Back Down to Earth

[Buchrezension] vergissdeinnicht - Cat Clarke

Und immer kauert dieser Gedanke irgendwo im Hintergrund, der darauf wartet, mich umzunieten, wann immer alles endlich okay zu laufen scheint. Dieser Gedanke, dieses Wissen, das mir das Herz bricht: Mein Vater würde sich für den Menschen schämen, zu dem ich geworden bin.

13058514INHALT
Grace findet sich in einem weißen Raum wieder und hat keine Ahnung, was passiert und wie sie dort hin gekommen ist. Alles, was sie weiß, ist, dass sie dort festgehalten wird, in diesem farblosen Zimmer, das als einzige Beschäftigung weiße Blätter und bunte Kugelschreiber bereithält. Ihr Entführer, Ethan, sagt ihr, dass sie schreiben soll. Und das tut sie, bringt all ihre Gedanken und Gefühle zu Papier - und kommt dabei ihren Erinnerungen auf die Spur, denen sie versucht hat, zu entfliehen...

BUCHAUFMACHUNG
Die Gestaltung dieses Werkes ist definitiv mal etwas anderes, obwohl es wahrscheinlich kurz braucht, bis man ohne Vorwissen den Titel erkannt hat [außer man schaut auf dem Rücken nach]. Der weiße Hintergrund weist einen nur leicht davon abgehobenen grauen Text auf, der sich auch im Buch selbst wiederfindet. Einige Buchstaben sind violett hervorgehoben, woraus sich der Titel ergibt. Schade ist nur, dass der Autorenname so viel größer ist, geht es nicht eigentlich um den Inhalt statt der Person?

MEINE MEINUNG
Anfangs dachte ich wie so viele andere auch, dass es sich hier um einen dieser normalen Jugend-Thriller handeln würde. Nach anfänglicher Skepsis also begann ich mit dem Werk - und wurde schnell eines Besseren belehrt. Denn in "vergissdeinnicht" geht es tatsächlich um sehr viel mehr als eine Entführung.

Zuerst war das alles doch etwas gewöhnungsbedürftig für mich. Der Schreibstil ist umgangssprachlich und jugendlich gehalten, was eigentlich so gar nicht mein Stil ist. Doch kurz darauf wird klar: Eigentlich muss das genau so sein. Es passt zur Geschichte und alles andere hätte vielleicht seltsam erzwungen geklungen. So war es nur etwas unschön, dass die Personen- und Umgebungsbeschreibungen immer auf einen Schlag kamen und nicht im Text verteilt wurden. Ansonsten passen die oft kurzen, prägnanten Absätze und die Wortwahl perfekt zur Hauptfigur.

Grace ist eine nicht besonders mitfühlende oder gar nette Protagonistin, aber sie ist sensibel, auch wenn sie versucht, es zu verstecken. Sie ist eine sehr verletzliche Person und versucht das auszugleichen, indem sie ziemlich harsch und grob mit anderen umspringt. Ihr Leben ist kaputt, aber sie merkt nicht, dass das vor allem ihre eigene Schuld ist. Sal, ihre beste Freundin, war mir mehr oder weniger suspekt. Auf der einen Seite zu liebe- und sorgenvoll, auf der anderen Seite geheimniskrämerisch und abweisend. Mit ihr wurde ich genauso wenig warm wie mit Grace' erster großer Liebe Nat. Denn auch er wirkt die gesamte Zeit über abwechselnd zärtlich-verliebt und kalt, was mich total störte.

Sowieso scheinen alle Figuren irgendwie irgendwo immer mindestens ein Problem zu haben und das war leider mein Problem. Es schien mir, als müsste krampfhaft noch dieses oder jenes in die Handlung eingebaut werden, damit das Werk mehr Tiefe hat. Das wäre an dieser Stelle aber gar nicht nötig gewesen. So wirkte es auf mich leider in manchen Szenen überzogen. Trotzdem hat Cat Clarke es geschafft, mich dabei zu behalten, denn ihre Mischung aus Realität und Vergangenheit sowie das geschickte Verwischen dieser machen alles sehr spannend. Ich wollte wissen, was los und was Grace passiert ist, warum sie von Ethan entführt wurde und wieso er will, dass sie alles aufschreibt.

Natürlich war im Grunde für mich von vornherein klar, was genau los war in der Vergangenheit und woran Grace sich erinnern soll; woran sie sich nicht erinnern will. In gewisser Weise ist so alles ein wenig vorhersehbar, aber das tut dem Ganzen kaum einen Abbruch. Ich war immer noch gespannt darauf, wie es abgelaufen ist und wie es zu all dem kommen konnte. Tatsächlich überrascht der Schluss doch sehr und ist vor allem für einen kurzen Moment auch verwirrend - bis sich alles zusammenfügt. Das Ende ist anders als erwartet, ganz anders, aber im positiven Sinne, was den Roman zu einem richtig guten Abschluss bringt.

FAZIT
"vergissdeinnicht" unterscheidet sich ziemlich von anderen Jugendbüchern. Es ist schonungslos und setzt nicht immer unbedingt auf Sympathien, sondern auf die Schrecken der Realität, die einen in Verbindung mit dem spannenden Geheimnis, das alles umgibt, fesselt. Die Figuren wirkten auf mich teilweise zu gewollt tiefschürfend, was sie unglaubwürdig mysteriös erschienen ließ. Darüber lässt sich aber bei der interessanten Story hinwegsehen. 4 Punkte!


8579933Titel: vergissdeinnicht
Originaltitel: Entangled
Reihe: Nein
Autor: Cat Clarke
Übersetzer:
Verlag: Lübbe
Seitenzahl: 288 Seiten
ISBN-13: 9783785760611

   Kommentare:

  1. Oh cool, es hat dir gefallen. Bin auch gespannt, denn es liegt schon hier :-)
    LG,
    Damaris

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  2. Eine tolle Rezi! Stimmt, an diese andere Art des Schreibens (für mich war das Buch fast wie ein Tagebuch, nur ein bisschen anderes), muss man sich erst einmal gewöhnen. Obwohl es mir auf Anhieb gefiel. Ich dachte auch erst an einen Jugend-Thriller, umso überraschter war ich... positiv. Mit Sal & Nat ging es mir nur teilweise ähnlich wie dir. Es war schon schnell klar, wo das alles hinführt und Sal´s Geheimniskrämerei war schon leicht nervig/komisch. Doch irgendwie hat Cat Clark es immer wieder geschafft, es so hinzubiegen, dass ich die Charaktere verstehen konnte (also warum Sal sauer auf Grace war, obwohl sie für ihre Taten an sich allein verantwortlich ist). Obwohl es dadurch natürlich leicht gekünstelt/angepasst wirken kann. Nat ist im Grunde genommen wirklich ein A..., wenn man es genau nimmt. :)
    Mit dem Ende ging es mir genauso. Ich war überrascht, verwirrt ... und doch passte es für mich. Habe ich schon gesagt, dass ich deine Rezi toll finde? :D

    Liebe Grüße
    Reni

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  3. @Damaris:
    Ich freue mich auf deine Meinung, mal sehen, was du dazu sagst! ;)

    @Reni:
    Danke für den wie immer absolut ausführlichen Kommentar! Und vor allem Danke für das Lob, ich freu mich total ;)
    Sal konnte ich in gewisser Weise auch verstehen, es hat mich nur einfach total genervt, dass sie so ein Geheimnis um alles gemacht hat, selbst dann noch, als sie merkte, dass das so nicht weitergehen kann. Und Nat, hach, zum Ende hin wurde es besser [also, in der letzten "Szene"] aber davor habe ich ihn regelrecht verabscheut :D Dennoch ist es in gewisser Weise ja auch gut, denn das heißt ja, dass ich mitgefühlt habe.
    Aber das Ende passt auch für mich so - es ist halt anders, und das gänzlich. Aber im positiven Sinne :)

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  4. Das Buch steht auch schon auf meiner Wunschliste. Mir gefällt vor allem, dass es mal ein anderes Jugendbuch ist und auf "die Schrecken der Realität" setzt, wie du schreibst. Das mag ich nämlich ab und an sehr gerne und vier Sterne sind ja auch nicht schlecht. Tolle Rezension.

    Liebe Grüße, Diti

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  5. Huhu einen super coolen blog hast du hier!!"
    Gefällt mir sehr, bin gleich mal Leser geworden.
    Deine Rezensionen sind auch toll, da kann mal ja glatt neidisch werden :-D
    Da mein blog noch nicht so alt ist und noch ein paar Tipps vertragen könnte , würde ich mich total freuen wenn du mal vorbei schaust :-D
    LG lynn :-)

    http://lynns-leseparadies.blogspot.de

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  6. Oh danke für dein lieben Kommentar, hat mich echt gefreut...puhh...ich hatte wirklich schon Angst,dass meine Rezensionen zu lang geworden sind, desto mehr freue ich mich das du sie sie gut findest :-D
    LG lynn <3

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