen ablenkende, Aspekte eingebaut sind ^^

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  2. Hallo, Sonne.
    Eine Gruppe von jungen Menschen verbringt irgendwo im Abgelegenen längere Zeit miteinander. Würde Shakespeare heutzutage leben, er hätte aus diesem Treibsatz möglicher Dramen einiges an süperbem Material heraus geholt.

    Dein vorliegender Thriller war dann aber auch nicht von talentfreier Hand verfaßt.
    Deswegen hast Du vermutlich auch ein paar gute Lesestunden in der Hängematte verbracht.

    bonté

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  3. @Charlie:
    Ja, mit hat es auch sehr überrascht, dass mich ein Arena-Thriller so begeistern konnte - aber einmal ist immer das erste Mal und ich freue mich natürlich sehr ;) Und die Personen verhalten sich alle sehr krass, aber eigentlich dennoch immer glaubwürdig, denn bei den drückenden Spannungen kann ich das durchaus nachvollziehen...

    @RoM:
    Oha, ich weiß mal wieder gar nicht, was ich antworten soll :D Aber ich bin mir sicher, dass Shakespeare da einiges rausgeholt hätte - allerdings hat er ja nun genug Dramen erschaffen, die man sich zu Gemüte führen kann ;)
    Und in der Tat, der Thriller hat mich ein paar schöne Stunden gefesselten Lesens geschenkt und das ist ja nun das Wichtigste!

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  4. Ich habe deine Rezi jetzt mal nur kurz überflogen, weil ich das Buch auch sehr bald lesen will. Dafür habe ich aber das Fazit inhaliert. Klingt super! Vor allem da du Thriller auch weniger magst, stimmen mich deine Worte sehr optimistisch. Auch die Idee mit dem You Tube Video macht es vorab bereits interessant. Ich bin gespannt! Bei solch einer 4 Bücher Bewertung aus deinem Munde, kann nur was gutes werden für mich - denke/behaupte ich jetzt einfach mal so.

    Liebste Grüße
    Reni

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  5. @Reni:
    Thriller generell mag ich schon sehr gern - nur normalerweise keine Jugend-Thriller. Daher, behaupte ich jetzt mal, kann sich die Autorin schon ein bisschen was drauf einbilden. Der letzte gute Thriller dieser Art ist nämlich schon ein paar Jährchen her ;)
    Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen und werde mich dann mal durch deine Posts dahin durchgraben, wenn ich wieder da bin!

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  6. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  7. Hm, doppelt so alt wie du lese ich eher gern meine Jugendbücher aus nostalgischen Gründen immer mal wieder. Aber dies hier klingt originell. Gerade was man aus diesem Youtube-Aufhänger machen kann interessiert mich. Vielleicht leihe ich es mir mal.

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