Back Down to Earth

[Buchrezension] Gefährliche Nähe - Joanna Briscoe

Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich, dachte Cecilia und kritzelte die Worte an den Seitenrand. Sie blickte zu den Jungs, die sich an den Pulten gegenüber fläzten: pickelig und zeitweise tiefrot, entsetzliche Kreaturen, die sie niemals angefasst und mit denen sie kaum je gesprochen hatte. Sie gönnte sich einen Blick auf den Mann vor der Klasse, mit seiner Autorität, den dunklen Wimpern und dieser spürbaren leichten, fernen Traurigkeit. James Dahl, schrieb sie als Schwur.

17874902INHALT
Dora und ihr kreativer Ehemann Patrick können ihren Lebenstraum in der Künsterkolonie in Südengland ausleben,während sie ihre Kinder auf eine Schule voller Freiheiten schicken. Ihre Tochter Cecilia hingegen möchte am liebsten davonlaufen. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als die Töpfer- und Kletterkurse gegen klare Regeln und klassische Uniformen einzutauschen. Ihr Englischlehrer James Dahl ist da so ganz anders, bringt Bildung in ihr Leben und endlich auch autoritäre Strukturen. Cecilia verfällt ihm voll und ganz. Dora nimmt das Schwärmen ihrer Tochter nicht ernst, sie ist selbst viel zu sehr mit ihrer eigenen Gefühlswelt beschäftigt: Sie fühlt sich zu Dahls Frau Elisabeth hingezogen und bemerkt nicht, wie sowohl sie als auch Cecilia immer mehr in den Strudel ihrer Gefühle gezogen werden...

BUCHAUFMACHUNG
Selten habe ich ein nichtssagenderes Cover gesehen! Auf den Inhalt eingehen hätte man mit einer Aufmachung wohl sowieso nicht können, aber warum ziert das Titelbild ein auf einem Fenstersims sitzendes Mädchen? Das Haus passt zwar zur Vorstellung der 70er, dennoch, hier hätte ich mir etwas Originelleres gewünscht.

MEINE MEINUNG
Auch wenn der Titel "Gefährliche Nähe" mehr oder weniger einen Thriller weissagt, was ich relativ wenig gelungen finde, war ich von dem Plot sehr schnell fasziniert und hoffte eine Achterbahn der Emotionen. Tatsächlich dauert es aber relativ lange, bis man in den Geschehnissen des Romans gefangen ist und anfängt, mitzufühlen...

Joanna Briscoe hat einen sehr ausführlichen, detailverliebten Schreibstil. Es kommt nicht selten vor, dass sie absatzweise die Umgebung oder die Gefühle beschreibt. So kommt einem zwar alles näher und die Vorstellungen werden so um einiges bereichert - trotz der schönen Formulierungen und Worte kann das aber auch leicht zu Langeweile führen. Denn wenn lange Zeit nichts passiert, sondern nur berichtet wird, fühlt es sich so an, als hätte hier eindeutig gekürzt werden können. So fiel es mir leicht, das Buch wieder zuzuklappen und mich anderen Dingen zuzuwenden, obwohl mich die Storyline interessierte.

Die Charaktereigenschaften werden durch die Ausführlichkeit allerdings so schnell deutlich. Während Cecilia  früher ein naives, junges Mädchen war, das für den Lehrer schwärmte und einfach nicht loslassen konnte, ist sie nun, bei ihrer Wiederkehr, eine liebevolle Ehefrau und Erziehende dreier Kinder, die allerdings sowohl ihrer Mutter als auch James Dahl grollt. Sie ist nie über die Geschehnisse von damals hinweggekommen. Dora hat in gewisser Weise durch ihre Krebserkrankung dazu geführt, dass ihre Tochter zurückgekehrt ist. In einer schon lange im Sand verlaufenen Ehe fand diese Bestätigung in einer Affäre mit Elisabeth Dahl - die bis heute anhält. Sie versucht alles, um Cecilia und deren Familie bei sich zu behalten, um nicht so einsam zu enden. Sie ist sehr sympathisch, wiederholt sich aber oft in ihren Ausflüchten ihrer Tochter gegenüber.

Das Ehepaar Dahl hat auf mich oftmals extrem verwirrend gewirkt. Beide sind einerseits liebevoll und andererseits immer zurückgezogen. James' Affäre mit Cecilia hat ihm unglaubliche Schuldgefühle angelastet, aber von dem Mädchen lassen konnte er auch nicht, vielleicht durch ihre jugendliche Vitalität. Im Alter geht er mit vielem lockerer um, hat eine Wandlung durchgemacht und kann endlich zu seinen Gefühlen stehen. Die Entwicklung gefiel mir gut, scheint er doch so weit weniger kühl. Elisabeth dagegen bleibt das gesamte Buch über kalt und abweisend, durchsetzt von kurz währender Zuneigung und hartem Zynismus. Ihr Charakter ist absichtlich so gegensätzlich gestrickt, so allerdings auch nicht einen Moment lang sympathisch.

Erzählt wird der Roman im Präteritum, immer wieder wechselnd aus Cecilias und Doras Sicht. So baut man zu beiden eine gute Verbindung auf und kann ihre Erlebnisse, Gefühle und Gedanken toll nachvollziehen. Schade fand ich, dass die Kapitel aus der Vergangenheit ab circa Seite 200 schlagartig aufhörten und die Erinnerungen in die jetzige Zeit eingebaut wurden - dabei mochte ich grade die anderen Szenen besonders gern. Die Emotionen aller Beteiligten werden eindrücklich geschildert, wirken aber manchmal geradezu bedrückend - insbesondere, als dann auch noch Szenen aus den Sichten zweier Töchter Cecilias hinzukommen, die ich beide für äußerst merkwürdig hielt.

Dass sowohl die Tochter als auch die Mutter eine Affäre mit einem Mitglied der Familie Dahl haben oder hatten, ist natürlich nicht komplett überzeugend. Dennoch schafft Joanna Briscoe es mit sehr viel Feingefühl, das Ganze sehr realistisch darzustellen. Die Verhältnisse wirken bis ins Jetzt nach und haben Dora und Cecilia beide nie losgelassen. Zum Ende hin werden ein paar Geheimnisse aufgedeckt, die ich so erahnt, aber trotzdem nicht hatte kommen sehen. Das offene Ende lässt Raum für eigene Überlegungen und wirkt so sehr passend, kann aber nicht ausgleichen, dass im gesamten Roman relativ wenig passiert.

FAZIT
"Gefährliche Nähe" besitzt einen wunderbar ausgearbeiteten Plot, interessante Charaktere und einen beeindruckend schönen Schreibstil, ist aber zwischendurch leider durch ellenlange Beschreibungen etwas einschläfernd. Das führte dazu, dass ich beinahe ewig an diesem Buch saß. Wer also auf ruhigere Geschichten und eine gute Ausarbeitung wert legt, sollte sich dieses Werk einmal ansehen. [Noch] 3,5 Punkte.

10890540
Titel: Gefährliche Nähe
Originaltitel: You
Autor: Joanna Briscoe
Übersetzer: Gaby Wurster
Verlag: Bloomsbury Berlin 
Seitenzahl: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3827010490


   Kommentare:

  1. Hey!
    Mein Lesen der Kurzbeschreibung dachte ich "Wow! Klingt nach einem spannenden und interessanten Buch". Jetzt nach deiner Rezi weiß ich, dass das Buch nichts für mich ist.
    Danke fürs "Augen öffnen" :)
    Liebe Grüße
    Anka

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  2. Wie immer, eine schön geschriebene Rezi. Das Buch klingt zwar ganz nett, jedoch glaube ich nicht, dass es etwas für mich ist.

    Liebe Grüße, Diti

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  3. @Anka:
    Das Buch ist nicht schlecht - 3,5 Punkte sind bei mir die Wertung für "kann man gut lesen, besser als der Durchschnitt". Aber wer nicht so sehr auf einen langsamen Aufbau und ausführliche Beschreibungen steht, für den ist das sicherlich nichts.
    Es hat eindeutig auch seine guten Seiten ;) Vielleicht schaust du dir ja mal eine Leseprobe an?!

    @Diti:
    Ich kenne ja deinen Stil zu großen Teil und würde daher auch eher vermuten, dass das nichts für dich ist - schon von der Story her nicht. Und langweilen tust du dich genau wie ich ja eher schnell :D

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  4. Das Buch scheint für mich auch wohl eher nichts zu sein - klingt ja interessant, aber irgendwie verwirren mich schon die Familienverhältnisse oO :D
    Obwohl ich es wohl auch nicht unbedingt gekauft hätte.

    Zu dem Lesemarathon: es gibt ja immer ein nächstes Mal! ;) Ich veranstalte eigentlich jeden Monat einen, vielleicht schaffst du es ja dann im Juni oder Juli.
    Würde mich sehr freuen! :)

    Liebe Grüße

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  5. Hi Sonne.
    Also eher ein psychologisches Drama, als Psycho-Thriller. Was das Cover-Motiv angeht, würde ich mal auf das Bild vom Sprung ins eigene Leben tippen. Sozusagen das Kinderzimmer, Elternhaus hinter sich laßend.

    bonté

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  6. @Lisa:
    Wieso verwirren dich die Familienverhältnisse? :D
    Bei einem deiner nächsten Marathons mache ich bestimmt mit - will ich ja schon ewig! Du schaffst es nur immer fabelhaft, die auf das Wochenende zu verlegen, an dem ich mit Sicherheit nicht kann^^

    @RoM:
    Das ist natürlich eine mögliche Interpretation - bin ich selbst noch gar nicht drauf gekommen...Allerdings sieht das Mädchen nicht unbedingt aus, als würde es gleich "ins eigene Leben springen". Nun ja. Man weiß es nicht ;)

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