Back Down to Earth

[Buchrezension] Schattenstill - Tana French

"Selbstverständlich", sagte ich. "Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Mrs Spain. Ich möchte Ihnen noch mal unser Beileid aussprechen. Ich hoffe, Ihre Schmerzen sind einigermaßen erträglich."
Sie antwortete nicht. Ihre Augen waren trüb geworden. Sie war schon ganz weit weg. Wir standen so leise wir konnten auf und gingen aus dem Zimmer. Als ich die Tür hinter mir schloss, hörte ich, wie Jenny anfing zu weinen.

INHALT
Broken Harbour, eine windgepeitschte Geisterstadt voller Bauruinen nördlich von Dublin: In einem der wenigen bewohnten Häuser wird eine junge Familie aufgefunden – die Eltern brutal niedergestochen, die beiden kleinen Kinder erstickt. In den Wänden ihres hübsch eingerichteten Häuschens klaffen rätselhafte Löcher. Detective Mike Kennedy ist überzeugt, dass er den Fall lösen wird, schließlich arbeitet niemand in der Mordkommission so effektiv wie er. Doch Broken Harbour entpuppt sich als erbarmungsloser Abgrund, der auch ihn zu verschlingen droht - erneut...

BUCHAUFMACHUNG
Der weiße Hintergrund im Zusammenspiel mit den schwarzen Ästen und dem dunklen Acker wirkt sehr geheimnisvoll. Da sticht der hellgrüne Titel sehr hervor. Zwar deutet kein Element wirklich auf den Inhalt des Buches hin, dennoch ist das Ganze einfach ein Eyecatcher. Unter dem Umschlag ist der Roman in ein einfaches Grün gebunden, das zum Aufdruck auf dem Cover passt.

MEINE MEINUNG
Schon allein das Cover des Kriminalromans zog mich vom ersten Blick an total in den Bann. Aber nicht nur das - auch der Klappentext wirkte so stimmig, dass ich kein 2. Mal an dem Buch vorbeigehen konnte. Krimis kann ich selten viel abgewinnen, aber hier wollte ich es noch einmal probieren. Und wurde mit einer ausgeklügelten Geschichte belohnt, die aber an manchen Stellen etwas zu langatmig geworden ist.

Tana French besitzt einen ansprechenden, beschreibenden und sehr zeitgemäßen Schreibstil, der schnell in die Geschichte einführt und so schnell nicht wieder loslässt. Ihre Schilderungen sind eindrücklich, fesselnd, ja, aber durchaus auch etwas lang. Zwar erschafft sie so großartige Bilder, übertreibt es allerdings zwischendurch. Sie erzählt ihren Roman aus der Ich-Sicht des Detektives Mike Kennedy, wodurch es dem Leser schnell gelingt, eine Bindung zum Charakter aufzubauen.

Kennedy ist kein einfacher Charakter. Eigentlich sehr selbstbewusst, überzeugt von sich und der Erfüllung seines Traumes, einmal richtig Karriere zu machen, entgeht ihm beinahe, dass der Fall ihn mehr mitnimmt als je zuvor. Was vielleicht an seiner Familie liegen mag - denn auch er hat eine schwierige Vergangenheit. Das macht ihn schnell zu einem sympathischen, wenn auch nicht immer leicht zu verstehenden Protagonisten. Sein Partner Richie erscheint anfangs wie ein junger Mann, der zwar nicht genau weiß, wo es langgeht, aber eine eindeutige Vorstellung davon hat, wo er ankommen will. Allerdings besitzt er eben keine Erfahrung und verstrickt sich bald in Moralvorstellungen und Gewissensbisse.

Sowieso ist keine der Figuren auch nur ansatzweise schwarz-weiß gezeichnet. Da ist die labile Schwester Dina, die Mike nur helfen will, mit ihrem eigenen Leben aber nicht auch nur ansatzweise zurechtkommt und immer wieder in Probleme schlittert. Da sind die Verdächtigen im Mordfall, die sich alle durch unterschiedliche Charakterzüge auszeichnen und die man alle nicht durchschauen kann. Sogar die Nachbarn, die befragt werden oder Kollegen im Job zeichnet die Autorin so, dass sie zu jeder Zeit glaubwürdig und gut ausgearbeitet wirken.

Ansonsten setzt Tana French auf ruhige Ermittlungsarbeit: Zeugen, Nachbarn und Verdächtige werden befragt, Tatorte untersucht, Motive ermittelt. Wilde Action, Verfolgungen und ähnliches darf man hier auf keinen Fall erwarten, denn das führt nur zu Enttäuschungen. Durch die glaubwürdige Schreibweise, die gute Recherche und eindeutiges Hintergrundwissen wird der Leser wunderbar in die Arbeit eingeführt. Dennoch sind einige Dialoge definitiv zu ausführlich und beginnen irgendwann zu langweilen - besonders, da auch der Hintergrund des Detectives beleuchtet wird. So ist die Storyline zwar sehr ausgeklügelt und schlüssig, wirkt aber zu lang und manchmal regelrecht ermüdend.

Bis zum Schluss schafft die Geschichte es aber dennoch, einen dabei zu behalten - dafür ist es zu spannend, zu wissen, was das Motiv war. Es ist mir selten passiert, dass ich über einen so langen Zeitraum nicht wusste, wer der Täter ist. Der Autorin gelingt es, den Leser zu fesseln, indem sie ihn dazu bringt, sich dieselben Fragen zu stellen wie die Figuren im Buch: Wie hätte ich gehandelt? Was hätte ich getan? Dabei verwickelt sie einen in ein Geflecht aus Schuld, Liebe, Lüge und Wahnsinn, das sich erst ganz am Schluss abstreifen lässt. Die Auflösung ist nicht gewagt, nicht spektakulär, aber absolut nachvollziehbar, glaubhaft und mit einem perfekten Motiv gespickt, sodass der Krimi einen würdigen Abschluss bekommt.

FAZIT
Tana French versteht ihr Handwerk eindeutig und entführt den Leser in "Schattenstill" schnell in eine Geschichte, die man bis zum Ende nie ganz durchschaut. Dabei gelingt ihr sowohl die Ermittlungsarbeit als auch die Auflösung später exzellent. Dennoch sind einige ihrer Beschreibungen und Dialoge definitiv zu langatmig, was den Fluss stört. 100 Seiten weniger hätten da vielleicht Abhilfe geschafft. Ich vergebe gute 3,5 Punkte und werde mich auf jeden Fall nach einem weiteren Buch der Autorin umschauen!


Titel: Schattenstill
Originaltitel: Broken Harbour
Reihe: Dublin Murder Squad
Autor: Tana French
Übersetzer: Ulrike Wasel
Verlag: Scherz
Seitenzahl: 736 Seiten 
ISBN-13: 978-3502102236

   Kommentare:

  1. Das Buch steht auch auf meiner Wunschliste und gerade, dass du nicht wusstest, wer der Täter sein könnte, reizt mich jetzt noch mehr :) Schöne Rezi!

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. @Katie:
    Es kommt halt drauf an, ob du mehr auf große Spannung oder minutiöse Ermittlungsarbeit stehst - sollte letzteres dein Fall sein, kann ich dir das Buch nur ans Herz legen ;) Und es freut mich wie immer sehr, dass dir die Rezension gefällt!

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  4. Also ich muss auch sagen: schöne Rezi - sehr informativ! Krimis sind zwar nicht ganz mein Fall und somit wäre das Buch jetzt auch kein MUSS für mich, trotzdem hat es Spaß gemacht deine Rezi zu lesen. Irgendwie ist man ja doch neuierig (früher mochte ich Thriller ganz gerne). :)

    Liebe Grüße
    Reni

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  5. @Reni:
    Ich danke dir! Ich lese normalerweise lieber Thriller als Krimis [bis auf Jugendthriller, die kann ich fast nie ausstehen], daher war dieser Krimi mal etwas Neues für mich. Ich war auch einfach neugierig und wollte wissen, wer der Mörder der Familie ist ;)
    Aber wenn Krimis nicht so deines sind, würde ich eher sagen, lieber nicht - es wird halt großer Wert auf die Ermittlungen gelegt.

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